Die Furche – 29. August 2002 / Sensible Botschafter

29.08.2002

Projekt Beschreibung

Vor zehn Jahren trat Österreichs erster Gedenkdiener seinen Zivildienst im Ausland an. Das Interesse am Gedenkdienst, Sozialdienst oder Friedensdienst im Ausland ist beachtlich, die finanzielle Austattung viel weniger. Auch das Engagement der Politik hält sich in Grenzen. Sensible Botschafter Von Otto Friedrich Noch knapp einen Monat dauert der Gedenkdienst von Korbinian Schleicher. Der 20-Jährige arbeitet seit August 2001 im „Zentrum für jüdische Kultur“ in Krakau. Das Institut im ehemals jüdischen Viertel der südpolnischen Metropole beschäftigt sich mit dem jüdischen Erbe Polens und mit dem Holocaust. Auch Touristen kommen, um das jüdische Krakau zu entdecken: Der Umgang mit den Besuchern ist für Schleicher ein Hinweis darauf, wie wichtig Österreicher an solchen Orten sein können: Immer wieder erlebt er, wie wenig erfreut jüdische Touristen etwa aus den USA oder aus Israel sind, wenn sie merken, dass ihnen ein Österreicher da Auskunft gibt. Doch in der persönlichen Begegnung gelingt es, so die Erfahrung Schleichers, undifferenzierte Vorbehalte gegenüber Österreich abzubauen. Ähnliches berichtet der Politologe Anton Pelinka, der zuletzt in den USA tätig war und das älteste Holocaust Museum der USA in West Bloomfield, wo auch Gedenkdiener aus Österreich tätig sind, kennt: „Das ist eine tolle Sache für das Ansehen Österreichs. Da kommen junge Österreicher hin, die mehr Zeit aufwenden, als sie für Zivil- oder Militärdienst müssten, und arbeiten in einem Bereich, der fürs österreichische Image sehr sensibel ist.“ Pelinka: „Es gibt diese Vereinfachungen von Österreich als Naziland. Dass in West Bloomfield Österreicher freiwillig und unbezahlt arbeiten, wird da auch so kommentiert: Das hätten wir Österreich gar nicht zugetraut.“ Auch Fred Friedman, 76-jähriger österreichischer Jude, der 1938 emigrieren musste und heute bei Buffalo im Staat New York lebt, bestätigt: „Ich war öfter im US Holocaust Memorial Museum in Washington und habe dort österreichische Gedenkdiener getroffen, ebenso im Leo Baeck Institute in New York, auch in Yad Vashem in Jerusalem. Gedenkdienst ist für beide Seiten wichtig: Die Welt kann junge, intelligente Österreicher treffen, und die Österreicher lernen mehr über andere Länder.“ Was Fred Friedman hier schlicht formuliert, weist aufs Grundkonzept des Gedenkdienstes hin: Österreicher beteiligen sich an Aufarbeitung und Dokumentation der Erinnerung – nicht nur, aber vor allem an die Schoa – im Ausland mit und erweitern ihren Horizont ebenso wie sie als Botschafter eines ob seiner jüngeren Geschichte beargwöhnten Landes. Gedenken, Soziales, Frieden Vor genau zehn Jahren, am 1. September 1992, trat Georg Mayer, der erste österreichische Gedenkdiener, seinen Dienst im Museum von Auschwitz-Birkenau an. Wesentlicher Motor des Projekts war der Innsbrucker Politologe AndreasMaislinger, der schon seit 1978 für die Anerkennung eines Gedenkdienstes im Ausland als Zivildienst gekämpft hatte. Heute, zehn Jahre später, ist aus den Anfängen einiges geworden. Der „Auslandsdienst“, wie der Zivildienst außerhalb Österreichs jetzt heißt, dauert 14 Monate – zwei Monate länger als der Zivildienst im Land. Inzwischen gibt es neben dem Gedenkdienst auch den Sozialdienst, bei dem die Auslandsdiener in Sozialprojekten, sowie den Friedensdienst, wo sie in Friedensinitiativen mitarbeiten. 481 Dienststellen, die von 20 Trägervereinen betreut werden, sind derzeit vom Innenministerium anerkannt. Weniger als ein Drittel davon ist tatsächlich besetzt: Am 1. Juli waren 150 Auslandsdiener im Einsatz. Die Entwicklung verlief nicht friktionsfrei: Beim Gedenkdienst etwa gibt es heute drei anerkannte Trägervereine, die untereinander auch konkurrieren. Andreas Maislinger, der Initiator des Projekts, verließ nach internen Konflikten den von ihm initiierten Trägerverein „Gedenkdienst“ und gründete 1998 den neuen „Verein Dienste im Ausland“, der mittlerweile in allen drei Kategorien Auslandsdiener entsendet. Außerdem ist seit 1994 auch der vor allem im Bereich der Gewerkschaften verankerte Gedenkdienst-Trägerverein „Niemals Vergessen“ aktiv. Selbstzahler und Sponsoren Die Diskrepanz zwischen freien (481) und besetzten Stellen (150) hat mit der finanziellen Austattung zu tun. Vor