Das Leben von Z-3529, Süddeutsche Zeitung

30.04.2013

Projekt Beschreibung

Süddeutsche, 30.04.2013 Das Leben von Z-3529 „Mengeles Augen habe ich heute noch im Kopf“: Hugo Höllenreiner überlebte das KZ Auschwitz, doch Deutschland gab ihm nie die Würde zurück. Er blieb in der Bundesrepublik, was er für die Nazis war – ein Zigeuner.
Von Bernd Kastner
Hugo Höllenreiner sagt, er höre noch heute die Stiefel. Klack. Klack. Klack. Er klopft auf den Tisch, wo gerade noch das Mittagessen gestanden ist. Die Stiefel haben dem Kind Angst gemacht, obwohl sie einem Arzt gehört haben, der so charmant sein konnte und Süßigkeiten verteilte. Hugo hat ihn oft gesehen, denn Josef Mengele wollte Kinder haben für seine Menschenversuche. Auch Hugo hat er holen lassen, neun Jahre alt war der da, geboren 1933, aufgewachsen in Giesing, beinahe gestorben inAuschwitz. Hugo Höllenreiner ist Sinto, deshalb. Sie gaben ihm die Nummer Z-3529, sie ist noch heute auf seinem Arm zu lesen, Z steht für Zigeuner. Einmal hat ihn Mengele kommen lassen, da musste sich Hugo auf einen Tisch legen, er wurde festgeschnallt, musste die Beine breit machen, und dann beugte sich der Arzt über ihn. Er ließ sich einen Metallstab reichen. Der alte Mann stockt im Erzählen. „Ich seh‘ genau noch, was alles passiert ist. Mengeles Augen habe ich heute noch im Kopf.“ Hugo glaubte zu sterben, aber irgendwann wurde Nummer neunundzwanzig hinausgetragen. Sie stopften ihm viel Papier zwischen die Beine, es wurde rot. Dann kam Nummer achtundzwanzig dran, das war sein Bruder. Die Bilder verfolgen ihn bis heute, das Erinnern bereiten ihm Schmerzen, und trotzdem berichtet er. Hugo Höllenreiner ist Zeitzeuge, einer der letzten, deshalb. Er holt sich zurück, was ihm andere genommen haben, jeder Satz, mit dem er in die Vergangenheit taucht, ist ein Sieg über das Böse. Das Schlimmste sei gewesen, sagt er, dass sie ihm und der Mama und dem Papa und den Geschwistern die Würde geraubt haben in den Lagern. Und später, als Hugo auch Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen überlebt hatte und Deutschland, die Heimat der Höllenreiners, zur Demokratie heranwuchs, später hat ihm dieses Land die Würde auch nicht zurückgegeben. Keine Anerkennung der Verletzungen, kein Unrechtsbewusstsein, kein Interesse am Erlebten. Er blieb in der Bundesrepublik, was er für die Nazis war, ein Zigeuner. Jetzt erst, gut 70 Jahre nach jenem Morgen im März 1943, an dem sie ihn und seine Familie zu Hause abgeholt haben, erst jetzt bekommt Hugo Höllenreiner eine Anerkennung für sein Wirken als Zeitzeuge, aus Österreich kommt sie, es ist der Austrian Holocaust Memorial Award des Österreichischen Auslandsdienstes. Der Verein engagiert sich international für Frieden und Versöhnung, gegründet hat ihn Andreas Maislinger. Er sagt, er wolle bewusst jemand ehren, der bislang nicht so im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stand, und als er Hugo Höllenreiner kennenlernte, sei er begeistert gewesen von seinem Charisma. An diesem Donnerstag wird Höllenreiner im Jüdischen Museum in München geehrt, Christian Ude hält die Laudatio. Ude war es auch, der Höllenreiner zum Erzählen animierte. Vor 20 Jahren war das, bei einer Ausstellung, und seither besucht der Sinto Schule um Schule. So sehr es weh tut, es ist auch eine Erleichterung, sagt er. Jahrzehntelang hatte er geschwiegen. Wohl auch, weil er Sorge hatte, den Erwartungen nicht zu genügen. Weil er doch nur so kurz auf der Schule war. Aus der dritten Klasse hatten ihn Hitlers Leute rausgeholt, und nach dem Krieg kamen nur noch gut zwei Jahre dazu. Das meiste hat er sich selbst beigebracht, das Lesen und das Schreiben. Erzählen aber konnte er schon immer, die Schüler hören ihm zu, still und starr. „Er ist ein Naturtalent als Erzähler“, sagt Peter Poth, „er hat dem Leiden der Sinti und Roma ein Gesicht gegeben.“ Außergewöhnlicher Dokumentarfilm Poth, 53, Geschichts- und Ethik-Lehrer aus Regensburg, ist ein enger Freund Höllenreiners und längst eine Art Assistent, ehrenamtlich, versteht sich. Er bereitet gerade eine Festschrift vor, die nach dem achtzigsten Geburtstag erscheinen soll und darstellen will, welche Wirkung das Erzählen Höllenreiner entfaltet hat, gerade im Bildungsbereich. Immer wieder ist Höllenreiner mit Studenten nach Auschwitzgefahren, ist mit ihnen durch die Überreste des Zigeunerlagers gegangen. Und dann bemüht sich Poth auch, dass ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm über Höllenreiner in die Schulen kommt: „Dui Roma“ heißt er, „Zwei Lebenskünstler„. Er handelt von dem jungen Wiener Adrian Gaspar. Der Roma ist Pianist und Komponist, er hat als Jugendlicher Hugo Höllenreiner bei einer Gedenkfeier in Auschwitz kennengelernt und war gefesselt. Seine Mutter hat einen halbstündigen Film gedreht über die beiden Männer und über das Orchesterwerk ihres Sohnes, ein Oratorium, basierend auf den Erinnerungen des Hugo Höllenreiner. Der Film ist auf YouTube zu sehen, aber Poth will ihn weiter verbreiten: „Es ist ein einzigartiges Dokument, wie in der Volksgruppe der Roma die Leidensgeschichte kreativ aufgearbeitet wird und die heutige Jugend inspiriert.