Aus den Aktivitäten des österreichischen Gedenkdienstes, Freiheit und Recht

01.10.2001

Projekt Beschreibung

Aus den Aktivitäten des österreichischen Gedenkdienstes Nach dem Ende des 2. Weltkrieges hat die überwiegende Mehrheit der Österreicher über 40 Jahre lang jede Verantwortung für die nazionalsozialistischen Verbrechen abgelehnt und es bevorzugt, sich im beruhigenden Mythos von Österreich als „erstem Opfer“ des Nazi-Regimes zu wiegen. In den 80er Jahren begannen in der öffentlichen Meinung der Österreicher jedoch Zweifel aufzukommen; einige, die hinterfragten, ob die Dinge tatsächlich so gelaufen sind wie dies die öffentlichen Quellen darstellten und wie viele gerne glaubten, leiteten eine gründliche Überprüfung der Vergangenheit ein. Dank einiger Personen, die die Suche nach der Wahrheit dem ruhmvollen Nationalmythos vorzogen, erhoben sich kritische Stimmen zur Verantwortung Österreichs – sowohl was die Bejahung des Nationalsozialismus als auch die von diesem begangenen Verbrechen betrifft. Die Wahl Waldheims zum Präsidenten im Jahr 1986 (die wegen dessen nationalsozialistischer Vergangenheit in der ganzen Welt kritisiert wurde) hat in den Menschen paradoxerweise eine größere Sensibilität erzeugt und auch die politische Führung des Landes gezwungen, die Beteiligung Österreichs an der Ermordung der Juden, der Roma und im allgemeinen die Legende von Österreich als Opfer der aggressiven deutschen Expansionspolitik objektiver zu betrachten. Diese Kursänderung hat in der Folge zur offiziellen Anerkennung der österreichischen Verantwortung von Seiten Bundeskanzler Vranitzkys geführt, der im Rahmen eines Israel-Besuches die Juden im Namen seines Volkes um Entschuldigung bat. Erst kürzlich wurde von der aktuellen Mitte-Rechts-Regierung (gegen die die westlichen Länder wegen der Allianz mit der Partei Jörg Haiders, des xenophoben Kärntner Politikers, heftig protestierten) vorgesehen, die Überlebenden der Shoah zu entschädigen. Von Andreas Maislinger gegründet Als Reaktion auf das Disinteresse an der Verantwortung für die Vergangenheit sind auch einige Organisationen entstanden, die eine kritischere Bewußtseinsbildung förderten und das heute unter den jüngeren Generationen fortsetzen. Eine dieser Organisationen, unter jenen, die sich am meisten dafür eingesetzt haben, Licht in die Vergangenheit zu bringen, ist der Verein für Dienste im Ausland, gegründet vom Innsbrucker Politologen Andreas Maislinger. Diesem Verein wurde von der österreichischen Regierung die Möglichkeit gegeben, Jugendliche, die anstelle des Militärdienstes einen 14monatigen Zivildienst im Ausland an Gedenkstätten zur Erinnerung an den Völkermord an den Juden leisten wollen, zu entsenden. Die jungen Österreicher, die sich für den Auslandsdienst entscheiden, können zwischen Sozialdienst, Friedensdienst und Gedenkdienst wählen. Derselbe Verein hat erreicht, daß das Mailänder Centro di Documentazione Ebraica Contemporanea von der österreichischen Regierung ab November 1999 als Gedenkdienst-Stelle anerkannt wurde. Der erste Gedenkdiener am CDEC war der Kärntner Michael Berger, gefolgt von Hans-Ulrich Gößl aus der Steiermark. Erst kürzlich ist der Salzburger Florian Plackner angekommen. Das ursprüngliche Motiv für ihre Entscheidung war der Wunsch, 14 Monate im Ausland zu verbringen. Dann haben sie die angebotenen Möglichkeiten (Sozialdienst, Friedensdienst und Gedenkdienst) abgewogen und, nachdem sie den Verein für Dienste im Ausland kontaktiert hatten, sich für den Gedenkdienst und das CDEC entschieden. Bevor sie nach Italien kamen, wurden sie von ihrem Verein ein Jahr lang durch Vorträge und Filmvorführungen über die Shoah vorbereitet. Die drei Jugendlichen, die zu jener neuen Generation gehören, die ein kritisches Bewußtsein zur Vergangenheit hat, trafen ihre Entscheidung aus dem Wunsch heraus, sich ein profunderes Wissen über den Holocaust anzueignen und sich einer jüdischen Institution in irgendeiner Weise nützlich zu erweisen. Die ersten beiden Gedenkdiener, die nun am Ende ihres Dienstes angekommen sind, haben in der Videothek und in der Bibliothek gearbeitet: sie haben deutschsprachige Filme, vor allem Dokumentationen angesehen, deutschsprachige Bücher und Artikel gelesen und Übersetzungen angefertigt. Sie betrachten diese Arbeit als positive Erfahrung, die den Blick auf ihr zukünftiges Leben erweitert hat: eine konstruktive Erfahrung, aber insofern keine einfache, als sie mit einer fast immer erschütternden Realität konfrontiert waren. Daher sind sie auch überzeugt, daß sie ohne reale Interessen und Motive relativ bald genug davon haben hätten können. Sensibilitäten Sie glaubten, ausreichend informiert zu sein, aber nach den ersten Wochen ist ihnen bewußt geworden, daß die Thematik viel größer, tiefgehender und komplizierter ist, als sie dachten. Darüberhinaus sind sie sich sicher, ihre Sensibilität, nicht nur im Hinblick auf das spezifische Problem der Judenverfolgungen, sondern auch allgemeiner auf rassistische Verfolgungen sowie offene und versteckte Diskriminierungen, verfeinert zu haben. Michael etwa, mit den Mechanismen der anti-jüdischen Diskriminierung konfrontiert, hatte Gelegenheit, einige Probleme der slowenischen Minderheit in seiner Heimatregion Kärnten besser zu verstehen. Hans-Ulrich ist überzeugt, daß ihn diese Erfahrung geistig bereichert habe und beurteilt den Umstand, die heißeste Phase der europäischen Proteste gegen die neue österreichische Regierung von einem besonderen Beobachtungsposten wie dem CDEC aus mitverfolgt zu haben, als sehr positiv. Die Mitarbeiter des CDEC möchten Michael und Hans-Ulrich öffentlich für ihre mit Ernsthaftigkeit und Tüchtigkeit geleistete Arbeit danken und Florian alles Gute für seine Arbeit wünschen. Sie möchten außerdem dem Verein für Dienste im Ausland und Andreas Maislinger für das, was sie für den Gedenkdienst tun, ihre Dankbarkeit aussprechen.

Projekt Details

  • Datum 3. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 2001

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