mehr als einem Jahr wurden die Finanzangelegenheiten des Auslandsdienstes aus dem Innenministerium in einen Förderverein ausgelagert, der die Fördermittel für den Auslandsdienst vergibt. Bislang gehören diesem Verein der Bund, die Länder Nieder- und Oberösterreich sowie seit kurzem die Israelitische Kultusgemeinde als Mitglieder an. Finanziert wird der Verein zur Zeit fast ausschließlich vom Bund, je 800.000 Euro schoss der in den beiden letzten Jahren zu. Die Auslagerung soll, so Wolfgang Gschliffner vom Innenministerium, der die Geschäfte des Fördervereins führt, auch die Beteiligung von Sponsoren ermöglichen. Ein Auslandsdiener erhält, wenn er vom Förderverein unterstützt wird, 10.000 Euro – ein Betrag, mit dem Lebenshaltungskosten am Einsatzort und Sozialversicherung für 14 Monate oft kaum zu bestreiten sind. Immer mehr Auslandsdiener oder ihre Trägervereine müssen sich somit selbst um die Finanzierung des Einsatzes umschauen. Die 21 Auslandsdiener etwa, die Andreas Maislingers „Verein Dienste im Ausland“ im Jahr 2002 entsendet, finanzieren sich zur Gänze selbst oder werden gesponsert: So bezahlt die jüdische Gemeinde in Montreal zwei Gedenkdiener im dortigen Holocaust-Museum, und auch die Stellen im erwähnten Holocaust Museum von West Bloomwich in den USA werden von Sponsoren vor Ort bestritten. Andreas Maislinger sieht im Umstand, dass heuer alle Auslandsdiener seines Vereines bereit waren, ohne staatliche Unterstützung an die Einsatzorte zu gehen, ein Zeichen für die Attraktivität der Dienste. Er steht auch dazu, dass künftig mehr und mehr Auslandsdiener das Finanzielle selbst zu regeln haben: Nicht jeder müsse sich die begehrtesten Plätze, etwa in den USA, wo die Lebenshaltungskosten hoch sind, aussuchen. Ob die Betroffenen das auch so sehen? Korbinian Schleicher, der im vergleichsweise billigen Krakau den Dienst versieht, erhält noch einen Teil der staatlichen Förderung; aber auch er musste sich mehr als nach der Decke strecken, um finanziell über die Runden zu kommen. Auch Anton Pelinka will die Politik bei den Finanzen nicht aus ihrer Verantwortung entlassen; er sieht ein, dass der Gedenkdienst keine Billigalternative zu Zivil- und Militärdienst sein darf, meint aber: „Grundsätzlich muss eine Regierung doch Interesse daran haben, bei diesen zentralen und sensiblen Stellen das Erscheinungsbild Österreichs entsprechend zu fördern!“ Außerdem, so Pelinka, sei es vergleichsweise billig, Gedenkdiener zu unterstützen. Und wenn Sponsoren oder die Leute selbst sich den Auslandsdienst finanzieren? „Das finde ich toll für diese Leute und für die Zivilgesellschaft, aber die österreichische Regierung hat eine Chance vertan.“ Trotz der finanziellen Probleme ist das Interesse junger Österreicher, ins Ausland zu gehen, vorhanden. Die dieser Tage kolportierten Zahlen, nach denen das Interesse am Zivildienst seit 1998 deutlich abgenommen haben, kann für den Auslandsdienst kaum gelten. Kein politisches Interesse? Eines allerdings schmerzt Maislinger: Sein Verein hat eine Stelle im Auschwitz Jewish Center, der einzigen jüdischen Institution der Symbolstadt der Schoa, beantragt – die beiden anderen Trägervereine entsenden schon Gedenkdiener nach Auschwitz. Doch die Stelle wurde bis dato nicht anerkannt. Bruno Seibert, mit dem Anerkennungsverfahren befasster Beamter im Innenministerium, meint auf Anfrage, eine Anerkennung werde im Wesentlichen dann abgelehnt, wenn ein außenpolitisches Interesse der Republik Österreich nicht vorliege. Ein österreichischer Gedenkdiener in der einzigen jüdischen Institution von Auschwitz soll nicht im außenpolitischen Interesse liegen? Im Außenministerium, das für die Feststellung dieses „Interesses“ zuständig ist, hält man sich bedeckt: Das Verfahren unterliege der Verschwiegenheit. Tomasz Koncewicz, der Direktor des Auschwitz Jewish Center, erklärt, von der Furche befragt, kurz: „Es wäre sehr interessant, einen österreichischen Gedenkdiener zu haben, der etwa die deutschsprachigen Besucher unserer Ausstellung über jüdisches Leben betreut. Bis jetzt haben wir aber nichts gehört, ob jemand kommen wird oder nicht.“ Informationen über die Auslandsdienste: www.auslandsdienst.info

Projekt Details

  • Datum 16. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2002

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