Ausländer in der Stadt der Kraniche (Österreich-Teil), Qiqihar Ribao, 05.06.2004

05.06.2004

Projekt Beschreibung

Ausländer in der Stadt der Kraniche (Österreich-Teil) Die Reform- und Öffnungspolitik brachte China den Frühling und brachte auch dem alten „Bukui“ [früherer Name Qiqihars] neue Lebenskraft. Der Wandel Qiqihars beschleunigte sich von Tag zu Tag. Dieses begehrte Stück Erde veranlasst viele inländische Geschäftsreisende hierher zu kommen und zu investieren, es zieht auch nicht wenige Ausländer an hierher zu kommen, Pionierarbeit zu leisten und zu studieren. Obwohl ihre Geschichte nicht so dramatisch ist wie die der Fernsehserie „Pekinger in New York“, ist sie doch ziemlich interessant…   A Vor dem Interview Obwohl die Chance in Qiqihar einen Amerikaner oder Europäer zu sehen recht gering ist, haben wir doch schon einige gesehen. Ich erinnere mich, wie ich vor mehr als zwanzig Jahren in Harbin auf die Universität gegangen bin, gab ein vollkommener Rauschebart, ein als ob er zum Exerzieren ginge gehender amerikanischer Gastlehrer, den Leuten ein Gefühl des schon vom Anblick überwältigt seins. Er pendelte immer alleine am Campus hin und her. Wenn die Studenten ihn erblickten, so grüßten sie ihn auch nicht, doch empfanden ihn alle als wissbegierig und etwas geheimnisvoll. Später bekam man dann ihn Qiqihar allmählich auch mehr ausländische Lehrer mit weißer Haut und blauen Augen zu Gesicht. Darunter sind welche, die alleine gekommen sind um zu unterrichten, andere bringen noch ihre liebenswerten Kinder mit. Andere wiederum verlieben sich in eine Chinesin oder Chinesen und gründen eine Familie – beliebte Anekdoten. Betrachtet man das zukünftige Programm der Kranichstadt – die einberufene Messe für ökologische Produkte – so erweitert Qiqihar ununterbrochen seinen Bekanntheitsgrad. Deswegen werden die Ausländer, die hier her kommen, mehr – es gibt Niederländer, Amerikaner, Kanadier, Russen – die mannigfaltigen Ausländer sind sichtlich mehr geworden. Man entdeckt, dass die Ausländer abgesehen von der Sprache und ihrem äußeren Erscheinungsbild von den Chinesen gar nicht so verschieden sind. Vermutlich können die österreichischen Gastlehrer, die ich diesmal interviewen möchte, von den normalen Lehrern auch nicht besonders verschieden sein. Im Großen und Ganzen sind es sowohl sorgfältig und exakte als auch durch und durch ernsthaft auftretende Leute mittleren Alters.   B Der Countdown zum Interview Es ist ein heiteres Wochenende. Um zehn Uhr vormittags kommt die Reporterin wie ausgemacht in die Empfangshalle des Ausbildungszentrums der Universität Qiqihar. Als sie sich gerade niedergesetzt hat erblickt sie einen ausländischen Jungen, der genau so aussieht wie Pavel Korchagin aus der [russischen] Fernsehserie „Wie schmilzt man Eisen“ und plötzlich hereinkommt. Er hat blonde Haare und blaue Augen, trägt ein zu weites grünes T-Shirt, Jeans und ein Paar Sportsandalen, wie sie chinesische Jungen gerne tragen. Ohne herzublicken geht er direkt zum Lift und fahrt hinauf. Ich denke mir das müsste ein russischer Student sein, der hier ein Auslandsemester absolviert. Schlussendlich begibt sich der stellvertretende Leiter des Auslandsbüros der Universität Qiqihar Guo Hanzhu zusammen mit der Reporterin in den sechsten Stock. Als die ausländischen Lehrer getroffen werden stellt die Reporterin überrascht fest, dass dieser Jugendliche unerwarteterweise einer der Gastlehrer ist, die sie interviewen