“ Der Lehrer begleitet Höllenreiner auch in die Schulen. Jetzt, da das Alter manch Lücke in der Erinnerung des Zeitzeugen schafft, da steht er seinem Freund zur Seite, ergänzt, erklärt. Ein Buch hilft ihm dabei, „Denk nicht, wir bleiben hier!“, heißt es. Es ist ein bewegendes, ein großes Buch, die Autorin Anja Tuckermann hat dafür den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen, es ist die Lebensgeschichte des Jungen, dem seine Eltern den Zweitnamen Adolf gaben. Sie hatten die Gefahr geahnt und gehofft, der Name gebe Hugo Schutz. Heute ist es die Jugend, die ihm Kraft gibt und damit eine Art von Schutz vor der Vergangenheit ist, weil sich die Schüler für den alten Mann interessieren. Hunderte Schülerbriefe liegen bei Höllenreiner zu Hause, viele sind so ergriffen von seinen Berichten, dass sie weinen, wenn er spricht. Und auch er schämt sich nicht seiner Tränen, weil wieder diese Bilder erscheinen. Von seinem Freund zum Beispiel, er war neun, wie Hugo, sie waren Blutsbrüder. Sie hatten sich aus Lumpen einen Fußball gebastelt, haben damit im Lager Auschwitz-Birkenau gespielt. Einmal ist der Ball nahe an den Zaun geflogen, der Freund ist hinterher. Dann hat Hugo Schüsse gehört: baff, baff, baff. Hugo ist erschrocken. Der Freund! Aber der hat den Ball genommen und ist zurückgelaufen, auf Hugo zu. Da hat er Blut gesehen, überall Blut, der Bauch war offen, die SS-Männer oben im Wachturm hatten ihn doch getroffen, hatten ihm in den Rücken geschossen. Der Freund schaute Hugo an, wollte noch etwas sagen. Einmal, am Tisch sitzend beim Kaffee, unterbricht Schweigen das Erzählen. Sein Blick verliert sich irgendwo im Zimmer. Er hat den rechten Ellbogen auf den Tisch gestützt, hat die Hand geöffnet und seinen Kopf hineingelegt. Es ist, als suche das Kind Hugo Halt in der schützenden Hand des alten Mannes. „Ich kann oft nächtelang nicht schlafen, habe jetzt noch Albträume“, sagt er. Dennoch, der Mann mit den weißen Haaren und dem dunklen Schnauzbart wirkt lebensfroh und warmherzig. Da sitzt kein verbitterter, da sitzt ein starker Mann. Immer noch Albträume Die Nationalsozialisten haben ihm 36 Familienmitglieder geraubt, und doch weiß er zu schätzen, was ihm das Leben gegeben hat. Eine glückliche Kindheit zum Beispiel, trotz der Nazis, trotz der anderen Kinder, die ihn gehänselt und geschlagen haben. Er ist in München aufgewachsen, als es noch Wiesen gab in Giesing, die Familie besaß ein Haus in der Deisenhofener Straße, der Vater hat mit Pferden gehandelt, und der Bub durfte reiten lernen. Die Höllenreiners sind eine große Gemeinschaft, Hugo selbst hat zwei Kinder. Die Familie war immer ein Schutzraum in einem Land, in dem auch heute noch viele Roma und Sinti am Rande leben, in dem es Jahrzehnte gedauert hat, bis das Unrecht an ihnen anerkannt wurde. In der Familie war Hugo „der König“. Nach dem Krieg, er war zwölf, dreizehn, als sie fast nichts zu essen hatten, da hat er angefangen, Bürsten zu kaufen und weiterzuverkaufen, ist hausieren gegangen, und die Leute haben gekauft, er wurde zum Bürsten-Hugo. „Ich war der König, weil ich das Geld gebracht habe.“ Händler ist er geblieben, Zeit seines Lebens, von Giesing ist die Familie dann nach Waldtrudering gezogen, in eine feine Gegend. Nein, sie entsprachen nicht dem Stereotyp des Zigeuners, und doch hat er überlegt, ob er vor den Blicken und Worten der Nachbarn fliehen soll. Amerika? Aber dann haben sie weiter überlegt, haben sich das Leben dort vorgestellt, ohne Familie. „Was ist dann? Dann bist du allein.“ Sie sind geblieben und irgendwann nach Ingolstadt gezogen, dort lebt Hugo Höllenreiner noch heute, die Seinen um sich herum. Das Münchner NS-Dokumentationszentrum, das gerade entsteht, widmet sich auch der Geschichte der Sinti und Roma, und auch dem Leben des Hugo Höllenreiner. Die Macher der Ausstellung werden vielleicht nach Erklärungen suchen, warum alles so kam, warum die Polizei die Höllenreiners am 8. März 1943 verhaftete, ohne Erklärung. Hugo, der Achtjährige, war verängstigt und fragte seinen Papa. Warum, Dada, warum nehmen sie uns mit? Die Antwort des Vaters hat Hugo Höllenreiner nicht vergessen, vielleicht weil sie so viel erklärt, auch heute noch: „Weil wir Sinti sind.“ Link: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ns-zeitzeuge-hugo-hoellenreiner-das-leben-die-leiden-von-z–1.1661424

Projekt Details

  • Datum 6. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 2013

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