Ein Zeichen der Verantwortung, Rupertusblatt / Kirchenzeitung der Erzdiözese Salzburg, 24.05.1992

24.05.1992

Projekt Beschreibung

Ein Zeichen der Verantwortung

Erstmals Zivil-Ersatzdienst in Holocaust-Gedenkstätten möglich

Wenn alles gutgeht, wird ab September der erste Österreicher an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel seine Zivildienstpflicht ableisten. 15 Jahre hat Andreas Maislinger dafür gekämpft.

Seit 1977 bemüht sich der Innsbrucker Politikwissenschafter Andreas Maislinger um die Anerkennung eines freiwilligen Gedenkdienstes an Erinnerungsstätten der Nazi-Verbrechen im Ausland als Zivildienstersatz. Seit dem 1. Jänner ist diese Möglichkeit nach dem neuen Zivildienstgesetz gegeben. Der von Maislinger mit Unterstützung des Abgeordneten Walter Guggenberger und des ehemaligen Grieser Bürgermeisters, Andreas Hörtnagl, gegründete Verein „Gedenkdienst“ wartet freilich trotz ministerieller Zusagen immer noch auf die offizielle Anerkennung als Trägerverein, der diese Auslandseinsätze vermitteln kann. Weitgehende Absprachen für die Mitarbeit von Österreichern gibt es hingegen mit den ausländischen Partnern: der „Anne-Frank-Stiftung“ in Amsterdam, mit den Gedenkstätten Yad Vashem in Jerusalem und Auschwitz-Birkenau; auch mit Theresienstadt haben sich gute Kontakte entwickelt. Wenn alles klappt und das Innen- und Außenministerium auch bei der Mitfinanzierung endlich grünes Licht geben, könnte ab 1. September der erste Österreicher in Yad Vashem arbeiten. „Der Einsatz von jungen Zivil-Ersatzdienern in Holocaust-Gedenkstätten wird“, so Maislinger, „zahlenmäßig nie besonders ins Gewicht fallen. Aber es wird ein Zeichen sein, das auch international gesehen wird, wenn jährlich drei bis sechs Österreicher in diesen Einrichtungen mitarbeiten.“ Während es in Deutschland im Rahmen der „Aktion Sühnezeichen“ seit vielen Jahren den Gedenkdienst junger Deutscher im Ausland gibt, hat sich Österreich bisher, wie bei vielen Fragen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus, davongestohlen. Für Maislinger ist der Gedenkdienst Ausdruck einer Verantwortungshaltung, nicht einer „Sühnebuckelhaltung“, denn „es wäre doch nicht ehrlich, wenn junge Leute für etwas sühnten, was sie und ihre Generation nicht getan haben“. Wichtig aber sei, daß junge Österreicher durch ihre konkrete Mitarbeit in Holocaust-Stätten zeigen, daß es ein waches und engagiertes Bewußtsein gegenüber dem menschenverachtenden Nationalsozialismus und seinen Greueltaten gibt. Die Einsatzbereiche sind sehr vielfältig und reichen von der Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit über die Forschung bis zu Instandhaltungsarbeiten. Im Sinne der Völkerverständigung wäre es wunderbar, hofft Maislinger, wenn eines Tages ein Österreicher Besucher aus den deutschsprachigen Ländern durch Yad Vashem führte. Ein deutschsprachiges Holocaust-Seminar hat es dort trotz vieler Einwände heuer erstmals gegeben. Vom 25. Oktober bis 3. November ist das nächste geplant. Der Einsatz wird mindestens zwölf Monate dauern und im Sinne der Zivildienstentschädigung unentgeltlich sein. Notwendig ist die Bereitschaft zu einem Vorbereitungsjahr (neben Job oder Studium möglich), bei dem auch die Sprache des Einsatzlandes wenigstens in einem mäßigen Rahmen gelernt werden muß. Von den Gedenkstätten gibt es interessante Anfragen, z. B. in Richtung ostsprachenkundiger Österreicher, in Österreich haben sich bereits an die 90 Interessenten gemeldet. Wer ernsthaft einen Gedenkdienst überlegt, der sicherlich kein „lockeres Auslandsjahr“ sein wird, sollte sich zu einem Interessentenseminar, das jeweils am letzten Juni- und Novemberwochenende stattfindet, melden. Auskünfte bei Andreas Maislinger, Hutterweg 6, 6020 Innsbruck, oder Bildungshaus St. Virgil, Herbert Schustereder, Ernst-Grein-Straße 14, 5020 Salzburg. Das erste Seminar vom 26. bis 28. Juni beginnt mit einem Vortrag des Polnischen Botschafters in Österreich und Vorsitzenden des Gedenkdienst-Kuratoriums, Wladyslaw Bartoszewski. Der bekannte katholische Publizist war in der Zeit der Nazi-Besetzung Polens ebenso verfolgt wie in der kommunistischen Ära.
Baumgartner

Projekt Details

  • Datum 14. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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