Das Hitler-Geburtshaus steht vor dem Ende

18.10.2016

Projekt Beschreibung

In nicht allzu ferner Zukunft wird das bekannteste Gebäude Braunaus seine Existenz aufgeben. Hier in dieser kleinen Gemeinde nahe der deutschen Grenze wurde vor 127 Jahren Adolf Hitler geboren. Nach Jahren öffentlicher Diskussion über die Weiternutzung der Mauern, die das erste waren, was der Mann, der Europa ein halbes Jahr später in Brand setzen würde, erblickte, wurde die Polemik am Montag beigelegt. „Das Hitler-Geburtshaus wird abgerissen werden. Das Untergeschoss darf bleiben, aber es wird ein neues Gebäude an dessen Stelle errichtet werden, das wohltätigen Zwecken oder den lokalen Behörden dienen soll“, erklärte der österreichische Innenminister Wolfgang Sobotka der Tageszeitung Die Presse.
Diese Entscheidung fällt nicht zum Wohlwollen derer aus, die seit Jahren fordern, dass am Geburtsort des Gründers des Nationalsozialismus, wo er nur einige Wochen lebte, ein
Mahnmal für die Schrecken, die seine Ideologie dieser Welt aufbürdete, errichtet werde. Das trifft zum Beispiel für den Politikwissenschaftler Dr. Andreas Maislinger zu. Seit 16 Jahren treibt er ein Projekt, dem er den Namen „Haus der Verantwortung“ gab, voran. Darunter wird ein Ort verstanden, an dem Jugendliche aus aller Welt die Möglichkeit haben sollten, über die Fehler der Vergangenheit sowie die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft zu sprechen.
„Obwohl Hitler nur sehr wenig Zeit seines Lebens in Braunau verbrachte, ist der Name der Stadt untrennbar mit dem seinen verbunden. Dieses Stigma könnte durch das Haus der Verantwortung durchbrochen werden“, legte der Initiator des Projektes, der internationale Unterstützungserklärungen wie die der Anti-Defamation League aus New York bekommen hat, in einem Interview mit EL PAIS dar. Die Facebook-Seite zählte am Montag 4.256 Followers.
Aber Bundeminister Sobotka teilt diese Meinung nicht. „Wir haben bereits Gedenkstätten zur Erinnerung des Geschehenen wie zum Beispiel das Konzentrationslager Mauthausen. Außerdem wird die geschichtswissenschaftliche Forschung über die Nazi-Zeit auch in Zukunft weiter vorangetrieben werden“, versicherte er.
Österreich – 1938, als Hitler und sein Gefolge von einer jubelnden Menge in den Straßen Wiens empfangen wurden, an das Dritte Reich angeschlossen – unterhält eine komplizierte Beziehung zu seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Gewissenserforschung ging lockerer von statten als beim nördlichen Nachbar Deutschland.
Trotz der Ankündigung des Ministers, dass das Haus abgerissen werden solle, sieht der offizielle Pressesprecher, der von der Agentur Reuters zitiert wurde, das als „eine Möglichkeit“. Was gewiss sei, führt er weiter aus, ist, dass der Raum von Grund auf und „sogar bis zu Unkenntlichkeit“ neu gestaltet werden soll und dass man einen Leerstand vermeiden wird.
Mit dieser Entscheidung folgt die Regierung einer zu diesem Zwecke aufgestellten Expertenkommission, deren Mitglied im Übrigen neben Geschichtswissenschaftlern und Beamten auch der Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde in Österreich war. Oberstes Ziel der österreichischen Behörden ist, zu vermeiden, dass das Haus Salzburger Vorstadt 15 in Braunau in falsche Hände gerät und zu einer Pilgerstätte für diejenigen wird, die sich den Nationalsozialismus wieder herbeiwünschen. Aus diesem Grunde gab die Regierung vergangenen Monat bekannt, dass, nachdem 40 Jahre lang das Haus gegen Bezahlung vom Staat angemietet worden war, nun die Entscheidung gefallen sei, die Besitzerin des Gebäudes zu enteignen. Das Parlament bereitet einen Gesetzesentwurf vor, um die Enteignung zu Ende zu führen, wobei noch unklar ist, wann er offiziell vorgelegt werden wird.
Braunau will sich alsbald von der Brandmarkung als „braune Stadt“ (Braun war die Farbe der gefürchteten Sturmtrupps der SA) loslösen. Dieser Wunsch, mit der Vergangenheit zu brechen, veranlasste den Bürgermeister Braunaus 2012 dazu, einmal ordentlich auf den Tisch zu klopfen: Er schlug vor, das Gebäude abreißen und neue Wohnungen auf der Fläche entstehen zu lassen. Das Erstaunen darüber breitete sich über die internationale Presse aus: „Hitler-Wohnungen?“, fragte die Washington Post spöttisch. Nun schlägt die österreichische Regierung Vergleichbares aber doch nicht Gleiches vor. Der neugewonnene Raum soll einer sozialen Organisation oder einer öffentlichen Einrichtung zur Verfügung gestellt werden. Allerdings wird dies nicht vermeiden, dass der ein oder andere einen solchen Ort, der an das
erinnert, was von hier aus vor mehr als einem halben Jahrhundert seinen Anfang nahm, vermisst.

Projekt Details

  • Datum 6. November 2016
  • Tags Pressearchiv 2016

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