Bernard-Henri Lévy: „Die Demokratien müssen aufwachen“, Kurier

20.02.2018

Projekt Beschreibung

Bernard-Henri Lévy: „Die Demokratien müssen aufwachen“

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Foto: APA/AFP/JOEL SAGETBernard-Henri Lévy

Der französische Philosoph über Antisemitismus, Islamisten und die sozialen Medien.

20.02.2018, 06:00
  • Bernard-Henri Lévy ist der vielleicht wichtigste französische Intellektuelle. Er war für eine Konferenz zur Antisemitismus-Bekämpfung in Wien.
  • Im Interview mit dem KURIER spricht Lévy darüber, dass der Westen moderate Muslime im Stich lässt, wie Polen „schmutzige Arbeit der Erinnerung“ leistet und warum Trump kein echter Verbündeter Israels ist.
  • Und er bezeichnet die sozialen Medien als „Notfall“ für die Demokratien.
Bernard-Henri Lévy ist in Frankreich genau das, was in Österreich so dringend fehlt: Ein Populär-Intellektueller, ein selbstbewusster Denker, dem die Menschen zuhören, wenn er etwas sagt.
Und sei es auch nur, um ihm dann, durchaus auch mal wütend, zu widersprechen. Lévy mischt sich in alle möglichen Debatten ein: Er formulierte Meinungen zum Kopftuch in der Elite-Schule (dagegen), zum Kampf gegen den Terror (keine Schwäche zeigen!), zum Fall Roman Polanski (Lévy verteidigte den Regisseur ebenso wie Dominique Strauss-Kahn). Er schrieb zuletzt über Amerika, den in Pakistan ermordeten Journalisten Daniel Pearl und das Judentum, engagierte sich in der Ukraine und in den Kurdengebieten (wo er auch einen Dokumentarfilm drehte). Und der Philosoph, Redner und Autor ist auch optisch genau das, was man sich, wenn man rasch gefragt wird, unter einem französischen Intellektuellen vorstellt: Zum KURIER-Interview anlässlich der Konferenz „An End to Antisemitism!“ an der Universität Wien erschien der gut aussehende Lévy (69) mit perfekt aufgeknöpftem Hemd. Das Gespräch drehte sich dann um den Kampf gegen Antisemitismus, um die Schuld des Westens daran, dass junge Muslime auf die Radikalen hören, um die „schmutzige“ Erinnerungsarbeit in Polen – und um den „Notfall“, den die sozialen Medien für die westlichen Demokratien darstellen. KURIER: Sie haben wiederholt gesagt, dass der wichtigste politische und ideologische Kampf unserer Zeit derjenige innerhalb des Islam ist, zwischen jenen, die Aufklärung suchen und sich am Westen orientieren, und den islamistischen Fanatikern. Gab es da zuletzt Fortschritte? Director Bernard-Henri Levy pose during a photocalFoto: REUTERS/JEAN-PAUL PELISSIERBernard-Henri Lévy: Wahrscheinlich nicht. Erstens, weil die Extremisten immer lauter sind als die Moderaten. Und zweitens, weil sich jene im Graubereich – jene, die nicht wissen, ob sie wie die Kurden prowestlich sein sollen oder doch hinhören, was die Radikalen sagen – fragen: Wie behandelt der Westen am Ende des Tages jene unserer Glaubensbrüder, die sich den westlichen Werten verschreiben? Indem er sie abweist? Indem er akzeptiert, dass sie von den Türken getötet werden? Warum sollten wir das dann tun? Das lässt wohl für viele nur den Schluss zu, sich vom Westen abzuwenden. Natürlich haben die, die das tun, unrecht, natürlich sollten sie sich den Werten des Westens verschreiben. Das machen die Kurden auch, das machten die Menschen in Sarajewo vor 20 Jahren, trotz der Preisgabe durch den Westen, trotz der Zurückweisung durch uns. Sind die radikalen Islamisten die größte Gefahr für die Juden heute? Oder sind das die alten Rechtsextremen, oder gar Antisemiten der neuen Linken? Die Juden müssen an allen drei Fronten kämpfen. Die entscheidenden sind wahrscheinlich die extreme Linke und die Islamisten. Denn die verwenden Argumente, die noch nicht vollständig diskreditiert wurden. Über die Argumente des rechtsextremen Antisemitismus – die rassistischen, die alten christlichen mit dem Christusmord – herrscht weltweit Bewusstsein, dass diese die Welt in die Katastrophe führen können. Dieser Mechanismus ist wohlbekannt. Der Mechanismus, wie etwa die BDS-Bewegung (steht für „Boycott, Divestment, Sanctions“, eine ursprünglich linke, gegen Israel gerichtete und als antisemitisch kritisierte Bewegung, Anm.) oder der islamistische Antisemitismus die Welt in eine