Ein „kleiner Botschafter“ aus Tirol, Tiroler Tageszeitung

24.03.1995

Projekt Beschreibung

Tiroler Tageszeitung 24. März 1995

50 Jahre nach Kriegsende leistet ein Jenbacher Gedenkdienst im Holocaust Memorial Museum in Washington

Ein „kleiner Botschafter“ aus Tirol

Von Elke Ruß und Thomas Pupp

WASHINGTON. Das erst vor knapp zwei Jahren eröffnete United States Holocaust Memorial Museum in Washington ist die größte Gedenkstätte ihrer Art in der „neuen Welt“. Seit einem halben Jahr ist das Museum auch der Arbeitsplatz eines jungen Jenbachers. Der 26jährige Thomas Ortner leistet hier eine Sonderform des Zivildienstes, den „Gedenkdienst“. Die Tiroler Tageszeitung besuchte ihn in Washington. Zwischen hüfthohen Betonblöcken, die das Museum von der Straße abschirmen, und dem Eingang wartet eine Menschentraube geduldig auf Einlaß. Wir müssen an Sicherheitsbeamten vorbei, wie auf einem Flughafen werden sämtliche Taschen und Kameras durch den Scanner geschickt. Ein erster Rundblick durch die große Halle: rote Ziegelwände, dunkelgraue Metallelemente, durchbrochen von Glas. Bedrückend oder häßlich wäre das falsche Wort, doch der Gedanke an Konzentrationslager und Wachtürme ist sofort da. Thomas holt uns in der Halle ab. Um den Hals trägt er eine Kette, die statt der „Hundemarke“ eben das Namensschild samt Lichtbild hält. Auch wir brauchen Schilder, ehe wir in die Forschungsabteilung im obersten Stock des riesigen Komplexes – seinen eigentlichen Arbeitsplatz – eingelassen werden. Für die strengen Sicherheitsvorkehrungen gibt es zwar keinen unmittelbaren Anlaß, doch man ist vorsichtig, erklärt uns Thomas. Die graue Koje im Eck ist unverkennbar seine: Tirolpickerl und Cartoons umrahmen den Schreibtisch, irgendwo zwischen Fax und Unterlagen ist ein Telefon vergraben. Von hier aus erledigt „Tom“, wie ihn seine Kollegen nennen, den Großteil seiner Arbeit. Seine Aufgabe ist eine dreifache: „Ich soll eine Hilfe für das Museum sein, für die Interessen der Republik Österreich und für das Projekt Gedenkdienst arbeiten.“ Konkret heißt das. „Übersetzungen von Dokumenten aus dem Deutschen ins Englische und umgekehrt. Korrespondenzen mit österreichischen Stellen, z.B. Museen und Ministerien. Wenn deutschsprachige Delegationen da sind, mache ich Führungen.“ Als vor einiger Zeit Umweltministerin Rauch-Kallat das Holocaust-Museum besuchte, wurde sie von ihm begleitet. Einmal pro Woche hat Tom Dienst am Info-Schalter der Bibliothek, „dazwischen“ bereitet er eine Theresienstadt-Ausstellung (Bilder von Studenten, die auch schon in Innsbruck gezeigt wurden) für die USA vor. „Wir suchen Sponsoren und Örtlichkeiten. Zu 99 Prozent ist derzeit fix, daß die Ausstellung im April 1996 in der Nähe von Philadelphia gezeigt wird.“ Es bestehen auch Kontakte zu Musikstudenten, die bei der Eröffnung ein Konzert mit Musik geben wollen, die im „Kulurghetto“ Theresienstadt komponiert wurde. Die Vorbereitungen dafür hatte noch sein Vorgänger Anton Legerer aus Salzburg begonnen („Mein Nachfolger wird die Ausstellung dann erleben“). Da Thomas bereits einige Wochen vor dessen Heimreise nach Washington kam, hatte er auch keine Probleme, sich ejizuleben: Legerer half ihm bei der Zimmersuche und „schulte“ ihn ein. Zudem ist die „Senior-Historikerin“ des Museums und Leiterin des Forschungsprogramms, Sybil Milton, eine „halbe Tirolerin“: Die Tochter einer jüdischen Rußlandemigrantin und eins Österreichers war sie im Krieg zwei Jahre lang bei Freunden des Vaters im Ötztal versteckt. Der von Tom überbrachten Einladung des Bürgermeisters von Unterhausen will sie bei Gelegenheit gerne folgen, denn: „Es gibt hier keine Gebirge, die man berühren kann.“ Apropos Gebirge: Wie kommt ein junger HTL-Absolvent und BWL-Studienabbrecher mit Job in einem Innsbrucker Architekten-Büro eigentlich zum Gedenkdienst? „Wenn schon Zivildienst, dann sollte er so sinnvoll wie möglich sein“, nennt Thomas eine Überlegung und gibt zu: „Natürlich ist auch das Ausland ein gewisser Reiz.“ Zum Gedenkdienst selbst kam er zufällig über einen Kollegen, der ihn nach Salzburg zu einem Seminar mit Projekt-Initiator Andreas Maislinger mitnahm. Die Idee, „daß zwar nicht der Österreicher als solcher, aber die Österreicher als Kollektiv eine gewisse Mitverantwortung am Holocaust tragen“, gefiel ihm. Er begann im Verein mitzuarbeiten und bewarb sich für Washington. Die Aufnahme war nicht nur im Museum freundlich. „Ich werde zwar immer wieder auf Waldheim angesprochen“, erklärt er, mit Ressentiments habe er aber nicht zu kämpfen. Auch Besuche bei Holocaust-Überlebenden aus Österreich („Die meisten leben in beshceidenen Verhältnissen“) würden dankbar angenommen. „Ausgezeichnet“ seien auch die Kontakte zu jüdischen Institutionen und die Zusammenarbeit mit den österreichischen Vertretungen. Die Gedenkdiener – ein zweiter arbeitet ja am Leo Baeck Institut New York, einer Forschungssstelle für jüdische Literatur – werden von diesen Stellen geschätzt: „Die Gedenkdiener sind ein großes Ansehen für Österreich“, erköärt Generalkonsul Walter Greinert. „Kleine Botschafter Österreichs“ nennt sie Desiree Schweitzer, „First Secretary“ an der Botschaft in Washington. Mit trockenem Humar umschreibt Milton ihre Wertschätzung für die Gedenkdiener: „Sie sind unsere Spezioalisten für Österreich – und wenn wir dürfen, beuten wir sie aus.“  