möchte! Er lächelt schüchtern. Vier österreichische Gastlehrer, die so groß sind, dass man beinahe zu ihnen aufblicken muss, grüssen die Reporterin einer nach dem anderen mit perfektem Chinesisch. Der 27-jährige Josef Goldberger, der 24-jährige Stefan Mangold, der 21-jährige Theophil Kroller (jener von der Reporterin gerade für einen Studenten gehaltene scharmante Jugendliche) und der 20-jährige Constantin Holzer. Eigentlich sollte man anstatt zu sagen, dass sie ausländische Lehrer sind, noch sagen, dass sie liebenswerte, offene Jungs sind. Und ganz anders als man sich es vorstellt, sind sie erstens modisch und zweitens lebhaft. Sie sind im Denken sehr flink, sprechen und scherzen gerne und treiben gerne Sport. Offensichtlich verfügen sie über reiche Lebenserfahrung und reiches Wissen, mit gleichaltrigen chinesischen Jungen verglichen sind sie um noch ein Stück reifer.   C Hintergrundinformation Die Republik Österreich verfügt über folgende Bestimmung: alle männlichen Bürger zwischen 18 und 36 Jahren müssen eine Zeit lang Militärdienst leisten oder durch die Ausübung einer anderen Tätigkeit den Militärdienst ersetzen. Eines dieser Ersatzprogramme ist in einer von der österreichischen Regierung anerkannten Partnerorganisation im Ausland zu absolvieren. Die österreichische Regierung und die ausländischen Partnerorganisationen stehen durch private Verwaltungsapparate in gesetzlichem Kontakt. Unter diesen Verwaltungsapparaten ist der größte und bekannteste der „Verein für Dienste im Ausland“. Die österreichischen männlichen Jugendlichen, die diesen Militärersatzdienst leisten wollen und beabsichtigen sich im Gedenkdienst, Sozialdienst oder Friedensdienst zu betätigen, werden als Zivildiener durch den von der Regierung dazu autorisierten, oben erwähnten Verein zum Arbeiten in den Partnerorganisationen an den verschiedensten Orten der Welt entsandt. Der Gedenkdienst beinhaltet die durch den Zweiten Weltkrieg berüchtigte Ruine des Konzentrationslagers Auschwitz. Dort betätigt sich die Organisation „Aktion Sühnezeichen“, eine politische Initiative von Freiwilligen. Vor mehr als zehn Jahren wurde dieser Dienst von der österreichischen Regierung als Militärersatzprogramm anerkannt. Die Absicht dahinter ist die Betonung des Eingestehens der österreichischen Mittäterschaft bei den Massentötungen der früheren Tage. Es sollen die Bürger auch ermahnt werden dafür zu kämpfen zukünftig nie mehr in diese abtrünnige Spur zu schlittern. Die Gedenkdiener leisten ihren Dienst hauptsächlich in den wichtigsten Holocaust-Gedenkstätten, -Museen, etc. der Welt. Der Sozialdienst hat angesichts der Stellen in vier Kontinenten und achtzehn Ländern sehr ausgeprägten Weltcharakter. Das Ziel ist die Entwicklung der Gesellschaft und der Wirtschaft des Landes voranzutreiben. Diese Aufgabe beinhaltet Hilfe für Straßenkinder und Erziehungsprogramme, Kinderdörfer, Altenheime, medizinische Behandlung in Behindertenunterbringungsheimen, etc. Eine der Absichten des Vereins ist durch die fleißige Arbeit der Auslandsdiener den internationalen Respekt und guten Ruf Österreichs zu erhöhen. Also sowohl der Verein an sich als auch die erwähnten Jugendlichen erklären sich bereit mit dem Staat eins zu werden, sie werden zu den „nichtstaatlichen Botschaftern“ des Volkes und zwischen den Bürgern. Der Friedensdienst arbeitet für die Erhaltung des Friedens. Die sich jetzt in Qiqihar befindlichen vier ausländischen Lehrer leisten für