Braunau am Inn, Jüdische Rundschau, 21.05.1992

21.05.1992

Projekt Beschreibung

Braunau am Inn von Andreas Maislinger Eine berechtigte Frage: Was soll um Himmels willen in einer jüdischen Zeitung ein Kommentar über eine oberösterreichische Kleinstadt? Die Frage ist natürlich müßig. Es geht in diesem Kommentar nicht um einen Ort mit einer 8oojährigen Geschichte und augenblicklich etwa 17.000 Einwohnern, sondern es geht um den Ort, zu dessen Stichwort in der Brockhaus Enzyklopädie nach 16 Zeilen allgemeiner Information lapidar hinzugefügt wird: „In B. wurde A. HITLER geboren.“ Obwohl Hitler in „Mein Kampf“ von einer „glücklichen Bestimmung“ schreibt, „daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies“, hat er dieser Stadt keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Auf seiner triumphalen Reise nach Wien fuhr er zwar im März 1938 durch Braunau, fand es jedoch nicht der Mühe wert, bei seinem Geburtshaus zu halten. Braunau hatte keine Bedeutung für Hitler, und außer durch eine Ansichtskarte „Die Geburtsstadt des Führers“ und das festlich geschmückte Haus in der Salzburger Vorstadt unterschied sich dieses Provinzstädtchen nicht von hunderten anderen ähnlichen Orten in Großdeutschland. Doch es war nicht anders zu erwarten, jedes Jahr am 20. April begann sich schon bald nach der Befreiung vom Nationalsozialismus ein Häufchen Ewiggestriger vor „dem Haus“ zu versammeln. Dazu kamen einige wenige kleine Geschäftsleute, welche von dieser „Attraktion“ ein bißchen verdienen wollten. Alles geschah verstohlen und ohne Aufwand, um so interessanter für die Journalisten von der Boulevard- und Regenbogenpresse, aber auch der seriösen Schweizer WELTWOCHE. Unschwer konnte man an diesem Tag wenigstens einen Braunauer finden, der aus Dummheit oder tatsächlicher Überzeugung irgend etwas vom „großen Sohn der Stadt“ daherredete. War keiner dieser notorischen Dummköpfe zur Hand, wurde einfach erfunden. Die braune Geschichte mußte abgeliefert, das Klischee bestätigt werden. So ging es bis zum Jahr 1989. Behutsam und doch bestimmend begannen sich die Einwohner, allen voran der Bürgermeister, gegen diese Vereinnahmung zur Wehr zu setzen. Vor dem Geburtshaus wurde ein Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet und allen Interessenten an der Feier des runden Geburtstags zu verstehen gegeben, daß sie in Braunau nichts verloren haben. Die Enttäuschung bei den sensationshungrigen Journalisten war so groß, daß sie seitdem darauf verzichten, nach Braunau zu fahren. Damit will sich die Stadt Braunau jedoch nicht zufrieden geben. Es geht nicht nur um ein Stillhalteabkommen, im Gegenteil, mit der Ankündigung der 1. Braunauer Zeitgeschichtstage stellt sich die Kleinstadt ganz bewußt ihrem „unerwünschten Erbe“. „Unerwünschtes Erbe“ ist auch der Titel der ersten, vom 25. bis 27. September 1992 stattfindenen Zeitgeschichtstage. Ausgangs- punkt ist die Frage, wie andere Orte mit ihrer historischen Belastung umgehen. Nicht zufällig sind es auch Kleinstädte wie Bautzen, Bergen-Belsen, Dachau, Gurs oder Kielce, die einem einfallen. Im Gegensatz etwa zu Nürnberg bleiben diesen Orten keine Lebkuchen und kein weitbekannter Christlkindlmarkt, um einen Ausgleich für den schlechten Ruf zu haben, welcher durch Verbrechen mit dem Ort verbunden ist. Erst kürzlich hat der Oberbürgermeister von Dachau wieder verzweifelt versucht, dem polnischen Präsidenten auch die Künstlerstadt Dachau zu zeigen. Lech Walesa wollte in Dachau jedoch nur das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers besuchen. Nur das ist für ihn und alle anderen Dachau. Ein „Glück“ für Weimar, daß das Konzentrationslager Buchenwald genannt wurde. Es hilft den Orten nicht weiter, wenn von außen nur mit Kritik, oft sogar mit Häme reagiert wird. Die zu den ersten Braunauer Zeitgeschichtstagen eingeladenen Bürgermeister der berücksichtigten Orte reagierten zuerst ähnlich ablehnend. Aber gleich wie bei einer Selbsthilfegruppe soll der Kontakt und das Gespräch zwischen Betroffenen dazu beitragen, diese Ab- wehrhaltung zurückzunehmen. Beim Kontakt mit Vertretern von Orten mit belastendem Namen hat sich immer mehr dieser Vergleich mit einer Selbsthilfegruppe aufgedrängt. Wer nicht darunter leidet, daß er zu viel ißt oder trinkt, wird meist eine einfache Antwort haben, die jedoch dem Dicken oder Alkoholiker nicht weiterhilft. Wer nicht erfahren hat, wie es ist, bei der Erwähnung seines Heimatortes sofort auf Hitler, das Konzentrationslager oder das „Gelbe Elend“ (SED-Gefängnis in Bautzen) angesprochen zu werden, wird die Braunauer und Dachauer nicht verstehen. Und das bloße ständige Ermahnen, das KZ nicht zu verdrängen, klingt von einem, der keine Gedenkstätte in seinem Heimatort hat, auf die Dauer nicht glaubwürdig. Außerdem ist es für jeden Nicht-Dachauer beziehungsweise für jeden Bewohner eines Ortes, mit dem nicht ein Verbrechen assoziiert wird, eine bequeme Form, den anderen, nämlich denen mit dem unerwünschten Erbe, die Aufarbeitung der Vergangenheit nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich zu überlassen. Ermutigend ist es, daß einige Orte die Zielsetzung des Treffens in Braunau begriffen haben und ihre Abwehrhaltung aufgeben. Be- sonders hervorzuheben ist dabei die polnische Stadt Kielce, welche sich bis vor kurzer Zeit nur äußerst ungern an das Pogrom des Jahres 1946 erinnern lassen wollte. Jetzt haben zwei Journalisten aus Kielce in ihren Zeitungen sachlich über die Berücksichtigung ihrer Heimatstadt berichtet. Sie scheinen erkannt zu haben, daß es nicht um einen Vergleich (oder gar eine Gleichsetzung) der Verbrechen von vor und nach 1945 geht, sondern um einen Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Hilfe beim Umgang mit seinem Erbe. Für die Stadt Braunau wäre es am einfachsten, Hitlers Geburtshaus abreißen zu lassen. Eine kleine Umfrage unter Israelis hat ergeben, daß diese „Lösung“ auf die größte Zustimmung stoßen würde. Dies würde allerdings, wie jede andere Maßnahme, falsch verstanden werden können. Was soll jedoch die Stadt Braunau nach dem Kauf des Geburtshauses machen? Soll in diesem Haus an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert werden? Oder soll sogar, in Anlehnung an die Verwendung der Wannsee-Villa, die Republik Österreich an diesem Ort ihre zentrale Holocaust- Forschungsstätte einrichten? In Wien existiert das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands. In Braunau könnte als Ergänzung ein Dokumentationsarchiv der österreichischen Beteiligung an den NS-Verbrechen errichtet werden.

Projekt Details

  • Datum 14. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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