Katastrophe führen können, ist weit weniger bekannt. Und aus diesem Grund ist das gefährlicher. Ebenfalls noch recht unbekannt sind die Auswirkungen der sozialen Medien auf die westlichen Demokratien – obwohl man da schön langsam eine Ahnung bekommt: Das Negative wird hier wie in einem Lautsprecher verstärkt. Das dürfte ein Problem für den Kampf gegen den Antisemitismus werden. Das ist einer der Hauptpunkte. In der alten Welt – jener von vor 20 Jahren! – gab es Meinungen, die als Verbrechen angesehen wurden. Der KURIER, Le Monde, Radio und Fernsehen hätten diesen Meinungen, die Aufrufe zu Verbrechen sind, niemals ein Zuhause gegeben. Heute kriegt all das in dieser Wüste voller Lärm, die das Web ist, die Möglichkeit zur Verbreitung. Das ist ein großer Rückschritt, ein Notfall. Wir müssen gegen Fake News kämpfen. Und wir müssen gegen die Aufrufe zu Verbrechen kämpfen. Wir – Europa? Oder Facebook? Wenn die Unternehmen – die meisten davon sind amerikanisch – das nicht verstehen, dann muss Europa Entscheidungen treffen. Es gab eine Kultur der Eindämmung des Schlimmsten. Es gab ein Verständnis darüber, was eingedämmt werden musste, damit die Gesellschaften nicht explodieren. Dieses Verständnis wurde geformt von Jahrzehnten, Jahrhunderten dunkler Erfahrungen. Und das wurde durch die sozialen Medien komplett zum Explodieren gebracht. Sie müssen etwas dagegen tun, und das werden sie auch. Wenn nicht, müssen die Demokratien aufwachen. Sie sind nach Wien gekommen, um den Eröffnungsvortrag zur Konferenz „An End to Antisemitism!“ zu halten. Wie kann man Antisemitismus beenden? Ich bin sehr geehrt, den Vortrag zu halten – aber ich hätte die Konferenz wohl nicht so genannt. Ich glaube nicht an ein Ende des Antisemitismus. Ich glaube nicht einmal, dass dies das Ziel sein sollte. Das Ziel sollte sein, stark gegenüber dem Antisemitismus zu sein. Das Gegenmittel gegen Antisemitismus zu stärken. Und dagegen zu kämpfen. Man wird das Böse nicht los. Man kann es eindämmen. Aber man kann es nicht – niemals – beenden. Das ist seit langer Zeit das Gesetz der Geschichte. Die Juden müssen stark sein. Und Verbündete haben. A propos: Hat Trump die Situation für Israel verändert? FRANCE-CANNES-FILM-FESTIVAL-ENTERTAINMENTFoto: APA/AFP/ALBERTO PIZZOLIWenn ich „Verbündete“ sage, meine ich: Echte Verbündete. Dazu braucht man echte Liebe und wirkliches Verständnis für den Partner. Ich fürchte, dass Herr Trump kein solches Verständnis hat. In Polen scheint man die Geschichte neu schreiben zu wollen. Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki sagte mit Bezug auf das umstrittene polnische Holocaust-Gesetz, in der NS-Zeit habe es neben deutschen auch polnische, russische, ukrainische und „jüdische Täter“ gegeben. Es gibt eine Arbeit an der Erinnerung, die eigentlich eine Arbeit des Vergessens ist. Im heutigen Polen ist klar, dass die angebliche Erinnerungsarbeit die Erinnerung weniger klar macht, sie verwirrt, die Mörder mit den Opfern vermischt, die Verantwortung auflöst – und den Weg zu künftigen Verbrechen erleichtert. Genau das passiert in Polen. Ich hoffe, das passiert nicht in Österreich. Das ist genau das, was ich fürchte. Die Polen machen Geschichte, um zu lügen und die Toten zu drangsalieren. Und um diejenigen zu schwächen, die um die Toten weinen. Das ist die schmutzige Arbeit der Erinnerung. Das Interview wurde gemeinsam mit Lukas Wieselberg (science.ORF.at) geführt.

Konferenz „An End to Anti-Semitism“

Bis Donnerstag beschäftigt sich eine internationale Konferenz mit dem Titel„An End to Antisemitism!“  an der Universität Wien mit der Bekämpfung  von Judenfeindlichkeit und Judenhass. Die Konferenz wurde von den Universitäten von Wien, Tel-Aviv und New York sowie dem Europäischen Jüdischen Kongress (EJC) organisiert. 150 internationale Forscher sollen in vier Tagen effektive Strategien gegen Antisemitismus entwickeln. Diese sollen in einem Handbuch zusammengefasst werden, um Staaten, Nichtregierungsorganisationen und  „Entscheidungsträgern“ im Kampf gegen Antisemitismus zu helfen.

Projekt Details

  • Datum 27. Februar 2018
  • Tags Pressearchiv 2018
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