den österreichischen „Verein für Dienste im Ausland“ ihren Sozialdienst als Ersatz für ihren Militärdienst. Ihre Tätigkeit umfasst in der Hermann Gmeiner Vocational School zu unterrichten und im SOS Kinderdorf die Waisenkinder auf das Leben und die Selbständigkeit vorzubereiten. Inklusive Constantin Holzer sind schon vier Gruppen Zivildiener hintereinander nach Qiqihar gekommen um diese Tätigkeit zu verrichten. Unter ihnen befinden sich Chinaneulinge bis Sinologieabsolventen, manche finden in China ihre bessere Hälfte. Mit ihrem eigenen Eifer erarbeiten sie sich die positive Resonanz der österreichischen und chinesischen Regierung, werden sie zu den nichtstaatlichen Botschaftern der Beziehungen zwischen den Völkern der beiden Länder.   D Hintergrundinformation Die österreichische Hauptstadt Wien ist eine für ihre Geschichte berühmte Stadt. Außerdem ist sie die weltbekannte Stadt der Musik. Sie liegt in einem kleinen Becken am nördlichen Fuße der Alpen, die Donau durchquert das Stadtgebiet. Dort gibt es schimmernde Berge und klares Wasser, die Landschaft ist wie gemalt. Aber was Zeitgenossen am erstaunlichsten finden ist, dass die Musik einen Stellenwert hat, der beinahe alles andere in den Schatten stellt. In Straßen, in Parks und auf Plätzen kann man überall lebensechte Statuen großer Musiker sehen – zum Beispiel Beethoven, Mozart, Schubert, Haydn, Strauß, etc. Viele Straßen, Parks, Festhallen, Theater, Konferenzsäle sind auch nach Musikern benannt. Wenn Versammlungen und Feierlichkeiten abgehalten werden, sogar wenn die Regierung zusammentrifft, wird am Anfang und am Ende klassische Musik gespielt. Viele Familien haben die Tradition zu Hause zu musizieren, allerorts kann man melodische Klänge vernehmen. Wien ist die Heimat der europäischen klassischen Musik und der Walzermusik. Auch der Tanz auf dem Eis, eine Kombination aus Eislaufen und Ballet, entstand anfangs hier. Wien brachte eine große Gruppe an Musikgenies hervor: Haydn ergründete hier den Weg der europäischen klassischen Musik, Mozart und Schubert verbrachten hier einen Teil ihres Lebens, Beethoven vollendete hier das brillanteste Werk seines Lebens, Strauß‘ wunderschöne „Blaue Donau“ wird von den Leuten immer wieder gern gehört. Opernhäuser verschiedenen Ausmaßes und Konzerthallen sind über die gesamte Stadt verbreitet, unter diesen die „Zentrum der Opernwelt“ genannte Wiener Staatsoper, die im Zweiten Weltkrieg im Geschützfeuer zerstört und nach 1955 wieder neu erbaut wurde. Sie ist geschmackvoll hergerichtet und prunkvoll, an sich einfach ein perfektes Kunstwerk. Die Fläche des gesamten Opernhauses umfasst etwa 9000 m². Außer dem Parkett gibt es noch fünf Stöcke mit Balkonen. Sie beinhaltet einen Zuschauerraum mit 1642 Sitzen und 567 Stehplätzen, sowie einen Orchestergraben, der Orchester mit 110 Musikern fasst. Die Gesamtfläche der Bühne beträgt 1500 m², sie ist mit der modernsten Lichtanlage ausgestattet. Außerdem beherbergt die Oper auch viele Übungsräumlichkeiten, Zimmer, Generalprobebühnen und zig Schauspielergardaroben. Jedes Neujahr wird in dieser Oper das weltweit bekannteste Neujahrskonzert abgehalten. Der österreichische Bundespräsident und Berühmtheiten aus der ganzen Welt sind anwesend, das Konzert wird mit Satelliten live in die ganze Welt übertragen. China hat in den letzten Jahren nicht nur begonnen dieses festliche Konzert zu übertragen, es gibt auch ein chinesisches Orchester dort eine Aufführung. So führt dort ein traditionelles chinesisches Orchester mit traditionellen chinesischen Musikinstrumenten ein Neujahrskonzert auf, die Sängerin Song Zuying hat dort auch ein Konzert gegeben. Jedes Jahr von Mai bis Juni veranstaltet Wien ein reichhaltiges kulturelles Festprogramm großen Ausmaßes. Während dieser Zeit strömen berühmte Künstler und Musiker der ganzen Welt einer nach dem anderen nach Wien, abertausende Zuschauer aus dem In- und Ausland werden angezogen.   