Fast 6000 Österreicher flüchteten nach Shanghai, Kurier

25.05.1995

Projekt Beschreibung

Kurier 25. Mai 1995

Fast 6000 Österreicher flüchteten nach Shanghai

Erstmals wird der Geschichte der von den Nazis vertriebenen „Shanghailändern“ gedacht.

Roman Hinterseer

Dem Überleben von vielen tausenden jüdischen Österreichern in Shanghai ist im Gedenkjahr 1995 die erste europäische Veranstaltung zu diesem Thema gewidmet: Vom 26. bis 28. Mai wird im Salzburger Bildungshaus St. Virgil die packende Geschichte der Flüchtlingsgemeinde in der asiatischen Millionenstadt durchleuchtet. Heute noch leben zwischen Wien und Bregenz viele „Shanghailänder“, so die Selbstbezeichnung der Menschen, die nach 1938 vor dem Hitler-Faschismus nach Shanghai fliehen mussten. Doch wer kennt schon diese Facette der Zeitgeschichte? Möglicherweise hat man einmal vom Wiener Arzt Jakob Rosenfeld gehört, der es vom „Shanghailänder“ bis zum General in Maos Armee brachte, ansonsten aber blieb es still um die Schicksale dieser Flüchtlinge. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland, vor allem aber nach den Novemberpogromen, flohen in den Jahren 1938 bis 1941 rund 18.000 Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in die fernöstliche Metropole Shanghai. Unter ihnen fast 6000 Österreicherinnen und Österreicher! Aufgrund internationaler Konzessionen, welche die Briten während des „Opiumkrieges“ zwischen 1842 und 1844 erzwungen hatten, besaß Shanghai eigene Gerichtsbarkeit und Polizei. Ein Einreisevisum war nicht notwendig. Daher wurde die Stadt für viele Verfolgte zur letzten Zufluchtsstätte. Zehn Reichsmark, damals umgerechnet etwa vier Dollar, durften die Juden auf die Flucht mitnehmen. Damit ließ sich keine neue Existenz aufbauen. Jüdische Bürger Shanghais halfen, eine Subkultur entstand: In den engen Gassen fand man Theater, Geschäfte und Cafés im Wiener Stil, in denen ausländische und selbstverlegte Zeitungen gekauft werden konnten. Nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbour aber wurde die Lage für die Flüchtlinge wieder heikel, die Inflation ruinierte viele eben mühsam aufgebaute Geschäfte jüdischer Einwanderer. 1943 wurde auf Drängen der Nazis in Shanghai eine „designates area“, praktisch ein Ghetto, geschaffen, in die alle Juden, die aus Deutschland und den besetzten Gebieten geflohen waren, fortan leben mussten. Bis zum Ende des Pazifik-Krieges 1945 blieben die Flüchtlinge dort interniert. Aus politischen Gründen und da nach dem Krieg die privaten Schifffahrtslinien erst allmählich den Betrieb wieder aufnahmen, konnten die meisten „Shanghailänder“ erst 1947 ausreisen. Ein großer Teile emigrierte nach USA, Kanada oder Australien. Nach Österreich kehrten nicht mehr viele zurück, die neue Republik kümmerte sich auch nicht um die Rückholung ihrer Vertriebenen. Unter den Gästen und Referenten der Tagung aus China, Israel, USA, England, Deutschland und Österreich finden sich neben „Shanghailändern“ namhafte Historiker und Sinologen. An den die Seminartagen soll ein breites Publikum in Gesprächen mit Zeitzeugen, in Vorträgen, Film- und Diapräsentationen mit diesem Aspekt der jüdisch-österreichischen Geschichte bekannt gemacht werden.

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1995

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

nach oben