Das wird auch Zeit, Tiroler Tageszeitung, 28.06.1992

28.06.1992

Projekt Beschreibung

Das wird auch Zeit

Eine Handvoll österreichischer Zivildiener wird wahrscheinlich ab Herbst in Holocaust-Gedenkstätten im Ausland arbeiten. In Deutschland gibt’s das unter dem Namen Aktion Sühnezeichen schon länger. In Österreich mußte der Innsbrucker Politikwissenschaftler Andreas Maislinger 15 Jahre dafür kämpfen. War das, was jetzt richtig ist, vorher nicht richtig? Die Unterstützung für Gedenkstätten ist wirklich keine aufwendige Sache. Und dennoch das mindeste, was wir tun können für die Ermordeten und deren Nachkommen. Gleich nach dem zweiten Weltkrieg hätte diese Maßnahme getroffen werden müssen. Und dennoch wundert es kaum, daß sie erst jetzt kommt. Sie liegt im Trend der Zeit. Soviel wie zuletzt wurde in der Öffentlichkeit noch nie offen über die Zeit des Dritten Reichs diskutiert. Aber ein Gedenkjahr ist zum Nachdenken da. Und tnicht dazu, seit 50 Jahren fällige Entscheidungen zu treffen. Traurig, dass es einen Trend braucht, damit wir die Chancen der Aufarbeitung erkennen und ausschöpfen. Dazugehört, daß Jugendliche für Gedenkstätten arbeiten. Den Zivildienst gibt’s zwar noch nicht so lange, aber man hätte sich ja wohl anders behelfen können. Wenigstens können wir jetzt ab Herbst 1992 damit rechnen, daß österreichische Zivildiener in Gedenkstätten Dienst tun. Das ist durchaus sinnvoll. Es hat nämlich tatsächlich etwas mit ziviler Landesverteidigung zu tun. Wenn auch nicht gegen Bedrohung von außen, sondern gegen eine Bedrohung von innen. Daß sich genau das Gleiche wie vor 50 Jahren noch einmal abspielen könnte, ist sehr unwahrscheinlich. Aber die Gefahr besteht, daß Teile der NS-Ideologie wieder auftreten. Unter anderem Namen und in einer anderen Situation. Je weniger Menschen leben, die damals dabei waren, desto größer wird diese Gefahr. Und dagegen hilft nur Aufarbeitung. Aufarbeitung nicht nur der Fakten, sondern der menschlichen Schwächen und Beweggründen, die dahinter stehen. Insofern ist die Arbeit von Zivildienern in den Gedenkstätten nicht nur eine politische Geste, sondern ein gesellschaftliches Muß. Von „Sühne kann, dabei jedoch keine Rede sein. Denn diese Generation kennt Hitler und seine Ideologie nur aus dem Geschichtsunterricht.“
Floo Weissmann

Projekt Details

  • Datum 14. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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