Die Presse – 10. April 1998 / Gertraud Knoll: Politischer Amateur auf Wahlkampf der anderen

10.04.1998

Projekt Beschreibung

Gertraud Knoll: Politischer Amateur auf Wahlkampf der anderen Art Wie sieht der Wahlkampf einer Kandidatin für die Präsidentenwahl aus, die weder Politikerin noch Wahlkämpferin im klassischen Sinn ist. Unterwegs mit Gertraud Knoll quer durch Österreich. VON DIETMAR NEUWIRTH UND ROBERT BENEDIKT Gern nehmen sie Babies und Kleinkinder auf den Arm, herzen sie, lassen Photos machen – sofern sich die wehrlosen Subjekte der so wahllosen wie kurzen Zuwendung nicht mit Händen, Füßen und verzweifelten Tränen dagegen wehren. Politiker „lieben“ Kinder im allgemeinen, zu Zeiten des Wahlkampfs im besonderen.Gertraud Knoll ist keine Politikerin. Eigentlich ist sie auch keine Wahlkämpferin im herkömmlichen Sinn. Als dreifache Mutter kommt sie erst gar nicht auf die Idee, in Kinderwägen anderer Leute zu kriechen. Es kann dennoch passieren, daß sie, wie bei der Ankunft am Innsbrucker Hauptbahnhof, mit einem Baby auf dem Arm gesichtet wird. Nur ist es dann eben ihr eigenes. Knoll ist anders. Wenn sie auf Wahlreise geht, gibt es keine Limousinen-Konvois und keine flugzettelverteilenden Hostessen. Selten werden Luftballons verschenkt. Nicht einmal sie selbst verteilt Autogrammkarten in Fußgängerzonen. „Davon verstehe ich nichts“, sagt sie, mit ihrer Rolle als Amateur-Politikerin kokettierend. Sie wolle zeigen, welche Themen ihr wichtig sind.Gern begibt sie sich dabei in „Freundesland“: zu einer ihr überaus wohlgesonnenen Frauenrunde; in ein Alu-Werk, dessen Chef sie duzt und das auf dem Boden ihres ehemaligen Pfarrgebiets liegt; zu einem Verein, der sie eingeladen hat. Die karenzierte evangelische Superintendentin kommt lieber zu bereits Überzeugten, gebraucht keine heftigen Worte, nur selten kommt subtile Aggressivität gegen Amtsinhaber Thomas Klestil und (häufiger) FP-Obmann Jörg Haider durch. Knolls Wahltour mutiert manchmal fast zu einer Pastoralreise – die Beobachtung durch die Medien fix einkalkuliert. „Daß sie sich das traut, gegen Männer anzutreten . . .“ Ludwig Schrott ist kein professioneller Beobachter. Aber er kennt die Frau Kandidatin noch aus einer Zeit, als sie Frau Pfarrerin in Weppersdorf war. An diesem windigen Tag ist der Pensionist in das Werk Alu-Sommer in Stoob, knapp nördlich von Oberpullendorf gekommen. Seine Ehefrau Annemarie denkt schon an die Zeit nach dem Wahltag, dem 19. April. „Es wird halt ein bißchen schwierig nachher, wieder zurückzukehren.“ Ein anderer Zaungast vermißt einen unvermeidlichen Akteur „echter“ Wahlkampfauftritte: „Wo ist die Blasmusik“. Das Kommen Knolls hat sich in den evangelischen Gemeinden der Umgebung rasch herumgesprochen. Ungefähr 60 fast durchwegs ältere Burgenländer sind gekommen, aus dem Werk die 350 Mitarbeiter geschlossen angetreten. Junior-Chef Günther Sommer: „Wir haben die Mittagspause teilweise vorgezogen. Frau Knoll ist schon lang als Mitglied in unserem externen Beirat mit uns verbunden.“ Ob er mit der Wahl Knolls rechnet: „Sie ist eine sehr mutige Frau, die ihre Meinung sagt. G’fühlsmäßig schafft sie es aber nicht.“Als Knoll mit knapper Verspätung kommt, kennt sie fast alle hier. „Grüß Gott.“ „Grüaß Di'“. „Wie geht’s immer“ „Familie g’sund“. Als Knoll endlich zum Rednerpult tritt, ist die Distanz zum Publikum besonders auffallend. Genauso wie das fast gleichzeitig einsetzende Mittagsgeläut der Glocken der katholischen Kirche.Sie werde „fast ein bißchen belächelt“, wenn sie davon spreche, der Mensch müsse im Mittelpunkt der Politik stehen. „Heute habe ich gerade daraus mein Selbstbewußtsein gefunden.“ Und auch Ähnlichkeiten zwischen dem Amt der Superintendentin und des Bundespräsidenten. „Es geht um ein Wächteramt.“ Zu Begeisterungsstürmen kann sie ihr Auditorium damit nicht bewegen. Sie will eine „Stimme des Gewissens“ sein. Knoll am Schluß mit fast flehender Stimme: „Geben Sie mir diese Stimme des Gewissens am 19. April. Damit jene eine Stimme haben, die allzuoft in unserer Gesellschaft überhört werden.