Erster österreichischer Zivildienstler nach Israel, Jüdische Rundschau, 07.05.1992

07.05.1992

Projekt Beschreibung

Erster österreichischer Zivildienstler nach Israel

Am Dienstag ging in der Märtyrergedenkstätte „Yad Vashem“ bei Jerusalem ein Seminar unter dem Titel „Der Holocaust. Geschichte und Bedeutungen“ zu Ende. Das bedeutendste ist hier wohl, dass erstmals überhaupt in „Yad Vashem“ ein Seminar zu diesem Thema auf deutsch abgehalten werden konnte. Der folgende Artikel basiert auf einem Gespräch mit dem Innsbrucker Publizisten und JR-Kolumnisten Andreas Maislinger, dem Spiritus rector des Seminars, der auch dafür verantwortlich zeichnet, dass demnächst der erste Österreicher in Israel seinen Zivildienst absolvieren wird. Seit Jahren schon können deutsche Bürger im Rahmen von „Aktion Sühnezeichen“ eine Art Zivildienst in lsrael absolvieren. Der Germanist aus Innsbruck aber, der im kommenden September einen 12monatigen Zivildienst bzw. „Gedenkdienst“, wie die Initianten des Projekts es nennen, an der Märtyrergedenkstätte „Yad Vashem“ in Jerusalem antreten wird, ist der erste Österreicher, der seinen Armee-Einsatz im jüdischen Staat Ieistet. Für Andreas Maislinger (Jahrgang 1955), Publizist und Lehrbeauftragter für politische Wissenschaften an der Universität Innsbruck, ist das der erste Erfolg nach einem Kampf, den er 15 Jahre lang qegen die Behörden seines Landes führte. Ziel der Bemühungen war die Verabschiedung eines Gesetzes, das jungen Österreichern gestattet, anstelle des Militärdienstes 12 Monate Forschungsarbeit in einer Stätte zu leisten, die den Holocaust verewigt. Neben Yad Vashem kommen auch Einrichtungen wie das Museum Auschwitz-Birkenau oder das Anne-Frank-Haus in Amsterdam in Frage, erklärte uns Maislinger, den wir in Jerusalem am Rande eines Holocaust-Seminars trafen. Er bemerkte auch, dass er auf eine Kurznotiz in einer österreichischen Zeitung nicht weniger als 90 Anfragen erhalten hat. Seine Bemühungen sind nun darauf ausgerichtet, in Österreich die nötigen Finanzen für Reise- und Aufenthaltskosten des Zivildienstlers in Israel zusammenzubekommen. Konkret erhofft Maislinger sich Beiträge von Bund und Ländern, aber auch von Stiftungen und Firmen. Sollte das Experiment von Erfolg gekrönt sein, schliesst der Initiative Publizist nicht aus, dass in Zukunft mehr als nur einer seiner Landsleute pro Jahr einen Gedenkdienst im Heiligen Land absolvieren. Das am Dienstag zu Ende gegangene Seminar über Geschichte und Bedeutungen des Holocausts – auch hinter ihm steht als Spiritus rector Andreas Maislinger – ist ebenfalls ein Meilenstein auf dem Weg zur Normalisierung der Beziehungen zwischen dem jüdischen Volk und Deutschland. Erstmals nämlich war es möglich in Yad Vashem einen solche Anlass in deutscher Sprache durchzuführen. „Nicht dass es keinen Widerstand geben hätte“ betont Maislinger. „Bis weit nach oben in die Entscheidungsgremien der Gedenkstätte waren Stimmen zu hören, die es als unmöglich bezeichneten, in Israel ein Seminar über den Holocaust in der Sprache derjenigen abzuhalten, die für das Grauen verantwortlich zeichnen.“ Schliesslich obsiegten aber die schlichen Argumente, und die Organisatoren mussten aus mehreren hundert Anmeldungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aussuchen. Dieser Erfolg führte dazu, dass im Herbst bereits ein zweites Holocaust-Seminar in deutscher Sprache in „Yad Vashem“ auf dem Programm steht. Andreas Maislinger sieht hier eine Chance für die Bewältigung der Vergangenheit von Eltern und Grosseltern durch die heutige Generation: „Ich will alles wissen und möglichst viele Fakten über den Holocaust lernen, beabsichtige aber nicht, in einem Meer der Selbstbeschuldigung zu baden, denn das nützt letztlich niemandem.
Jacques Ungar

Projekt Details

  • Datum 14. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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