Das Mahnmal Auschwitz, Rupertusblatt

29.01.1995

Projekt Beschreibung

Rupertusblatt 29. Jänner 1995

Das Mahnmal Auschwitz

Vor 50 Jahren befreite die Rote Armee das „Symbol“ des Rassenwahns

Am 2. Jänner 1945 erreichten ukrainische Truppen der Roten Armee Auschwitz. Zehn Tage vorher hatte der Komandant des größten Konzentrations- und Vernichtungslagers befohlen, die Häftlinge zu evakuieren. Krematorien und Gaskammern wurden gesprengt, Kranke noch am letzten Tag ermordet. Die Filmaufnahmen der Befreier erschüttern bis heute.

„Arbeit macht frei“ wurde über das Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz geschmiedet. Vielen, die dorthin transportiert wurden, hatte man gesagt, daß sie an einen Ort fahren, wo sie ungestört arbeiten und leben könnten. Ein „Versprechen“, das nur wenige überlebten. Aber erst nach einiger Zeit redete sich herum, was wirklich dort geschah – denn im Unterschied zu den Konzentrationslagern, über die zur Abschreckung der Menschen von den Nazis offen geredet wurde, hat man die Existenz von „rassischen Vernichtungslagern“ möglichst zu vertuschen versucht.

Größte Menschen-Vernichtungsanlage

Die „größte Menschen-Vernichtungs-Anlage aller Zeiten“ nannte Lager-Kommandant Rudolf Höss in seinen Aufzeichnungen das Lager Auschwitz-Birkenau. Als die Truppen der Roten Armee das Lager am 27. Jänner 1945 befreiten, waren da noch 7000 Häftlinge, zum Skelett abgemagerte Gestalten, am Rande des Todes. Vor der Befreiung hatten die Wachmannschaften die verräterischen Gaskammern und Krematorien gesprengt und an die 60.000 Häftlinge – in oft tagelangen Fußmärschen durch den eisigen Winter – nach Westen getrieben. Wer nicht mehr weiter konnte, wurde erschossen.

Heute ist die Stätte auf dem Gebiet des ehemaligen polnischen Dorfes Brzezinka (Birkenau) ein einziger Friedhof, denn die Nazis streuten die Asche der verbrannten auf die Felder oder verscharrten sie direkt neben dem Krematorium. Stille liegt über dem 175 Hektar großen Gelände. Ein Mahnmal erinnert an die weit mehr als eine Million Opfer, die hier unter unmenschlichen Umständen zugrunde gingen oder ermordet wurden, darunter mehr als 900.000 Juden, 75.000 Polen, ein Großteil der Intelligenz des Landes, 21.000 Sinti und Roma und 13.000 sowjetische Kriegsgefangene.

Das Verschweigen der Mittäterschaft

Im sogenannten Stammlager Auschwitz, etwa drei Kilometer von Birkenau, dem Zentrum der Mordmaschinerie, entfernt, sind im Block fünf die „Beweise des Verbrechens“ ausgestellt: Tonnen von Frauenhaaren und Kleidung, Massen von Brillengestellen, Koffer – und auch Reste des Todesgiftes Zyklon B. Da gibt es den „Todesblock elf“ mit jenen berüchtigten Arrestzellen, in denen vier Häftlinge auf einer Fläche von 90 Quadratzentimetern tagelang ohne Nahrung und Licht stehen mußten; schräg gegenüber liegt der Hungerbunker, in dem auch der polnische Märtyrer P. Maximilian Kolbe ums Leben kam. Zwischen zehntem und elftem Block steht die schwarze Wand, an der unzählige polnische Häftlinge erschossen wurden.

Als einziges westliches Land konnte Österreich noch während der kommunistischen Ära 1978 im Auschwitz-Museum eine eigene Schau einrichten. Sie ist für den Gründer des österreichischen Gedenkdienstes in Holocaust-Stätten, Andreas Maislinger, ein Stein des Anstoßes und ein Beispiel für die „Lebenslüge, mit der unser Land seit 1945 lebt“: Österreich stellt sich dort ausschließlich als Opfer des Hitler-Faschismus dar. Daß eine beachtliche Anzahl von Österreichern bei der Durchführung der Judenvernichtung in den besetzten Gebieten beteiligt war, wird verschwiegen. Seit 15 Jahren bemühe er sich – leider vergeblich – darum, daß beide Seiten der Wahrheit gesagt werden, meint Maislinger. „In Österreich gibt es eine große Allianz des Schweigens.“ Deshalb gebe es zwar erhebliche Geldmittel für die Erforschung und Darstellung des Widerstandes, die Erforschung der Mittäterschaft hingegen werde oft sogar behindert. Konkret verweist Maislinger auf die geplante Errichtung einer Mahnstätte im Hitler-Geburtshaus in Braunau. Nach massiven Interventionen ist das ursprüngliche Konzept, an diesem Ort die Mittäterschaft von Österreichern am Nazi-Regime darzustellen, sehr in Frage gestellt.

Hermann Langbein, ehemaliger Auschwitz-Häftling, vermerkt in den „Informationen der Gesellschaft für politische Aufklärung“, daß sich Österreich nur zu leicht aus der Geschichte herausschwindle und die bohrende Frage, wie diese Greuel des organisierten Mordens geschehen konnten, an „die bösen Deutschen“ abschiebe. Langbein nennt nur einige Namen wie den Gestapochef Kaltenbrunner, die Leiterin des Frauenlagers in Auschwitz, Maria Mandel, den Chef der KZ-Gestapo, Maximilian Grabner, den Gaskammernkonstrukteur Walter Dejaco oder den Adjudanten von Höss, Johann Schindler. „Und taten in Auschwitz nicht auch Österreicher in SS-Uniform Dienst, der darin kulmierte, an der Maschine des alltäglichen Massenmordens mitzuwirken ?“

Der Ungeist der Rassenideologie

Langbein warnt davor, von Auschwitz als „Hölle“ und von den Tätern als „Teufel“, „Sadisten“ oder „Abnorme“ zu sprechen. Damit würde „die reale Existenz dieses Vernichtungslagers in eine andere, fremde Sphäre“ verschoben. Damit würde so getan, als ob ein paar kranke Fanatiker die Ermordung von Millionen Menschen „artfremden Blutes“ organisiert hätten. Die größte Deportationsoperation mitten im Krieg aber wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht soviele mitgetan oder weggeschaut hätten. Ermöglicht habe das, so Langbein, die Rassen-Ideologie, die Einteilung der Menschen in Höherwertige – in „Herrenmenschen“ – und in Minderwertige – in „Untermenschen“. Diese Ideologie wurde nicht von den Nationalsozialisten begründet, sie aber haben sie zur unumstößlichen Weltanschauung ausgebaut. Die ersten Opfer, um die „Herrenrasse“ nicht zu „verunreinigen“, waren die Behinderten, die ab Ende 1939 in sechs Vernichtungsanstalten (darunter Hartheim) durch Gift ermordet wurden. Ab 1942 wurden die Juden und Zigeuner systematisch ausgerottet. Der unvorstellbare Höhepunkt eines Ungeistes, der bereits in den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 und in den November-Pogromen von 1939 unübersehbar war. Eine Mahnung für alle Zeit.

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1995

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