Ein österreichischer Historiker, der gegen den Strom schwimmt, Israel Nachrichten, 10.04.1992

10.04.1992

Projekt Beschreibung

EIN ÖSTERREICHISCHER HISTORIKER, DER GEGEN DEN STROM SCHWIMMT

Von Dr. Herbert Rosenkranz

Seit 1980 finden im Gedenkinstitut Yad Vashem Kurse für Meinungsbildner über den Holocaust in Englisch, Französisch und Spanisch, seit zwei Jahren auch in Russisch statt, die von der Unterrichtsabteilung Yad Vashems unter der Leitung von Yaacov Lozowick und Erziehungspersönlichkeiten organisiert werden. Vom 26. April bis 5. Mai findet dieses Jahr erstmalig ein Kurs in deutscher Sprache für dreissig Lehrer, Geistliche und Journalisten aus Deutschland und Österreich statt. Initiator dieses Kurses ist der österreichiche Historiker Dr. Andreas Maislinger, der vor zwei Jahren an einem Yad Vashem-Kurs in Englisch teilnahm. Dr. Maislinger, der an mehreren Univesitäten Politikwissenschaft und Geschichte studierte, promovierte 1980 mit einer Dissertation über die österreichische Verteidigungspolitik bei Prof. Anton Pelinka in Salzburg, dem er 1982 nach Innsbruck an das Institut für Politikwissenschaft folgte. Die Möglichkeit des 1975 in Österreich eingeführten Zivildienstes anstatt des Militärdienstes nutzend, ist Maislinger der einzige Österreicher, der im Rahmen der westdeutschen „Aktion Sühnezeichen/Friedensdiente“ mehrere Monate im Museum Auschwitz-Birkenau arbeitete. Schon 1977 forderte er, dass sich Österreich zur Verantwortung für die Mitschuld von Österreichern am Holocaust bekenne, wurde jedoch von den Politikern, einschliesslich dem österreichischen Bundespräsidenten abgewiesen, „da Österreich nichts zu sühnen habe.“ In einem eineinhalb Jahrzehnte währenden Kampf erreichte Dr. Maislinger, dass in der letzten Sitzung des österreichischen Nationalrates vor Weihnachten 1991 beschlossen wurde, wehrpflichtigen Österreichern bis zum 28. Lebensjahr einen zwölf Monate währenden Gedenkdienst an ausländischen Holocaust-Gedenkstätten: der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam, dem Museum Auschwitz-Birkenau und der Gedenkstätte Yad Vashem zu ermöglichen, als Teilnahme an der Lösung „internationaler Probleme sozialer und humanitärer Art.“ Dr. Maislinger wird im Juni ein Vorbereitungsseminar leiten. Da aber Österreich keine Mittel für die Finanzierung des Auslandsdienstes zur Verfügung stellt, hat Dr. Maislinger einen Trägerverein gegründet. (Anmerkung: Die Gründung des Trägervereins war vom Zivildienstgesetz vorgegeben und hatte mit den Finanzierungsproblemen nichts zu tun.) Zwischen Salzburg und Braunau am Inn aufgewachsen, plant Dr. Maislinger die Auseinandersetzung mit dem „unerwünschten Erbe“ in Hitlers Geburtsstadt selbst. Vom 25. bis 27. September 1992 werden die ersten „Braunauer Zeitgeschichtstage“ abgehalten werden unter Teilnahme von Vertretern und Historikern aus Orten wie Dachau, Mauthausen, Gurs in Frankreich, Kielce in Polen (wo 1946 ein Pogrom wegen Ritualmordanschuldigung wütete) und aus Stalins Geburtsort Gori in Georgien. In Erkenntnis, dass sich die Vergangenheit nicht „bewältigen“, sondern nur aufarbeiten lässt, sollen die Menschen aus Braunau und der Umgebung an der Tagung beteiligt werden. Im nächsten Jahr werden in Braunau ukrainische und polnische Fremdarbeiterinnen mit österreichischen Bauern zusammenkommen, bei denen sie während des Krieges Zwangsarbeit leisteten. Anderer geplante Konferenzthemen sind die Wehrdienstverweigerer, der „böhmische Gefreite“, Begegnungen von Kindern und Enkeln von NS-Verbrechern, aber auch mit Deutschen, die nach dem Kriege zu Tausenden aus Österreich vertrieben wurden. Um der Verdächtigung vorzubeugen, dem Städtchen Braunau durch die Geschichtstagungen einen Kultanstrich zu verleihen, holte Dr. Maislinger gewissenhaft, noch vor der Publizierung seiner Initiative, Gutachten israelischer Historiker ein.

Projekt Details

  • Datum 14. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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