Diener fürs Gedächtnis, Süddeutsche Zeitung

09.05.2000

Projekt Beschreibung

Süddeutsche Zeitung 9. Mai 2000

Österreich: Kein Geld für Zivis

Diener fürs Gedächtnis

Von Michael Frank

Wien, 8. Mai – Uli Huemer ist es nicht so sehr um das gegangen, was nun alle als den ganz großen Vorteil seiner früheren Arbeit preisen. Der junge Wiener, der heute in Berlin Philosophie studiert, ist als sogenannter „Gedenkdiener“ vierzehn Monate in Theresienstadt (Terezin) gewesen, hat in der tschechischen Gedenkstätte für das einstige Ghetto und die Gestapohaftanstalt seinen Wehrersatzdienst abgeleistet. 47 Jahre mussten seit Kriegsende vergehen, und es bedurfte des zähen Kampfes eines von der Idee Besessenen, bis jungen Österreichern wie Uli die Gelegenheit gegeben wurde, einen Versöhnungsdienst im Ausland im Gedenken an die Greuel des Nationalsozialismus zu leisten. Doch der neuen österreichischen Rechtsregierung fällt neben ihren Beteuerungen von Harmlosigkeit und Menschenrechtsorientierung nichts Besseres ein, eben diesen Dienst kalt abzuwürgen.

Dem „Verein Gedenkdienst“, der seit 1992 die Zivildienstleistenden in die ausländischen Gedenkstätten schickt, droht eine rigorose Sparpolitik des Innenministeriums. Dem Zivildienst insgesamt soll die Luft abgewürgt werden, und damit auch den 21 jungen Österreichern, die derzeit unter anderem in Theresienstadt, in Auschwitz, in Yad Vashem oder dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam für sich selbst und namens ihrer Heimat ein Stück historischer Verantwortung mitzutragen suchen. Knapp 20 000 Mark jährlich hat der Staat bislang für jeden dieser „Gedenkdiener“ aufgebracht, etwa ein Drittel soll gestrichen werden, was hieße, dass praktisch keiner mehr ins Baltikum, nach Polen, Tschechien, schon gar nicht nach Israel, die Niederlande oder die USA gehen könnte, ohne dass er selbst oder seine Familie noch kräftig zuzahlten.

Österreichs FPÖ/ÖVP-Regierung steht in schlechtem Leumund, was deren Verhältnis zur Geschichte betrifft. Es mangelt aber auch ganz allgemein an Gespür dafür, Nachkriegsösterreich könnte irgendetwas mit den Verbrechen des NS-Systems und seiner überproportional aus der „Ostmark“ stammenden Täter zu tun haben. Den oberösterreichischen Historiker Andreas Maislinger hatte das dazu gebracht, diesen Gedenkdienst statt des „Barras“ vorzuschlagen. Zwölf Jahre kämpfte er darum. Ihm selbst kam die Idee dazu in einem Einsatz mit der deutschen Aktion Sühnezeichen in Auschwitz. Als sich die Republik 1992 endlich dazu durchrang, erhoffte sie sich davon aber eher pragmatischen denn ideellen Nutzen: Dass sich der Ruf des Landes bessere. Das ist gelungen.

So hat keine andere Initiative Österreichs seither in den Medien der Gastländer ein so positives Echo gefunden. Jetzt überwiegt in den empörten Reaktionen auf die Sparpläne die Furcht, das schon genug ramponierte Ansehen Österreichs könnte auswärts weiter Schaden nehmen, alle übrigen Überlegungen. Besonders jene, dass da die fast einzige Möglichkeit weggespart wird, dass junge Österreicher aktiv mit der grauenhaften Geschichte umzugehen lernen.

Für die „Gedenkdiener“ selbst steht im Vordergrund, etwas von der Verantwortung für die Geschichte mitzutragen – und Schuld der Vorfahren abzutragen. Aber auch „etwas für das eigene Land zu tun“. Dieser Anspruch, einen Dienst am heutigen Bild Österreichs zu leisten, hat etwa Uli Huemer, der sich selbst als „untypisch“ bezeichnet, noch im Nachhinein in gewisse Distanz zu seinem Dienst in Theresienstadt gebracht. Ihm war es wichtiger, etwas Sinnvolles statt des Waffendienstes zu tun, Geschichte zu begreifen, ihn reizte es, dazu ins Ausland zu gehen. Die Arbeit der Zivis im Ausland ist etwa nach Auskunft des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam zwar hochwillkommen, den eigentlichen Gewinn hätte jedoch Österreich selbst durch das enorm gute Echo. Erfahrungsgemäß wandelt sich dadurch besonders auch das oft von Bitterkeit geprägte Bild der Emigranten, die vorgeführt bekommen, dass es in der alten Heimat nicht nur Unverbesserliche gebe.

Wirklich? Im Wiener Gemeinderat verlangt eine FPÖ-Politikerin, man solle die Zivildiener fortan im inländischen Sozialdienst einsetzen, statt „sie im Ausland Gedenktafeln abstauben zu lassen“. Währenddessen sammeln österreichische Botschaften Unterschriften für die „Gedenkdiener“. Bisher vergeblich. Und allenthalben plagen auch Wohlmeinende Zweifel, ob die Wiener Regierung wirklich etwas für ihr Ansehen im Ausland tun will.

Projekt Details

  • Datum 2. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 2000

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