Das Holocaust Memorial Museum

Eine Stätte des Gedenkens, Forschens, Lernens und Verstehens

Das US Holocaust Memorial Museum auf der neoklassizistischen Großanlage des „Mall“ in Washington geht auf eine jüdische Initiative zurück. Der amerikanische Kongreß stellte den Grund zur Verfügung, das Geld für die Errichtung – an die 2 Mrd. S – kam von privaten Spendern und Institutionen. Für das riesige Bauwerk zeichnet Architekt James I. Freed – selbst jüdisch-deutscher Abstammung – verantwortlich, der dafür Elemente aus der KZ- und Ghetto-Architektur entlehnte. Gewidmet ist das Haus den „sechs Millionen Juden und Millionen anderer Opfer des Naziregimes“, eröffnet wurde es im April 1993 von Präsident Bill Clinton und vom Vorsitzenden der Museumskommision, dem Auschwitz-Überlebenden Elie Wiesel. Bisher wurden rund 4 Mio. Besucher gezählt. Kernstück des Museums, in dem rund 300 staatliche Angestellte und 200 Freiwillige (überwiegend Studenten) arbeiten, ist die Dauerausstellung: Auf drei Stockwerken zeichnen Filme, Bilder und Dokumente den Weg von der Machtergreifung der Nationalsozialisten bis zur „Endlösung“ nach, werden Szenen aus Widerstand, Befreiung, Täterverfolgung gezeigt. Der Besucher marschiert durch einen Viehwaggon, eine Lagerbaracke, vorbei an „object-survivers“ („überlebende Objekte“) wie Lagerkleidung und Gegenstände des täglichen Lebes (Werkzeuge, Zahnbürsten). Einzelne Gesichter heben sich aus der Millionenschaft von Opfern ab. In Wort und Bild schildern Überlebende ihre Schicksale. In einem eigenen „Lernzentrum“ kann dich der Besucher via Computer zusätzlich informieren. Das Museum samt Forschungszentrum, Archiv, Bibliothek, Film- und Videoabteilung u dgl. verfügt bereits über rund 30.000 „überlebende Objekte“, 40.000 Fotos, 15.000 Bücher, 1000 Zeitschriften, Hunderte Filme, Bänder, Zeitzeugengespräche, Millionen von Akten (vor allem aus Osteuropa) auf Mikrofilm. Mehr als 70.000 Holocaust-Überlebende sind hier erfaßt. Ein reger internationaler Forschungsaustausch besteht, der Anschluß an Internet ist aber erst in Arbeit.

