Eine zweite Reifeprüfung, Kurier

Projekt Beschreibung

Eine zweite Reifeprüfung

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Foto: KURIER Isaak Lee im Altenheim: Emigranten lieben Geschichten aus Wien.

Derzeit leisten 44 Jugendliche Gedenkdienst – ein KURIER-Lokalaugenschein in Israel.

Morgen wird die Bundesversammlung wie an jedem fünften Mai der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen gedenken. Manche Jugendliche gedenken der Schoah ein Jahr lang. Seit 1992 gibt es die Möglichkeit, statt des Grundwehrdienstes Gedenkdienst zu leisten. Obwohl er ein Jahr dauert und somit doppelt so lange wie das Bundesheer, entscheiden sich alljährlich 44 Jugendliche für den Gedenkdienst.
Der KURIER besuchte zwei Gedenkdiener an ihrem Arbeitsplatz in Israel. Max Wehsely _Bilder von Daniela Kittner… Foto: Daniela KittnerSchockierend: Szenen aus dem Frauenlager in Auschwitz. Gemalt von Zofia Rosenstrauch, zu sehen im Ghettofighter-Museum   Der Wiener Isaak Lee, 18, arbeitet im Anita Müller Cohen Altersheim in Tel Aviv. „Freunde haben mir den Gedenkdienst toll geschildert, und ich habe bemerkt, dass sie sich durch den Gedenkdienst menschlich verändert haben, reifer geworden sind. Ich habe gehofft, dass ich tauglich bin, damit ich auch zum Gedenkdienst gehen kann“ , erzählt Isaak. Er hat sich für Altenbetreuung oder den pädagogischen Dienst gemeldet, denn es war ihm wichtig „mit Menschen zu arbeiten“. Die Arbeitszeit im Altenheim beträgt 40 Stunden pro Woche, die Bezahlung 630 Euro im Monat. Die Eltern schießen 200 Euro zu, sonst geht es sich nicht aus. Isaak wohnt in Untermiete in Tel Aviv. Seine Aufgaben als Seniorenbetreuer sind teils die üblichen – mit alten Menschen spazieren gehen, einkaufen, sie zum Arzt begleiten. Ihnen mit der Bedienung des Computers helfen. Das Spezielle an Isaaks Aufgabe: „Viele Senioren kommen aus Wien, sie sind nach Israel emigriert und wollen über Wien reden. Manche sagen mir, dass sie Wien lieben, und dass es in ihrem Herzen ist. Manche verbinden aber auch negative persönliche Erlebnisse mit Wien.“ Isaak kennt viele Geschichten. Seine Schützlinge erzählen ihm ihr Leben, ihre Familiengeschichte. Sie fragen ihn, wie es heute in Wien ist, ob es immer noch Antisemitismus gibt. „Alle, auch die, die ungern an Wien zurückdenken, schätzen die Arbeit der Gedenkdiener und sind sehr dankbar dafür“, erzählt Isaak. „Ich habe eine Dame, die war Hebräisch-Lehrerin und gibt mir gratis Nachhilfestunden.“ Dieses „Geben und Nehmen“ fasziniert Isaak, er denkt ernsthaft daran, Sozialarbeit zu seinem Beruf zu machen und, zurück in Wien, eine einschlägige Fachhochschule zu besuchen. „Die Arbeit beim Gedenkdienst ist wunderbar, das war die beste Entscheidung“, schwärmt Isaak. Max Wehsely _Bilder von Daniela Kittner…Foto: Daniela KittnerDokumente digitalisieren und übersetzen: Max WehselyGänzlich andere Aufgaben stellt der Gedenkdienst an Max Wehsely. Der 19-Jährige Wiener arbeitet im Ghettofighter-Museum in Naharija im Norden des Landes. Von der Metropole in eine Kleinstadt an der Peripherie. Aus dem Freunde-Getümmel in einen kontaktarmen Archivjob. Das war gewöhnungsbedürftig. Unterm Strich zieht Max nach sechs Monaten dennoch eine positive Zwischenbilanz: „Auch wenn es nicht immer leicht ist, ich würde es wieder machen. Es ist eine Erfahrung fürs Leben, die ich nicht missen möchte.“ Die emotional belastende Arbeit in der Holocaustgedenkstätte ist eine zweite Reifeprüfung nach der Matura. „Der Holocaust hat mich immer interessiert und schockiert“, sagt Max. Vor Dienstantritt wurde er in Workshops und Seminaren auf das Thema vorbereitet. Im Museum hilft er bei der Digitalisierung und Übersetzung von Dokumenten. Max: „Ins Archiv kommen täglich Kisten aus irgendwelchen Dachböden. Von Briefen über Dokumente über Ausweise. Alles wird gesichtet und bearbeitet.“ Ein Anliegen des Museums ist, dass man selbst recherchieren kann, nachschauen kann, was Verwandten passiert ist, erzählt Max. Die Datenbank des Museums enthält eine Opfer- und eine Täterdokumentation. Max Wehsely _Bilder von Daniela Kittner…Foto: Daniela KittnerFührung für den KURIERAm Wochenende – in Israel Freitag und Samstag – treffen sich Max und Isaak in Tel Aviv. Es ist eine junge Stadt mit vielen Lokalen und einem regen Strandleben. Zur arabischen Bevölkerung haben die beiden Wiener weit weniger Berührungsängste als jüdische Israelis. Max freundete sich mit einem Araber an, was prompt eine Arbeitskollegin auf den Plan rief: „Du weißt eh, dass der Araber ist!“ – „Na und?“ gab Max zurück. „Man spürt sehr viele Vorurteile und Abneigung gegenüber Arabern, vor allem bei den alten Menschen im Altersheim“, berichtet auch Isaak. An eine baldige Lösung des Nahost-Konflikts glauben die Jugendlichen aus dieser Erfahrung heraus nicht. Isaak: „Es wird dauern, bis hier Frieden einkehren kann.“ Max wüsste ein Friedensmodell: „Eine Einstaaten-Lösung mit gemischtem Zusammenleben. Weil ich es romantisch finde, wenn sie sich in einem Land vertragen.“ Aber das, sagen beide, ist wohl eine Utopie.

Projekt Details

  • Kunde 04.05.2014
  • Datum 9. Januar 2017
  • Tags Pressearchiv 2014
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