Der Widerstand ist so alt wie die Lederhose, Kleine Zeitung

13.07.2013

Projekt Beschreibung

Der Widerstand ist so alt wie die Lederhose
Helmut Kalss hat eine Dissertation über den Widerstand im Salzkammergut verfasst. Auf 470 Seiten erklärt er, warum Österreichs „zehntes Bundesland“ seit dem Mittelalter eigene Wege geht.
Helmut Kalss ist Altausseer und im Steirischen Salzkammergut bestens vernetzt. Es ist vermutlich eine der wichtigsten Eigenschaften, um bei den Einheimischen nicht auf Granit zu beißen. Der 38-jährige Lehrer für Geschichte, Englisch und Musik am Lehr- und Forschungszentrum Raumberg-Gumpenstein in Irdning, hat sich für seine Dissertation nämlich einer besonderen Herausforderung gestellt: Über den Widerstand im Salzkammergut zu schreiben. „Mich hat das Thema schon immer interessiert, ich habe mich bereits in meiner Magisterarbeit umfassend damit beschäftigt.“
Damals ging es in erster Linie um den Widerstand gegen das Nazi-Regime. Ein schwieriges und vielfach bis heute tabuisiertes Thema im Ausseerland. „Bei meinen ersten Recherchen wurde ich regelrecht beschimpft. Dann aber haben die Leute plötzlich angefangen zu reden. Viele sind sogar von sich aus auf mich zugegangen, nachdem ich die erste Arbeit veröffentlich habe.“ 2000 Exemplare davon waren übrigens rasch vergriffen. Mit den weiteren Erkenntnissen und einer Vertiefung des Themas hat Kalss nun promoviert. 470 Seiten widmet er dem Widerstand im Salzkammergut.
Es ist gleichsam ein Psychogramm über das „zehnte Bundesland“ Österreichs, wie er selbst schreibt. Dialekt, Bräuche und eine besondere Form des Widerstandes einen die Salzkammergütler in der Steiermark, Oberösterreich und Salzburg. „Ich habe im Mittelalter begonnen, weil es da bereits losging. Salinen- und Holzarbeiter haben immer wieder Aufstände inszeniert, wenn etwas nicht gepasst hat. Einmal wurde es verboten, auf den Straßen zu feiern. Da hat man eben auf den Dächern weitergemacht“, schmunzelt Kalss, der den Bogen über verschiedene Traditionen, in denen sich der Widerstand manifestiert, bis zur Tagesaktualität spannt.
Skurrile Renitenz
Etwa das – im oberösterreichischen Salzkammergut erlaubte, im steirischen streng verbotene – Vogelfangen, ebenso die Wilderei. Auch vermeintlich aktuellen Themen widmet er sich. Vermeintlich deshalb, weil viele Dinge so neu nicht sind. Etwa die Gemeindezusammenlegungen.
„In Altaussee stieß das mit dem Hinweis, sie seien eigene Leute auf vehementen Widerstand. Das war 1938 – in den Schriftstücken finden sich wortwörtlich dieselben Argumente gegen die Fusion wie heute in den Artikeln der Tageszeitungen“, erklärt Kalss.
Die Forderung nach einem Bezirksgericht Salzkammergut ist ebenso beschrieben wie der Kampf um das BA-Kennzeichen. „Das ist eines der typischsten Beispiele für die Eigenständigkeit und fügt sich nahtlos in die Geschichte“, lacht Kalss, der selbst ein BA-Wunschkennzeichen auf seinem Auto hat.
Breitem Raum ist in seiner Arbeit auch dem Widerstand während des NS-Regimes gewidmet. „Viele ältere Menschen haben sich dabei wirklich geöffnet.“ So habe etwa eine Frau während des ganzen Krieges jemand versteckt gehabt. „Sie hat darüber bis heute nicht gesprochen.“ Auch mit manchen Mythen räumt er auf: „Viele wurden erst nach dem Krieg zu Widerstandskämpfern. Andere, die ein NSDAP-Parteibuch hatten, haben viel geholfen.“ Sein Fazit über den Widerstand: Die großen Familiennetzwerke haben eine größere Rolle gespielt als politische Ideologien.
Atombombe Alpenfestung
Auch manche Mythen hat er überprüft. Etwa: Hätte das Salzkammergut Ziel einer Atombombe sein können? Briefwechsel mit führenden amerikanischen Militärhistorikern lassen ihn schließen: „Gut möglich. Eines der Forschungsprogramme an den zwei unterschiedlichen Bombentypen war dafür vorgesehen. Allerdings dauerte die Entwicklung länger als geplant, der Krieg in Europa ging inzwischen zu Ende. Über Japan wurden dann die Bomben beider Programme abgeworfen.“
Themen wie Toplitzsee, Interkontinental-Raketen aus dem KZ Ebensee samt vielen Berichten von Zeitzeugen hat Kalss in seine Arbeit eingebaut. „Ich weiß eigentlich noch mehr, doch manches kann auch heute noch nicht veröffentlicht werden, ohne Probleme zu bekommen.“

Projekt Details

  • Datum 7. Januar 2016
  • Tags Pressearchiv 2013

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