Franz Jägerstätter, Jüdische Rundschau, 25.05.1993

25.05.1993

Projekt Beschreibung

Franz Jägerstätter

von Andreas Maislinger Während der letzten drei Monate war in YAD VASHEM der Bilderzyklus „Licht in der Finsternis“ des österreichischen Malers Ernst Degasperi zu sehen. Der Künstler zeichnet in seinem Zyklus den Opfergang des oberösterreichischen Bauern Franz Jägerstätter nach. Es geht nun in meinem Kommentar nicht um die künstlerische Qualität der Zeichnungen, es geht um die Tatsache, daß ein österreichischer Gegner des Nationalsozialismus von YAD VASHEM in dieser außergewöhnlichen Form geehrt wird. Ich bin YAD VASHEM, Österreich und Franz Jägerstätter sehr verbunden, hätte mich also über diese besondere Auszeichnung meines Landes und Franz Jägerstätters freuen müssen. Und doch halte ich es für falsch, daß YAD VASHEM Jägerstätter in dieser Form ausgezeichnet hat. Da ich auf der anderen Seite seit Jahren versuche, mich für die Anerkennung Franz Jägerstätters einzusetzen, wird meine kritische Haltung überraschen. Franz Jägerstätter ist der bekannteste österreichische Gegner und auch das bekannteste österreichische Opfer des Nationalsozialismus. Über Jägerstätter wurden mehrere Filme gedreht und Bücher veröffentlicht. Besonders von amerikanischen Katholiken wird er als Heiliger verehrt. Franz Jägerstätter ist 1907 in St. Radegund, wenige Kilomenter von Braunau am Inn entfernt, geboren. Nach mehrmaligem Aufschub erfolgte im Februar 1943 seine Einberufung zur Deutschen Wehrmacht. Jägerstätter weigerte sich, für das Dritte Reich zu kämpfen, und wurde am 9. August 1943 in Berlin enthauptet. Es ist bekannt, daß viele prominente Gegner Hitlers Antisemiten waren oder gegenüber der Vernichtung der Juden gleichgültig blieben. Pater Maximilian Kolbe schrieb sogar antisemitische Artikel. Dieser Umstand ist inzwischen allgemein bekannt und hat nichts an der Bedeutung des Zeugnisses von Pater Kolbe geändert. Trotz seiner noch viel größeren Bekanntheit ist jedoch kein polnischer Künstler auf die Idee gekommen, YAD VASHEM darum zu bitten, einen Pater Kolbe-Zyklus zeigen zu dürfen. Die katholischen Polen verehren ihren heiligen Maximilian um vieles mehr als die österreichischen Katholiken Franz Jägerstätter. Die Republik Polen wünscht sich, wie Österreich, eine stärkere Anerkennung durch Israel, es scheint jedoch undenkbar, daß der polnische Botschafter den Wunsch an die Leitung von YAD VASHEM heranträgt, Pater Kolbe zu ehren. Franz Jägerstätter war im Gegensatz zu Pater Maximilian Kolbe nicht antisemitisch. Trotz seiner für einen einfachen Bauern unglaublichen politischen Informiertheit und Sensibilität hat er sich aber in seinen umfangreichen Notizen nie über die Verfolgung der Juden geäußert. Im zum Standardwerk gewordenen Buch Franz Jägerstätter „…besser die Hände als der Wille gefesselt…“ von Erna Putz kommen die Juden nur einmal, der Holocaust überhaupt nicht vor. Auf Seite 87 zitiert Erna Putz aus den politischen und religiösen Reflexionen Franz Jägerstätters der Jahre 1941 bis 1943: „Fragen wir uns einmal, sind denn Österreich und Bayern schuldlos, daß wir statt einer christlichen Regierung jetzt eine nationalsozialistische haben? Ist denn bei uns der Nationalsozialismus ganz einfach vom Himmel gefallen? Ich glaube, darüber brauchen wir nicht viel Worte zu verlieren, denn wer im März 1938 nicht geschlafen hat, der weiß ohnedies gut genug, wie es damals ausgeschaut hat. Ich glaub, es ist nicht viel anders zugegangen als am Gründonnerstag vor mehr als 1900 Jahren, wo man dem jüdischen Volke freie Wahl gegeben hat zwischen Christus, dem unschuldigen Heiland, und dem Verbrecher Barabas, auch damals hatten die Pharisäer Geld ausgeteilt unter das Volk, um fest zu schreien, um diejenigen, die noch zu Christus gehalten, irrezuführen und einzuschüchtern. Was hat man nicht auch bei uns im März 1938 gegen den noch christlich gesinnten Kanzler und gegen die Geistlichkeit für Schauermärchen erzählt und erdichtet.“ Der oberösterreichische Bauer hatte einen scharfen Blick für den Nationalsozialismus, und vor dem „Anschluß“ Österreichs hatte er genau verfolgt, was in dem benachbarten Bayern vor sich gegangen ist. Jägerstätter hat die politische Entwicklung nicht verschlafen, an seiner traditionellen katholischen Einstellung zum jüdischen Volk scheint dies jedoch nichts geändert zu haben. Es ist schwer verständlich, daß der so überaus kluge Mann nicht vor seinem Vergleich der Pharisäer mit den Nationalsozialisten erschrocken ist. Noch verwunderlicher ist jedoch der Umstand, daß die Autorin diese Stelle unkommentiert abdrucken ließ. Durch meine Kritik gehe ich ein mehrfaches Risiko ein. Jägerstätter hat noch nicht die auch von mir gewünschte Anerkennung gefunden. Man leistet jedoch der Anerkennung Jägerstätters keinen guten Dienst, wenn man ihn an einem Ort ehrt, wo er nicht hingehört. Von Teddy Kollek wurde bei der Eröffnung der Ausstellung betont, daß es sich um eine besondere Geste gegenüber Österreich handeln soll. Als Österreicher freue ich mich natürlich über die Anerkennung meines Landes durch den Bürgermeister von Jerusalem. Franz Jägerstätter ist jedoch (leider) gerade dafür nicht der geeignete Vertreter. Franz Jägerstätter würde eine Anerkennung durch das russische Volk verdienen, denn über das Leiden der Russen hat er immer wieder geschrieben. Es hilft nicht weiter, wenn eine bedeutende Persönlichkeit mit Verdiensten überfrachtet und ihm zu viele Einsichten zugeschrieben werden, wie zum Beispiel durch die in Israel erscheinende jiddische Zeitung LETZTE NAJES, die am 12. Februar 1993 zu berichten wußte, daß Jägerstätter wegen der erhaltenen Informationen über die Verbrechen der Deutschen in den Vernichtungslagern den Dienst in der Wehrmacht verweigerte. Franz Jägerstätter hat den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus erkennen wollen und danach konsequent gehandelt. Das macht ihn zu einem der bedeutendsten Österreicher unserers Jahrhundert. Als Katholik blieb er jedoch (soweit wir wissen) gegenüber den Juden blind. Eine noch so große Ehrung kann daran (leider) nichts ändern. Dr. Andreas Maislinger, Jg. 1955, Politikwissenschafter in Inns- bruck, leitet die Braunauer Zeitgeschichte-Tage und das Projekt Gedenkdienst.

Projekt Details

  • Datum 24. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1993

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