“Der angesetzte Betriebsbesuch fällt knapp aus. Schließlich ist der Großteil der Belegschaft noch auf Mittagspause. Und auch Knoll wird von Seniorchef Michael Sommer zum Mittagstisch in ein nahes Gasthaus zwangsverpflichtet. Mehr Zeit nimmt sich Knoll in einer Frauenberatungsstelle in der Wiener Innenstadt. 18 handverlesene Frauen, Chefinnen oder Mitarbeiterinnen von Beratungsdiensten sitzen auf Sesseln im Kreis – Knoll mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einer roten Couch.Keine der Fragen (Wie sie den Stand der Verhandlungen über das Frauen-Volksbegehren beurteile; welche Möglichkeiten es für Frauenpolitik auf EU-Ebene gebe) bringt Knoll auch nur in die Nähe der Bedrängnis. Einzig einmal zuckt die eine oder andere kurz zusammen, als Knoll meint: „Feminismus ist für mich dann ein Problem, wenn er zu einer Ideologie wird.“ Ein Seitenhieb gegen Klestil verfehlt seine Wirkung nicht. „Nachdem der Bundespräsident gesagt hat, er hätte dreimal ordentlich interveniert, hätte man eigentlich erwarten dürfen, daß bei den Verhandlungen über das Frauen-Volksbegehren die Ergebnisse schon weiter sind“, meint Knoll spitz.Trotz ihrer Reisen quer durch Österreich ist die Theologin mit ihrer derzeitigen Lebenssituation offenbar durchaus zufrieden. Knoll: „Mein Mann grinst. Er sagt, so gut wie jetzt ist es ihm noch nie gegangen. Wenn er nach Haus kommt, hat er eine warme Suppe auf dem Tisch. Wir haben eine Kinderfrau, die ich mir nie habe leisten können.“ Während im Knollschen Heim in Sauerbrunn wahrscheinlich die leeren Suppenteller vom Tisch getragen werden, trifft die Frau des Hauses im fernen Innsbruck im Hotel „Central“ Mitglieder des Vereins „Gedenkdienst„. Man kommt gern, hatte doch Obmann Andreas Maislinger um dieses Treffen gebeten. Der Verein schickt Zivildiener zu Holocaust-Gedenkstätten im Ausland. Im Kreis der Gedenkdiener wird die Wahlkämpferin freudig empfangen. Denn sie war die einzige der Präsidentschaftskandidaten, die auf die Einladung reagiert hat. Die Freude ist gegenseitig. Knoll bezeichnet die Friedensarbeit des Vereins als „gute Möglichkeit“, Schrecken aus der Vergangenheit in Worte zu fassen und daraus resultierende Konflikte aufzuarbeiten. Die abendliche Diskussion an der Uni gestaltet sich wesentlich turbulenter als das fast intime Gespräch am Nachmittag. Der Hörsaal 4 in der geisteswissenschaftlichen Fakultät kann die vielen Interessenten nicht fassen und muß eine Viertelstunde vor Diskussionsbeginn gesperrt werden. Kurzentschlossen sorgt ÖH-Chef Matthias Strolz für eine Tonübertragung in den Nachbarhörsaal, der sich daraufhin auch bis auf den letzten Platz füllt. Knolls Forderung nach einer menschengerechteren Politik fällt bei den Studiosi auf fruchtbareren Boden als im östlichsten Bundesland. Das Bekenntnis zur Neutralität findet ebenso Akzeptanz wie Knolls Versprechen, sich als Bundespräsidentin für Randgruppen einsetzen zu wollen. Applaus erntet sie mit ihrer Absage an den FP-Obmann: „Wenn es 1998 eine Bundespräsidentin Gertraud Knoll gibt, wird 1999 sicher kein Haider zum Bundeskanzler bestellt.“ Schon am nächsten Morgen um 7.30 Uhr stehen Knoll und ihre Damen (die Herren vom Personenschutz halten sich diskret im Hintergrund) wieder am Bahnsteig. Per Bahn geht es nach Vorarlberg, wo zu Mittag eine Radiodiskussion auf dem Programm steht. Gleich der erste Hörer möchte wissen, wie Frau Knoll ihre Chancen einschätzt, gewählt zu werden. Die Antwort ist eindeutig. „Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ich Präsidentin werden kann, wäre ich nicht angetreten.“ Nach einer Wahlparty im Hotel Messmer bricht Frau Knoll mit Sohn Levi zum Flughafen Altenrhein auf, um nach Wien zurückzufliegen. Ihre Begleiter müssen mit dem Zug vorlieb nehmen. Die finanziellen Mittel sind knapp. Irgendwo muß ja schließlich Geld gespart werden.

Projekt Details

  • Datum 28. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1998

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