E Während des Interviews Unter den vier Personen ist der aus Oberösterreich kommende Josef Goldberger der älteste (er wurde 1977 geboren), der größte (er ist 1,9 Meter groß), der mit den längsten Haaren (Seine blonden Haare hängen bis zur Hüfte herunter, seine Schüler sagen er sieht wie ein Rocksänger aus. Er sagt selber, dass er, obwohl es seine Eltern nicht erlaubten, als Teenager begonnen hat die Haare wachsen zu lassen.), der, der bereits am längsten in Qiqihar ist (er hat bereits die von seinem Verein geforderten 14 Monate Dienst erfüllt, am Sonntag reist er zurück in die Heimat und besucht seine Verwandten) und der, der das beste Chinesisch spricht (man kann beinahe sagen er ist ein China-Experte, er selber sagt auch, dass sein Alter nach der traditionellen chinesischen Berechnungsmethode [ein Jahr bei Geburt und jedes weitere Jahr zum chinesischen Neujahr] 28 Jahre beträgt). Außerdem hat er auch eine Identität mehr wie die anderen drei – Ehemann. Er hat eine internationale Familie, seine Frau ist Amerikanerin, sie ist in Los Angeles als Architektin tätig. Stefan Mangold kommt aus dem Westen Österreichs. Er sieht so aus, als wäre er nicht wirklich ein Landsmann seiner drei weiteren Kumpels. Die anderen haben alle blonde Haare und blaue Augen, er hat als einziger von Natur aus braune Locken und braune Augen, mit seinem kühlen Blick ähnelt er etwas Aleksandr Pushkin. Er sagt von sich selber, dass er Sinn für Humor hat, gerne redet und scherzt. Der hübsche Theophil Kroller kommt aus dem Süden Österreichs. Stefan und Theophil sind letztes Jahr im August zusammen nach China gekommen und werden noch vier Monate in Qiqihar bleiben. Der jüngste, Constantin Holzer, wird bald 20 Jahre und kommt aus dem österreichischen Baden bei Wien. Als er hört, dass die Reporterin diese Stadt kennt, strahlt er sogleich fröhlich über das ganze Gesicht, sodass er den Mund nicht mehr zukriegt. Sein Haar ist ein Zoll lang, er bewegt sich auf eine freche Art und Weise. Weiters ist er am kürzesten von allen Gastlehrer in Qiqihar, er hat erst heuer im April begonnen. Mit einem jetzt schon nicht mehr allzu modernen Satz formuliert „hat sie die gemeinsame Reformationstätigkeit zusammengebracht“. Eigentlich wären sich die vier österreichischen Jungs vermutlich ihr ganzes Leben lang nie über den Weg gelaufen, aber die Sozialdienstarbeit für den Verein für Dienste im Ausland bewirkte, dass sie sich während ihres Studiums in Wien gegenseitig kennen lernten. Da sie sich wirklich nach China, diesem weit entfernten, östlichen Land, sehnten, studierten Josef Goldberger, Stefan Mangold und Theophil Kroller neben ihren verschiedenen eigenen Hauptfächern auch noch am Sinologieinstitut der Universität Wien. Josef Goldberger studierte außerdem für ein Jahr an der Pekinger Sprach- und Kulturuniversität Chinesisch. Constantin Holzer hat zu Hause gelernt, er hat sein Chinesisch mit einer Taiwanesin erworben. Die Interviewatmosphäre ist äußerst harmonisch: Josef