Auschwitz, Ebensee, Mauthausen, Die Presse

16.06.2009

Projekt Beschreibung

60.000 Jugendliche jährlich in Mauthausen sind eine gute Nachricht – warum nicht darüber reden? Auschwitz, Ebensee, Mauthausen
KURT SCHOLZ (Die Presse) Als gelernter Österreicher weiß man oft nicht, worüber man sich mehr wundern soll: über das, was gelegentlich passiert, oder über die Art und Weise, wie das offizielle Österreich reagiert, wenn etwas passiert ist. Die letzten Wochen haben dazu Lehrstücke geboten. Nehmen wir den Besuch der Schülergruppe eines (im Übrigen ausgezeichneten) Wiener Gymnasiums in der Gedenkstätte Auschwitz. Dass es hier zu einem schweren Fehlverhalten gekommen ist, scheint – trotz gegensätzlicher Darstellungen – klar. Wenn untragbare Äußerungen fallen, müssen die Erziehungsinstanzen reagieren. Angesichts unserer Geschichte sollten wir auch nicht überrascht sein, dass sich ausländische Medien solcher Vorfälle annehmen. Unverständlich ist aber, dass seitens des offiziellen Österreich niemand auch nur ansatzweise versucht, das, was in Auschwitz geschehen ist, in einen größeren Rahmen zu stellen. Niemand sagt, wie viel gerade im Zeitgeschichteunterricht geschehen ist. Niemand lobt die Lehrerinnen und Lehrer dafür. Das Resultat dieses Schweigens von oben ist ein Zerrbild: Ein Fehlverhalten, das nicht zu beschönigen ist, steht gleichsam stellvertretend für das ganze Schulwesen. Unzählige positive Entwicklungen bleiben unerwähnt. Nehmen wir nur die Besucherzahlen der Gedenkstätte Mauthausen: Sie wird pro Jahr von mehr als 60.000 Schülerinnen und Schülern geradezu gestürmt. Zählt man andere Lernorte, wie etwa Schloss Hartheim, das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands in Wien, das ausgezeichnete Zeitgeschichtemuseum in Ebensee und viele andere dazu, fehlt wahrscheinlich wenig auf die Zahl von 100.000 Jugendlichen, die jährlich zeitgeschichtliche Erinnerungsstätten besuchen. Und zum Unterschied von früher sind es nicht nur Oberstufenschülerinnen und -schüler. So kommt in Mauthausen mehr als die Hälfte der 60.000 jungen Besucher aus Hauptschulen. Die Darstellung des Holocaust nimmt heute in den Schulen breiten Raum ein. Dass mit der wachsenden Zahl der Gedenkstättenbesuche auch hässliche Ereignisse – im Promillebereich – vorkommen, ist nicht erfreulich. Überraschen kann es freilich nicht. Schließlich lernen Jugendliche nicht nur von ihren Lehrerinnen und Lehrern. Alle Vorfälle ändern aber nichts daran, dass Zeitgeschichte im Schulleben einen festen Platz einnimmt, die Lehrerinnen und Lehrer (zum Unterschied von der 1. Republik!) gegen Rechtsextremismus bemerkenswert immun sind und sich die jungen Menschen für Geschichte interessieren. Nur finden jene, die als Gedenkdiener arbeiten und im Ausland so viel zu einem positiven Österreich-Bild beitragen, weit weniger Aufmerksamkeit als das Fehlverhalten anderer… Kann die Politik das ändern? Ja. Kummermienen aufzusetzen und Betroffenheit zu mimen reicht nicht. Sinnvoller wäre der Grundsatz „Tue Gutes und rede darüber“. 60.000 Jugendliche jährlich in Mauthausen sind doch eine gute Nachricht – warum nicht darüber reden? Kurt Scholz war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.

Projekt Details

  • Datum 14. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2009

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