Zum Projekt Gedenkdienst

„Kein Urlaub auf Staatskosten“

Der „Gedenkdienst“ (angelehnt an die deutsche „Aktion Sühnezeichen“) geht auf eine Initiative des Innsbrucker Politologen Andreas Maislinger zurück, der 15 Jahre für die Realisierung kämpfte. Mit der Zivildienstgesetznovelle 1991 wurden schließlich die rechtlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, daß der Zivildienst auch an einer Holocaust- Gedenkstätte im Ausland geleistet werden kann. Das Ziel des Dienstes ist es, den Holocaust-Stätten durch die österreichische Mitarbeit eine echte Hilfe anzubieten. Die Bandbreite kann von Restaurierungsarbeiten bis zu wissenschaftlicher Tätigkeit reichen. Mittlerweile sind sechs „Dienstplätze“ anerkannt: Theresienstadt in Tschechien, Yad Vashem in Jerusalem, das Holocaust-Museum in Washington, das Leo-Baeck-Institut in New York, die Anne Frank Stiftung in Amsterdam und Auschwitz-Birkenau (Polen). Voraussetzung für die Absolvierung des inzwischen 14monatigen Gedenkdienstes ist, daß er vor Vollendung des 28. Lebensjahres angetreten wird. Auch Grundkenntnisse der jeweiligen Landessprache sind gefragt. Weiters erwartet der Verein Gedenkdienst als Trägerorganisation zuvor eine etwa zweijährige Mitarbeit. Zur Vorbereitung absolviert der Gedenkdiener ein 14tägiges Seminar in Yad Vashem, für diese Reise muß er selbst aufkommen. Finanziert wird der Gedenkdienst aus Subventionen des Innenministeriums, das grundsätzlich 100.000 S pro Person bezahlt. Für Aufenthalte in Übersee reicht das aber nicht: Ortner rechnet mit Gesamtkosten von 175.000 S. „Die Finanzierung scheint gesichert. Ich habe einen Vertrag mit dem Verein Gedenkdienst, der mir derzeit 10.000 S monatlich überweist. Der Verein wiederum hat eine Abmachung mit dem Ministerium. Das Ticket habe ich vorerst privat bezahlt.“ Ihm geht es damit aber schon besser als seinem Vorgänger: „Er hatte extreme Probleme, weil die Finanzierung sehr unsicher war. Er mußte z.B. weit außerhalb wohnen, um es überhaupt zu schaffe und dem Ministerium eine genaue Abrechnung vorlegen.“ Auch Ortner muß seine Ausgaben dokumentieren. „Man muß aber sicher einiges Geld investieren“, tritt er Kritikeraussagen von einem „Urlaub auf Staatskosten“ entgegen. Die Auswahl der Teilnehmer aus der ständig wachsenden Bewerberzahl erfolgt mittlerweile übrigens demokratisch, so Ortner: „Die Interessenten für eine Stelle setzen sich zusammen und diskutieren. Wer die besten Argumente hat, fährt.

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1995

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