Goldberger steht natürlich außer Diskussion, aber die anderen drei Männer sprechen auch gleichwertig korrektes Chinesisch. Verstehen sie gelegentlich etwas nicht, übersetzt Josef selbstverständlich für sie. Es können also alle miteinander ohne jegliche Barrieren kommunizieren. Außerdem ist ihre eigene Bildung auch gleichwertig gut. Sie sind voll an positiven Empfindungen und Begeisterung für China und die Chinesen, noch mehr verherrlichen sie die chinesische Kultur. Es sind also auch im Herzen alle frei von jeglichen Barrieren. Das Gespräch beginnt mit ihrer Arbeit. Die Muttersprache in Österreich ist eigentlich Deutsch, aber da die Universität Qiqihar diese Sprache nicht anbietet, unterrichten sie Englisch. Da kommt es gerade recht, dass sie alle über Sprachtalent verfügen. Josef Goldberger ist mit einer amerikanischen Frau verheiratet, Englisch ist für ihn ein Kinderspiel. Stefan Mangold hat nicht nur Sinologie studiert, er spricht auch gutes Englisch und Spanisch. Theophil Kroller hat die reinste Englischaussprache, weil er in Amerika ein Jahr lang zur Schule gegangen ist. Oben genannte drei Personen beherrschen alle mindestens drei Sprachen. Der junge, aber intelligente Constantin Holzer wird von den anderen drei Kollegen als „Genie“ bezeichnet. Mit neun Jahren hat er begonnen Englisch zu lernen. Mit 15 Jahren hat er bemerkt, dass er über ein besonderes Interesse an Fremdsprachen verfügt. Von dieser Zeit an bis jetzt hat er innerhalb von fünf Jahren Spanisch, Italienisch, Russisch, Portugiesisch, Französisch und Chinesisch erlernt. Schon in frühem Alter beherrscht er acht Sprachen. Das lässt die Leute wirklich in höchsten Tönen über ihn sprechen! Ihr Tagesablauf ist so organisiert, dass sie am Vormittag unterrichten, am Nachmittag den Unterricht vorbereiten, in der Freizeit vertiefen sie sich in das Chinesischlernen, treiben Sport, treffen sich mit gleichaltrigen chinesischen Freunden, gehen in das SOS Kinderdorf und leisten ein wenig Sozialdienstarbeit. Innerhalb ihres Urlaubs reisen sie unter Berücksichtigung ihrer finanziellen Situation. Jene jungen ausländischen Lehrer werden im Unterricht von den Schülern sehr gerne gesehen. Sie wissen, dass viele Chinesen nach einer gewissen Zeit des Fremdsprachenlernens Vokabeln und Grammatik beherrschen und einfache Texte schreiben und lesen können, aber weil sie keine geeignete Sprachumgebung haben sprechen sie immer abgehackt, ein Wort nach dem anderen. Deshalb sprechen sie im Unterricht ausschließlich Englisch und schaffen eine vollständig aktive, lebendige, entspannte und natürliche Klassenatmosphäre. Dies lässt die Schüler sich immer mehr von ihrer Nervosität lösen. Sie wagen den Mund zu öffnen und ungezwungen – ja sogar wie ein Fluss – zu plaudern. Josef Goldberger hat bisher schon mehr als 600 Schüler unterrichtet, Stefan Mangold und Theophil Kroller haben jeweils bereits 400 bis 500 Schüler unterrichtet. Der immer gewissenhafte Josef Goldberger sagt, er denkt manchmal, dass er sich mehr den örtlichen Gepflogenheiten anpassen und etwas strenger zu den Studenten sein sollte. Aber das Freundschaftsverhältnis überwiegt ganz im Gegenteil das Lehrer-Schülerverhältnis und dass die chinesischen Schüler nach dem Erfahren eines derartigen Lernens nicht wenige Fortschritte machen billigt eine solche Unterrichtsmethode vollkommen. Constantin Holzer hat gerade erst unter der Anregung seiner drei Kollegen seine fröhliche Lehrerlaufbahn begonnen. Er