Das österreichische „Projekt Gedenkdienst“ Zivildienst an den Gedenkstätten des Holocaust, Publik-Forum

26.05.1995

Projekt Beschreibung

Publik-Forum Nr. 10 / 26. Mai 1995

Das österreichische „Projekt Gedenkdienst“

Zivildienst an den Gedenkstätten des Holocaust

Das Projekt Gedenkdienst gibt jungen Osterreichern die Möglichkeit, ihren Zivildienst in Form einer 14monatigen Tätigkeit an ausländischen Holocaust–Gedenkstätten abzuleisten. Fünfzehn Jahre lang hatte sich der Innsbrucker Politologe Andreas Maislinger für einen solchen Gedenkdienst eingesetzt („Ich habe Tausende Briefe an Politiker und Behörden geschrieben“) – Anfang der 90er Jahre war es dann soweit, nachdem der Gesetzgeber mit zwei Zivildienstnovellen die Voraussetzungen geschaffen hatte. Der Gedenkdienst ist offen nicht nur für Kriegsdienstverweigerer, sondern auch für Frauen und nicht zivildienstpflichtige Männer, die dann allerdings die Finanzierung individuell klären müssen. Andreas Maislingers Engagement ist getragen von der Erkenntnis, daß das lange Zeit überlieferte Dogma der Rolle Österreichs als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“ zurechtgerückt werden muß. Unter Berufung auf Simon Wiesenthals Feststellung, wonach etwa die Hälfte der Morde an Juden unter der Beteiligung von Österreichern stattgefunden habe, rief Maislinger dazu auf, die österreichische Doppelrolle – also den Verlust der staatlichen Souveränität auf der einen und die schuldhafte Beteiligung vieler Österreicher auf der anderen Seite anzuerkennen. „Wir brauchen das Bekenntnis Österreichs zur Mittäterschaft im Nationalsozialismus und an den Geschehnissen des Holocaust“, sagt Maislinger. Das müsse in „konkreten Taten nach außen“ deutlich werden – und für Maislinger ist ein Mittel dazu der Gedenkdienst. Anfang der 80er Jahre hatte Maislinger acht Monate lang im Polenreferat der bundesdeutschen Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste im Museum Auschwitz-Birkenau gearbeitet und die österreichischen Behörden mit dem Ansinnen konfrontiert, seine dortige Arbeit als Ersatz für den österreichischen Zivildienst anzuerkennen. Die zuständigen Stellen reagierten abwehrend. Doch steter Tropfen höhlt den Stein. Maislinger startete eine Kampagne, betrieb unermüdliche Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit und war dann selbst überrascht, als der Ersatz-Zivildienst im Ausland eine gesetzliche Grundlage bekam und damit auch „sein“ Gedenkdienst anerkannt wurde. Gemeinsam mit dem sozialdemokratischen Parlamentarier Walter Guggenberger und dem für seine liberale Flüchtlingspolitik bekannten ehemaligen Burgermeister Andreas Hortnagl von der Österreichischen Volkspartei gründete Maislinger einen Trägerverein. Die Suche nach den Kandidaten für die ersten vier Einsatzorte – das Museum Auschwitz-Birkenau in Polen, die Gedenkstätte Theresienstadt in Tschechien, das Anne-Frank-Haus in den Niederlanden und die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel – begann. Am 1. September 1992 konnte der erste Zivildienstpflichtige seinen Gedenkdienst antreten: Georg Mayer aus Wörgl in Tirol arbeitete im Computerarchiv des Museums Auschwitz-Birkenau an der elektronischen Erfassung von Dokumenten und an verschiedenen Veröffentlichungen des Archivs. „Betroffenheit allein hilft niemandem weiter; hier kann ich Hilfe zur wissenschaftlich korrekten Aufarbeitung der Dokumente leisten“, hat er seine Motivation beschrieben. ein Jahr an der Gedenkstätte mitzuarbeiten. Mit dem Holocaust Memorial Museum – wo ich selbst den Gedenkdienst geleistet habe – und dem Leo-Baeck-Institut in den USA wurde das Projekt auf sechs ständige Einsatzstellen erweitert. Von März bis September 1995 arbeitet darüber hinaus auch eine Freiwillige im Holocaust Memorial Centre im kanadischen Montreal. In alten Ländern, in denen das Versöhnungsprojekt vertreten ist, ist die Initiative begrüßt worden. „Es scheint als ob man regelrecht darauf gewartet hätte, daß Österreich hier ein Zeichen setzt“ , sagt Maislinger. Die Einsatzstellen des Dienstes sollen auf Orte in Österreich, Ungarn, im Baltikum sowie in der Ukraine ausgedehnt werden. Der Kreis der Interessierten übersteigt die zur Verfügung stehenden Plätze. Wer ins Ausland will muß zuvor ein Jahr lang in Österreich mitarbeiten. Der Verein verlangt Sprachkenntnisse und die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocaust. Dazu dienen etwa die Gedenkdienst Tagungen im Salzburger Bildungshaus Sankt Virgil; in diesen Tagen findet dort gerade ein solches Seminar statt, Thema „Flucht nach Shanghai – Vom Überleben österreichischer Juden in einer asiatischen Metropole“.

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1995

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