Botschafter der Wahrheit, Rupertusblatt (Salzburg), 12.06.1994

12.06.1994

Projekt Beschreibung

Botschafter der Wahrheit

Junge Menschen tragen mit dem Projekt Gedenkdienst an Holocaust-Gedenkstätten in aller Welt zu einem vollständigen Bild über Österreich bei

„Ein Ziel meines Gedenkdienstes ist, daß wir Österreicher den Holocaust des Dritten Reiches als einen Teil unserer Geschichte sehen und damit leben lernen.“ (Anton Legerer, Gedenkdienstleistender am U.S. Holocaust Memorial Museum in Washington/USA).

Der Brief kam an jenem Tag mit der Post, als ich Fred Kranich, David Röthler, Anton Legerer, Brigitte Huemer und Siegfried Hybner unlängst in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem traf. Der Inhalt des in Skandinavien aufgegebenen Kuverts: obszöne, rassistische Zeichnungen, Beschimpfungen, ein übles Pamphlet – geschickt von einem Unbelehrbaren, der noch immer hinter Naziparolen herläuft.

Die Gedenkdienstleistenden, die ein Jahr lang in Yad Vashem, Theresienstadt und Washington im Einsatz sind, kennen den Widerspruch zu ihrem Engagement ebenso wie die Zustimmung. Noch fünfzig Jahre nach dem Dritten Reich ist es schwer, die richtige Sprache zu finden für das, was damals war. Auch in Österreich.

Anton Legerer, Psychologiestudent aus Wien will sich um diese Sprache bemühen: „Ich möchte ehrlich sagen können,

was passiert ist. Wenn wir gelernt haben, darüber zu reden, werden wir verstehen, wie es soweit kommen konnte.“ Derzeit betreut Legerer als Gedenkdiener den deutschsprachigen Bereich des U.S. Holocaust Memorial Museum in Washington. Manchmal hat er Führungen in deutscher Sprache zu halten, für Überlebende des Holocaust…

Auch Brigitte Huemer, Theologiestundentin aus Attnang-Puchheim, stieß an Grenzen, als sie begann, sich mit dem Thema zu beschäftigen: „Zuerst mußte ich lernen, Fragen so zu stellen, daß nicht sofort eine moralische Bewertung damit verbunden war.“ Anfangs blockte die Umgebung ab („für eine Frau ist das nichts“), plötzlich aber begannen Leute im Dorf zu erzählen über die Zeit damals. Jetzt hilft Brigitte Huemer in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem mit, das umfangreiche Fotoarchiv zu ordnen und archivieren.

Fred Kranich wird demnächst seinen zwölfmonatigen Gedenkdienst beginnen, der übrigens als Zivildienst anerkannt wird. Da diese Einsätze auch von der österreichischen Regierung unterstützt werden und Gedenkdienstleistende sich ein Stück weit als Gesandte verstehen, ist ihm eine große Herausforderung.

Schließlich wird in vielen Staaten der Erde – genährt von Medienberichten z.B. über Kurt Waldheim oder Jörg Haider – ein recht einseitiges Bild über Österreich gezeichnet. Durch Gedenkdienst-leistende kann manche Schwarz-weißmalerei relativiert werden. „Viele junge Leute finden gut, was wir tun“, berichtet Siegfried Hybner, derzeit Gedenkdiener im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt.

Sind Gedenkdienstleistende Botschafter der Wahrheit? Vielleicht. Im Dienst der Wahrheit stehen sie auf jeden Fall.

Projekt Details

  • Datum 25. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1994

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