sagt, obwohl er ein wenig Heimweh hat, steht an erster Stelle seiner Arbeit gut nachzukommen, seine freundlichen chinesischen Freunde stimmen ihn auch glücklich. Josef Goldberger, der bald in die Heimat zurückkehrt, sagt selbst, dass er auf diese liebenswerten chinesischen Schüler nicht verzichten will und dass seine chinesischen Schüler auch nicht auf ihn verzichten wollen. Deswegen wird er zuerst nach Hause fahren und seine Verwandten besuchen, danach reist er nach Amerika um seine Frau abzuholen und dann fahren sie zu zweit nach Peking um dort zu arbeiten. Dann wird Josef Goldberger wieder als Lehrer tätig sein. Er sagt selber er will wieder nach Qiqihar zurückkommen um seine Freunde zu besuchen. Dieser Satz lässt es der Reporterin warm ums Herz werden. Alles in allem sind sie Jugendliche. Die vier Gastlehrer verordnen sich neben dem Unterrichten, den Unterrichtsvorbereitungen und den Sozialdienstarbeiten noch selbst ein reichhaltiges Freizeitprogramm. Der sehr große Josef Goldberger geht gerne Eislaufen, dieses Hobby bescherte ihm noch eine unerwartete Verletzung – letzten Winter, als seine Frau ihn in Qiqihar besuchen kam, wollte er seine Gattin mit seinen Künsten beeindrucken. Mit dem Resultat, dass eine kurze Unaufmerksamkeit zu einem Beinbruch führte, er mit 12 Stichen genäht wurde und noch eine große Narbe zurückblieb. Außerdem liebt er chinesische Literatur heiß. Tang und Song Lyrik kennt er natürlich ein wenig, was die Reporterin aber am meisten erstaunt ist, dass er auch gerne Romane der zeitgenössischen Schriftsteller Zhang Jie und Mo Yan liest. Stefan Mangold besucht regelmäßig eine Sportschule um Taekwondo zu erlernen, er trainiert nun mittlerweile schon seit drei Monaten. Man sagt, dass er schon große Fortschritte gemacht hat. Der hübsche Theophil Kroller schaut im Fernsehen gerne Zhou Jieluns „Numchaku“ an, dabei hat er auch Gefallen an chinesischem Kungfu gefunden. Deswegen hat er jemanden gesucht, der ihm Numchaku unterrichtet. Am Anfang hat er immer mit dem Stock den eigenen Körper getroffen. Dies hat sehr geschmerzt, nun hat er aber keine Probleme mehr. Seine Numchakukünste ähneln auch dem Text eines Liedes von Zhou Jielun: „er schwingt es sehr gekonnt“. Der energievolle Theophil besucht außerdem noch am Musikinstitut einen Pipakurs. Constantin Holzer hat in Österreich bereits Taekwondo und Karate erlernt, nun hat er begonnen Sanda zu trainieren. Jeden Morgen sucht er nach dem Aufstehen jemanden zum Trainieren. Die leidenschaftlich Sport liebenden Burschen verfügen alle über einen tollen Körper. Sie sind sehr dünn und groß, dies ist auch der Grund dafür, dass sie auf der Straße die Aufmerksamkeit der Leute auf sich ziehen. Die Reporterin stellt zum Scherz die Frage, ob sie in Österreich auch als hübsch angesehen werden. Josef Goldberger sagt bescheiden wie die Chinesen, dass sie im eigenen Land als ziemlich hässliche Männer betrachtet werden. Kaum hat er es ausgesprochen mustern sich einige Leute gegenseitig, alle brechen in lautes Gelächter aus. Jeden Samstag gehen sie in das Kinderdorf und besuchen dort die Waisenkinder. Sie besuchen abwechselnd die Familien Nummer 3 und 8. Gewöhnlich spielen sie mit den Kindern Spiele, unterrichten sie Fremdsprachen und machen mit ihnen gemeinsam Ausflüge nach Zhalong, Mingyuedao und in den Longsha Park. Sie feiern gemeinsam Weihnachten und wenn die Kinder Geburtstag haben schenken sie ihnen ein paar Geschenke. Man kann