Drei Generationen und ihre Gedanken, Flachgauer Nachrichten

13.11.1997

Projekt Beschreibung

HABEN WIR NAZIZEIT SCHON ÜBERWUNDEN?

DREI GENERATIONEN UND IHRE GEDANKEN

Von OBERNDORF. Gasthof „Am Park“. Zu einer ausgedehnten Diskussionsrunde treffen sich Vertreter dreier Generationen und das dazugehörige Publikum. Die Luft ist rauchig, das Klima hitzig. Was verständlich ist, denn es geht um die Aufarbeitung der Vergangenheit. Wie weit ist heute noch nationalsozialistisches Gedankengut in den Köpfen der Menschen versteckt? Wie weit provozieren Zeichen der Erinnerung jene, die in irgendeiner Form dabei waren? Unter dem Titel „Über-Wunden“ lud die Kulturinitiative KNIE zu einer heißen Debatte. Am Ende blieben natürlich Fragen offen. Basis dieser Diskussion waren die Pro- und Kontra-Standpunkte zu den sogenannten „Stolpersteinen“, die der Kölner Künstler Gunter Demnig im Rahmen des heurigen Salzach-Symposions in die Gehsteige St. Georgens und Oberndorfs „pflanzte“ und die in letztgenannter Gemeinde mutwillig wieder entfernt wurden. Sie sollten an von den Nazis Verfolgte, Verschleppte, Ermordete erinnern. An Bibelforscher, die hingerichtet wurden, an Rechtsanwälte, die Berufsverbot erhielten und damit in ihrer Existenz gefährdet waren. Gesprächsleiter Dr. Andreas Maislinger aus St. Georgen versuchte, sachlich zu argumentieren und keinen hetzerischen Wirtshausstil aufkommen zu lassen. Es gelang ihm nur teilweise. Mit auf dem Podium waren der Maler Wilhelm Kaufmann, der Pädagoge Helmut Seyss-Inquart, Gunter Demnig und Andreas Grabner, der vor dem Antritt seines Gedenkdienstes steht. „Wir haben versäumt, den Dialog mit den Kriegsteilnehmern zu führen“, ertappte sich Maislinger einleitend selbst und erzählte von den Schwierigkeiten, mit seinem im Altenheim untergebrachten Vater darüber zu reden. Weltweit würden Erinnerungstage an die Nazizeit abgehalten und Mahnmale errichtet. Erinnerung, nicht Angriff, heiße dieser Bewußtseinsprozeß. Ein schweres Erbe trägt Helmut Seyss-Inquart, dessen Großvater Arthur im Namen des Hakenkreuzes morden ließ, für die Ostmark zuständig und in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt worden war. Er sei nicht politisch aktiv, aber ständig mit dem Thema „Schuld“ konfrontiert, sagt der Enkel. In seiner Familie herrschte eher Schweigen, auch mit seinem Vater sei es schwierig, darüber zu reden. Woran das liegt, konnte an diesem Abend nicht beantwortet werden. Heftig attackiert wurde der Künstler Gunter Demnig von einem Kriegsveteranen, der generell der Jugend das Recht abzusprechen schien, sich mit der Nazizeit auseinanderzusetzen, „weil sie ja doch nicht dabei waren“. Demnig wartete mit persönlichen Einblicken auf. Sein Vater wurde vom Großvater in eine Eliteeinheit der Wehrmacht gesteckt, heute lebt er im Altenheim und glaubt, im KZ zu sein. Das Projekt „Stolpersteine“ sei von Köln ausgegangen, 250 Steine wären fertig, 20 bereits verlegt. „Die Juden mußten unter Aufsicht Gehsteige putzen. Auch dafür sind diese in den Gehsteig integrierten Stolpersteine, die durch das ständige Begehen poliert werden, ein Zeichen“, sagt Demnig. „Kunst für Europa“ heißt der Übertitel. Als Künstler müsse er sich natürlich auf die Historiker verlassen können, die Fakten zu seiner Arbeit lieferte Demnig weiter: „Es wird noch vieles von damals ans Licht kommen, ob manche wollen oder nicht“. Er führte das Schicksal der Roma und Sinti an. Sein Gedenkdienst sei ein persönlicher Akt der Erinnerung, sagte Andreas Grabner. „Wir brauchen aber die alte Generation, um zu wissen, was los war. Wenn man nicht darüber redet, kann es leicht wieder passieren.“ Er wolle sich aber nicht in die Vergangenheit zurückziehen und an jeder Ecke an diese Zeit erinnert werden. Alle Anwesenden warteten gespannt auf eine Aussage des fast 97jährigen Salzburger Malers Wilhelm Kaufmann. Er ließ sich eineinhalb Stunden Zeit, wollte zuhören, bevor er das Wort ergriff. “ Ob Stolpersteine oder nicht, ist belanglos. Wichtig ist die Verteidigung der persönlichen Freiheit ohne Waffen, nämlich Widerstand mit dem Geist.“ Heute hätten viele Menschen einen Klumpen im Herzen, der diese Freude an der Freiheit vereitelt. Fanatismus bringe keine Vernunft und führe in den Untergang, sagt Kaufmann. Er wurde für sein Statement mit viel Applaus bedacht.

Projekt Details

  • Datum 27. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1997

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