„Botschafter“ mit echter Botschaft, Salzburger Nachrichten

08.05.1996

Projekt Beschreibung

Salzburger Nachrichten 8. Juli 1996

„Botschafter“ mit echter Botschaft

Projekt Gedenkdienst in Auschwitz

Vranitzky: „Wir müssen darüber reden, und zwar immer wieder“ – Endloser Kampf um langfristige Finanzierung

Finanzierung WIEN (SN-schli). Als Bundeskanzler Franz Vranitzky letzte Woche in Polen das frühere NS-Vernichtungslager Auschwitz besuchte, traf er dort auch mit drei österreichischen „Botschaftern“ zusammen. Drei Gedenkdienstleistende aus Österreich stehen derzeit in Auschwitz mit ihrer Arbeit für die österreichische Mitverantwortung an den Naziverbrechen ein. Seit 1992 sind österreichische Gedenkdienstleistende u.a. in Auschwitz, Theresienstadt, Yad Vashem, dem Anne-Frank-Haus, in Holocaust-Memorial-Zentren in Washington und Montreal im Einsatz. Das erfolgreiche Projekt „Gedenk- dienst“ wächst, ebenso die Zustimmung von allen – auch politischen – Seiten, die Finanzierung steht seit Jahren auf eher wackeligen Beinen. Vranitzky erinnerte in Auschwitz auch an die Österreicher „in den Kommondozentralen und Wachtürmen“. Vranitzky: „Wir müssen darüber reden, und zwar immer wieder.“ Immer wieder geredet wird seit Jahren auch über die organisatorische und finanzielle Absicherung des expandierenden Projekts, dass der Innsbrucker Politologe Andreas Maislinger 1992 ins Leben gerufen hatte. Seit 1991 gibt es vom Gesetz die Möglichkeit, den Zivildienst als Gedenkdienst abzuleisten. Allein seit letztem Herbst sind sieben neue Einsatzstellen dazugekommen, vom jüdischen Museum in Wilna bis zum Wiesenthal-Center in Los Angeles. Der frühere Leiter des österr. Kulturinstituts in Polen, Emil Brix, betonte, Maislingers Initiative habe „für Österreich in Polen zustande gebracht, daß wir in der Aufarbeitung der mitteleuropäischen Geschichte stärker präsent sind, als dies bisher Historikern und Diplomaten gelungen ist“. Präsident Klestil hat sich wie viele andere Politiker von Khol bis Kostelka bereit erklärt, das Projekt zu unterstützen und sich für eine gesetzliche Verankerung einzusetzen. Trotz allen Zuspruchs und aller auch internationalen Anerkennung hängt das Projekt finanziell in der Luft. Die im Ausland befindlichen Gedenkdienstleistenden erhalten über Förderungen rund 10.000 S im Monat für ihre Aufenthaltskosten. Die Mittel für die Organisation und Verwaltung müssen seit Jahren irgendwie zusammengekratzt werden. Maislinger: „1994 haben wir 200.000 S Subvention vom damaligen Unterrichtsminister Scholten bekommen. Davon haben wir lange gezehrt.“ Im Koalitionsübereinkommen haben sich SPÖ und ÖVP die „Schaffung der Grundlagen für den Einsatz an Gedenkstätten“ vorgenommen. Die gesetzliche Verankerung soll im Zivildienstgesetz passieren, dessen Novelle freilich bis lang in den Herbst hinein umstritten bleiben wird. Im „Gedenkdienst-Büro“ hofft man, im Gesetz die Unterstützung für jährlich 25 Gedenkdienstleistende festgeschrieben zu bekommen. Darüber hinaus sollten zumindest die Kosten für einen hauptamtlichen Posten übernommen werden. Die Gedenkdienst-Verwaltung sei ohnehin sehr effizient, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Gedenkdienstleistenden auch vor und nach ihren 14 Auslandsmonaten für je ein Jahr zur Mitarbeit verpflichten. Zum Vergleich: Die wesentlich größere „Aktion Sühnezeichen“ in Deutschland, deren Organisationsaufwand aber grundsätzlich vergleichbar ist, verfügt über 21 hauptamtliche Mitarbeiter. Einen kleinen Erfolg gab es letzte Woche. Während der Kanzler Auschwitz besuchte, wurde am Donnerstag in der Sitzung des Sozialausschusses beschlossen, im Zuge der 53. ASVG-Novelle auch Gedenkdienstleistende unfall- und krankenzuversichern.

Projekt Details

  • Datum 9. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1996

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