Ein Wiener „Gedenkdiener“ in Israel, Der Standard, 14.06.1993

14.06.1993

Projekt Beschreibung

Ein Wiener „Gedenkdiener“ in Israel


Zivildiener in Auschwitz, Theresienstadt, Amsterdam und nun in Jerusalem

Standard-Korrespondent Ben Segenreich aus Jerusalem –

Die Idee, einen „Gedenkdienst“ zu schaffen, um Österreichs Mitverantwortung für die Naziverbrechen zu sühnen, hatte Andreas Maislinger schon 1978. Vor zwei Jahren gelang dem Innsbrucker Politologen der Durchbruch. In rascher Folge schickte er dann „Gedenkdiener“ nach Auschwitz, Theresienstadt, Amsterdam und nun Jerusalem.

Seit 1. März arbeitet der Wiener Reinhard Steiner im Archiv der Gedenk- und Forschungsstätte „Yad Vashem“ in der israelischen Hauptstadt. Für den 25jährigen Geschichtestudenten ist es eine „ungeheure Herausforderung“, ein Jahr im größten und namhaftesten Holocaust-Institut der Welt zu verbringen.

Es sei aber bestimmt kein Urlaub auf Staatskosten, beteuert Steiner. Er sitzt täglich von sieben bis 16 Uhr vor seinem Schriebtisch und ackert Dokumente durch. Steiners Aufgabe ist es, SS-Originalunterlagen über Einsatzgruppen, die hinter der Front in Rußland Tausende von Juden ermordet haben, zusammenzufassen und im Computer zu speichern.

Daß es sich nicht um Beschäftigungstherapie, sondern um einen sinnvollen Beitrag handelt, bestätigt Jaakov Losowick, der stellvertretende Leiter des Archivs. „Wir haben große mengen von Unterlagen und sind immer noch bei der Sammlung. Das ist Arbeit für Jahrzehnte, und jeder, der kommt, macht es ein bißchen kürzer.“

Um diese Hilfe zu ermöglichen, war eine Gesetzesänderung notwendig, denn der Wehrdienst konnte ursprünglich nur in Österreich abgeleistet werden. Auch diese Hürde war Maislinger nicht zu hoch, und im Dezember 1991 wurde das Zivildienst-Gesetz novelliert, was vor allem Innenminister Franz Löschnak zu verdanken ist. Inspiriert wurde Maislinger von der in Deutschland vor vielen Jahren angelaufenen „Aktion Sühnezeichen“, mit einem entscheidendem Unterschied: ist das deutsche Projekt privat organisiert und finanziert, so wollte der Tiroler Gewissenswurm gezielt „die Republik Österreich haftbar machen“. Wenn die Arbeit an den Holocaust-Gedenkstätten ein Ersatz für den Zivildienst ist und der Staat, wie geringfügig der Betrag auch sein mag, dafür bezahlt, so wird dadurch offiziell eine Verbindung zwischen Österreich und dem Holocaust einbekannt. „Österreich als Staat war im März 1938 Opfer“, differenziert der 38jährige Maislinger, „aber nach dem ‚Anschluß‘ waren überproportional viele Österreicher Täter.“

Ab 1. Juni wird der Salzburger David Röthler, ein frisch diplomierter Jurist, neben Steiner in Jerusalem arbeiten, und wenn im Herbst ein sechster „Gedenkdiener“ ins neue Holocaust-Memorial nach Washington entsendet wird, ist das Plansoll vorläufig erfüllt. Insgesamt stellt das Innenministerium jährlich 500.000 Schilling zur Verfügung. „Mit 6000 Schilling im Monat“, sagt Steiner, „muß ich die Wohnungsmiete bezahlen, die Lebensmittel, die Buskarte – es geht sich nur sehr knapp aus.“

Das kleine Häufchen der „Gedenkdiener“ hat das Gefühl, politisch etwas zu verändern. „Ich merke das in meinem Umfeld“, sagt David Röthler. „Wenn ich in Österreich von meinem bevorstehenden ‚Gedenkdienst‘ erzähle, löst das immer Diskussionen aus.“ Und Reinhard Steiner glaubt, in langen Gesprächen herausgefunden zu haben, wie die Kluft zwischen Österreichern und Israelis zu überbrücken wäre: „Nicht intellektuell, sondern durch ehrliche Trauer. Und ich verspüre diese Trauer mit jedem Dokument, das ich zu bearbeiten habe.“

Projekt Details

  • Datum 24. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1993

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