sagen, dass dies nicht ihre Arbeit ist, doch machen sie dies alle selber zu ihrer Pflicht. Sie sagen, dass diese Kinder alle Waisenkinder sind und sie deswegen alle selbstverständlicherweise etwas mehr Liebe und Fürsorglichkeit von der Gesellschaft erhalten sollten. Ausländer sollten auch dieser Verpflichtung nachkommen. Die Kinder betrachten die Österreicher wie ihre großen Brüder, das Wiedersehen ist immer besonders herzlich. Josef Goldberger ist seit dem Alter von 19 Jahren mit seiner Frau zusammen. Nach der Hochzeit leben sie nun schon seit fünf Jahren getrennt an verschiedenen Orten. Als die Reporterin fragt, ob sich so eine Situation nicht auf ihre Liebe auswirken kann, antwortet er, dass im Westen auch nicht alle Leute ganz willkürlich mit Liebesbeziehungen umgehen. Österreicher haben größtenteils alle gewissenhafte und ernsthafte Lebenseinstellungen und -weisen. Außerdem ist die Wohlfahrt sehr ausgeprägt und die Gehälter sind hoch, weswegen der Großteil der Familien stabil und glücklich ist. Er und seine Frau haben ein besonders gutes Verhältnis. In den 14 Monaten, die er in Qiqihar war, ist ihn seine Frau zwei Mal besuchen gekommen – dies lässt Stefan Mangold, dessen Freundin sich in Österreich befindet, sehr neidisch werden. Theophil Kroller und der um ein Jahr jüngere Constantin Holzer sind noch jungen Alters. Sie sagen beide sie wollen zuerst brav lernen, das andere kommt dann später. Betrachtet man ihre Art, dann weiß man, dass beide sehr vernünftig sind, sie wollen sich nicht früh verlieben. Die vier Jungen gehen üblicherweise immer in Restaurants essen. Sie lieben alle die chinesische Küche sehr und sagen, dass sie im Vergleich zu westlichem Essen billiger und schmackhafter ist. Sie essen alle sehr gerne „Kalte Nudeln“, Josef Goldberger verzehrt gerne „Jiaozi“, Stefan Mangold „Disanxian“, der vegetarische Theophil Kroller „Laohucai“ und Constantin Holzer „Guobaorou“. Interessant ist, dass sie, nachdem sie in Qiqihar richtiges chinesisches Essen genossen haben, in diesem Bereich zu „Experten“ geworden sind. Sie sagen alle wie aus einem Munde, dass in den chinesischen Restaurants in Österreich kein authentisches Essen gekocht wird. Das Essen hat keinen besonderen Geschmack und ist nicht gut. Sie sagen auch alle unisono, dass sie nachdem sie nach Qiqihar gekommen sind sich dick gegessen haben und deswegen mehr Sport treiben um abzunehmen. Was die Reporterin von ganzem Herzen Bewunderung verspüren lässt, ist ihr Abenteuergeist und Durchhaltevermögen. Sie nahmen einen weiten Weg auf sich um an einen Ort zu kommen, den sie nur aus Büchern kannten. In einem für sie beinahe vollständig fremden Land des Ostens zu sein ist schon nicht einfach, aber sie leben auch noch sparsam oder sparen durch Nebenjobs ein wenig Geld zusammen um ihren Urlaub dazu zu verwenden das weitläufige China anzusehen. Josef Goldberger und Stefan Mangold waren früher schon einmal in Kanton, Hongkong und Macao. Im Grunde genommen sind sie ganz anders als gleichaltrige chinesische Jungs, die noch vollständig unter der Obhut der Eltern stehen und sich keine Gedanken um Kleidung und Essen zu machen brauchen. Sie scheuen keine Mühe, engagieren sich für die Gesellschaft und verrichten so einen gemeinnützigen Dienst, man sollte wirklich von diesen österreichischen Jugendlichen lernen.   