Die Enkel der KZ-Generation, Die Presse

09.06.2009

Projekt Beschreibung

Während der FPÖ-Wahlkampf Österreich einen schlechten Ruf einbringt, arbeiten junge Österreicher als Auslandszivildiener in Holocaust-Gedenkstätten. Die Enkel der KZ-Generation
TOBIAS DEML (Die Presse) Ich war einer der etwa dreißig Österreicher jährlich, die für zwölf Monate in ein fremdes Land gehen und dort ihren Zivildienst absolvieren. An die erste Szene erinnere ich mich gut, ich stand damals auf dem Flughafen von Los Angeles, mit zwei vollgepackten Koffern in den Händen, einen Tirolerhut auf dem Kopf, 80er-Sonnenbrille auf der Nase und ein Kuvert mit 1000 Dollar im Gepäck. Das war so ziemlich alles, was ich hatte. Keine Studentenorganisation, die mich willkommen heißt und in ein Studentenheim kutschiert, keine diplomatische Delegation, die mir ein Festmahl anbietet. Ich war ganz auf mich selbst gestellt. Damals war ich 18, ein frischer Maturant, einer, der die Welt sehen wollte, bevor das Studium beginnen sollte. Einer, der auf die mündliche Englisch-Matura einen Dreier kriegte. Ich arbeitete im Museum of Tolerance (Teil des Simon Wiesenthal Center), einem gigantischen Komplex, der mit sehr modernen, multimedialen Methoden seine Inhalte Schülern und Erwachsenen näherbringt. Als Österreicher galt ich als absoluter Exot aus Europa und wurde auf Privatpartys regelrecht umzingelt, sobald jemand meine Herkunft erfuhr. Jeder wollte etwas mit mir zu tun haben, etwas von mir wissen. Ich zog mehrmals um und lernte unglaublich interessante Menschen aus anderen Kulturen kennen. Mein Job als Tourguide im Museum of Tolerance stellte sich als unglaublich lehrreich heraus: Meine 75-jährigen Kollegen überzeugten mich mit ihren Aufreißergeschichten aus ihrer Jugendzeit schlussendlich davon, dass alte Menschen durchaus cool anstatt senil sein können. 13-jährige Amerikaner antworteten auf die Frage, was der Auslöser für den Ersten Weltkrieg gewesen sei, mit: „Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand wurde von einem serbischen Attentäter getötet“ und verbannten viele meiner Vorurteile gegen das amerikanische Bildungssystem. Die beste Erfahrung des Lebens Als Österreicher vor all diesen Schülern zu stehen, während die New York Times über den Wahlerfolg einer rechtsradikalen Partei in Europa groß berichtet, gab mir die Möglichkeit, für viele ihrer Unklarheiten und Vorurteile Rede und Antwort zu stehen – ein lebendes Beispiel zu sein, dass man sehr wohl globale Verantwortung übernehmen kann. Denn genau das ist der Auslandsdienst – eine weltweite Verantwortung gegenüber anderen Völkern, um aus Genoziden wie dem Holocaust zu lernen und sie in Zukunft erkennen und verhindern zu können. Die zweite Hälfte meines Gedenkdienstes leistete ich in Montreal (Kanada) ab, wo es im Winter bis zu -25° C kalt war und ich mit Franzosen zusammenlebte. Ich hielt Vorträge in Schulen über Österreichs Rolle im Holocaust. Die kanadischen Schüler zeigten riesiges Interesse an der derzeitigen Politik und dem Lebensgefühl meines Heimatlandes. Die Vorfälle in Ebensee waren damals noch kein Thema. Seit meiner Heimkehr nach Österreich halte ich Vorträge an verschiedenen Schulen in Wien. Die Zahl der Schüler, denen ich von meinen Erlebnissen berichtete, liegt bereits jenseits der 600. Es sind einzigartige Erfahrungen, von denen ich erzähle, unersetzliche Lebenserfahrungen und eine veränderte Perspektive, die ich im Ausland gewann. Die starrenden Augen und offenen Münder der Schüler spiegeln meine Begeisterung wider – ohne etwas auszuschmücken: Dieser Dienst war die beste Erfahrung meines Lebens. Genau deshalb halte ich Vorträge darüber: Damit andere auch die Chance bekommen können, sich für ihre Welt einzusetzen. Tobias Deml, 20, ist ehemaliger Auslandszivildiener und studiert Film und Psychologie in Los Angeles.

Projekt Details

  • Datum 14. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2009

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