Aus dem Gestern für Heute lernen[Thomas M. Oberhofer], Tiroler Tageszeitung, 12.02.2004

12.02.2004

Projekt Beschreibung

Aus dem Gestern für Heute lernen Auschwitz/Oswiecim steht als Synonym für den Völkermord an den Juden. Heute wird dort versucht, Jugendlichen die Geschichte näher zu bringen. Thomas M. Oberhofer AUSCHWITZ. Ich habe mich entschieden, ein paar Tage in Oswiecim zu verbringen. Bei der Vorbereitung auf die Reise kommen mir viele Fragen. Was wird mich erwarten? Was werde ich sehen und wie werde ich mich dabei fühlen? Die Fahrt nach Oswiecim führt mich über den Wiener Südbahnhof durch Tschechien und schließlich tief hinein nach Südpolen. Auschwitz ist emotional sehr weit weg. Mit dem Zug sind es aber nur fünf Stunden. Der erste Eindruck von der Stadt ist sehr überraschend. Oswiecim ist heute eine durchschnittliche polnische Stadt mit circa 50.000 Einwohnern und den typischen Plattenbauten. Der Mittelpunkt des Ortes ist der malerische Kern mit kleinen Geschäften und alten Häusern. Das Leben geht seinen Weg: Die Menschen kaufen ein, sind unterwegs zur Arbeit. 500.000 Besucher Inmitten dieser Normalität des Lebens ist es schwer vorstellbar, dass wenige Minuten entfernt der Völkermord traurige Realität wurde. Jährlich kommen 500.000 Besucher nach Oswiecim. Ihr Interesse gilt dem Konzentrationslager. Sie kommen mit der Erwartung, Unfassbares zu sehen, und verlassen Oswiecim mit einer Erfahrung, die schwer zu vergessen ist. Der Winter in Polen ist sehr schön. Er begrüßt mich mit eisiger Kälte und klarer Sicht. Das Stammlager Auschwitz ist mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Beim Gang auf dem Gelände und in den Baracken tauchen wieder viele Fragen in mir auf. Wie hat sich jemand gefühlt, der hier interniert war? Warum kann jemand dazu bereit sein, andere Menschen in diese Hölle zu werfen? Angesichts der Fotos der Ermordeten, der Kleidung von Babys und kleinen Kindern, dem Berg an abgeschnittenen Haaren und den Koffern mit den vielen Namen kann man die Betroffenheit und die Trauer nicht zurückhalten. O pfer, Täter, Helden Es war die Generation unserer Großeltern, die in dieser Zeit gelebt hat. Der Großteil konnte sich dem Töten entziehen. Aber Partei ergriffen für die Opfer des Nationalsozialismus haben die wenigsten. Doch wie hätte ich mich verhalten? Wäre ich ein Held gewesen? Oder hätte ich auch nur geschwiegen? Haben wir heute etwas daraus gelernt? In Oswiecim arbeiten heute Zivildiener und Freiwillige aus Österreich und Deutschland. „Bei unserer Arbeit steht die Vermittlung der Geschichte im Vordergrund. Wir wollen zeigen, wie es zum Antisemitismus und zum Holocaust gekommen ist“, erzählt Manuel Haberger aus Graz. Seit letztem August arbeitet er als Gedenkdiener in der internationalen Jugendbegegnungsstätte MDSM. Pro Jahr kommen mehr als 5000 Jugendliche in die Begegnungsstätte, um sich mit der Geschichte des Holocaust und seiner Bedeutung für die Gegenwart auseinander zu setzen. Dabei soll ihnen vermittelt werden, wie es zum Völkermord an den Juden kommen konnte und wie die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten gearbeitet hat. Wie denkt jemand, der das Unfassbare, diese Hölle durchgemacht hat? „Das Erlebte und das Überleben halten mich wach. Ich weine nicht über mein Schicksal, sonder freue mich, dass ich lebe“, sagt Stanislaw Gladyszek aus Krakau. Er wurde 1923 geboren und als Mitglied einer Untergrundtheatergruppe von den Nationalsozialisten inhaftiert. Von 1943 bis 1945 war er in verschiedenen Konzentrationslagern eingesperrt. 1943 war er für drei Monate in Auschwitz. Seine Worte überraschen mich, angesichts des Leids, das ihm wiederfahren ist. Eines ist ihm besonders wichtig zu sagen: „Es gibt auch unter den Bestien Menschen. Und unter den Häftlingen gab es auch schlechte Menschen.“ Starke Eindrück Die Tage vergehen schnell. Als ich Oswiecim verlasse, nehme ich neue und starke Eindrücke mit. Wer selbst Interesse hat Erfahrungen aus erster Hand zu sammeln und Anworten auf seine Fragen zu diesem Thema zu finden, der sollte sich selbst auf die Reise nach Oswiecim machen.

Projekt Details

  • Datum 17. September 2016
  • Tags Pressearchiv 2004

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