F Nach dem Interview Es ist bereits halb eins am Mittag. Die Reporterin hatte nichts gefrühstückt und verspürt nun wirklich Hunger und Durst, aber sie will noch am Arbeitersee die vier ausländischen Lehrer fotografieren, da sie der Meinung sind, dass die dortige Szenerie sehr schön ist. Auf dem Weg dorthin werden sie ununterbrochen von Schülern herzlich gegrüßt oder die Schüler plaudern einfach ohne Umschweife ein wenig mit ihnen. Manche sprechen Chinesisch, manche Englisch. Betrachtet man die Art und Weise wie sie miteinander umgehen, so sieht man, dass ihr Verhältnis tatsächlich sehr harmonisch ist. Nach dem Fotografieren nimmt die Reporterin mit den vier Ausländern, die alle gleichermaßen hungrig und durstig sind, ein Taxi und lädt sie in ein ziemlich bekanntes Restaurant zum Essen ein. Die Jungs haben wirklich Hunger und essen auch wirklich gerne chinesisches Essen. Einige Gerichte bestellt die Reporterin noch einmal, sie essen alles sehr genüsslich. Als das Essen kommt und sie ursprünglich selber gesagt hatten, sie sind bereits satt und wollen nichts mehr essen, sagt die Kellnerin, dass die Gemüseknödel gut schmecken, worauf die vier Jungs doch noch jeweils einen halben essen. Schließlich sind sie deutschsprachig und ihr Trinkvermögen ist auch genauso wie das der Deutschen. Sie vertragen Bier und Baijiu [chinesischer Schnaps], nur der jüngste, Constantin Holzer, trinkt gerne grünen Tee. Er trinkt einen Schluck Bier und dann gleich einen Schluck Tee nach. Er ist nur vier Jahre älter wie der Sohn der Reporterin. Sie fragt ihn, ob er weiß, was „Ayi“ [Tante] bedeutet. Wer konnte ahnen, dass er dann einfach einige Male hintereinander lautstark „Ayi“ ruft. Wahrscheinlich ist im seine im weit entfernten Österreich befindliche Mama in den Sinn gekommen. Als er ein wenig Alkohol trinkt, ist er sehr aufgeregt und erzählt, dass sein Papa die östliche Kultur innig liebt. In seinen jungen Jahren ging er nach Japan um Karate zu lernen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat eröffnete er in Baden eine Kampfsportschule. Dort lernte er auch Constantins Mutter kennen und lieben. Danach kam Constantin zur Welt. Dieser sagt von sich selbst, dass er gerne lernt. Wenn er Zeit hat, will er wirklich mit den gleichaltrigen Chinesen mehr Kontakt aufnehmen. 14 Monate reichen offensichtlich nicht aus um ein Land vollständig zu verstehen, jedoch ist diese 14-monatige Erfahrung sehr wertvoll. Sie lässt viele Leute am eigenen Leibe die Gutherzigkeit der Jugend fremder Länder verspüren und hinterlässt eine nicht mehr abstreifbare Lebenserinnerung. Wie Josef Goldberger sagt, diese sehr gute Gelegenheit bringt viel Erfahrung und Gemütsbewegung. Dies lässt sie China, die chinesische Bevölkerung und natürlich auch das eigene Land noch inniger lieben. Sie können auf verschiedene Arten mit den chinesischen Freunden Kontakt pflegen und somit weiterhin einen Beitrag zur chinesisch-österreichischen Freundschaft leisten. Danach werden noch weitere österreichische Zivildiener nach Qiqihar kommen um ihren Sozialdienst zu leisten. Sie können ihr Verständnis über China und Qiqihar nach Österreich, in den Westen und an viele andere Orte mitnehmen. Sie sind wie Musiknoten, sie komponieren ein bewegendes Musikstück zwischen der blauen Donau und dem Arbeitersee. Wie man so schön sagt – man soll sich um seine Freunde kümmern, egal ob sie aus der Ferne kommen oder in die Ferne reisen.   Übersetzung: Stefan Mangold

Projekt Details

  • Datum 17. September 2016
  • Tags Pressearchiv 2004

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