Asfalter Nr.1 – 7. Jänner 2002 / Gedenkdienst in Polen – Arbeit mit den Überlebenden

07.01.2002

Projekt Beschreibung

Gedenkdienst in Polen Arbeiten mit den Überlebenden Ich leiste derzeit im Rahmen eines Zivilersatzdienstes einen 14 monatigen Gedenkdienst im Zentrum für Jüdische Kultur in Kazimierz, Krakau. Schon sehr früh, in jungen Jahren erfuhr ich, dass meine beiden Großväter für die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, einer davon in Südpolen. Er kam leider nie wieder zurück. In der Geschichte unseres Landes wurden seit Generationen junge Männer und ihr Idealismus zur Führung von Kriegen mißbraucht. Auf Grund dessen entschloss ich mich anstelle des Wehrdienstes zur Leistung eines Zivildienstes. Meine Überlegungen führten aber auch zu dem Ergebnis, dass „irgendein Zivildienst“ keine Alternative zum Wehrdienst sei. Ich suchte eine Tätigkeit, die dem Frieden dient und dazu einen inneren ideologischen Wert aufweist. Da ich mich schon immer für die Rolle Österreichs im Zweiten Weltkrieg interessiert habe, stellte sich für mich der österreichische Gedenkdienst als die beste Alternative zum Wehrdienst dar. Ich begann also gleich aktiv und mit großem Interesse an verschiedenen Projekten des Vereins für Dienste im Ausland in Österreich mitzuarbeiten. Nach einer dementsprechenden inhaltlichen Vorbereitung, konnte ich dann im November letzten Jahres meinen Dienst im Zentrum für Jüdisch Kultur in Kazimierz, Krakau antreten. Kazimierz in Krakau war eine der florierensten und lebhaftesten jüdischen Gemeinden in Europa. Die Erinnerungen an diese Vergangenheit spiegeln sich in den Gebäuden und Strassen (Gassen) dieses Stadtteils wider. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Krakau über 60.000 Juden, heute zählt die jüdische Gemeinde weniger als 200 Mitglieder. Mein hauptsächlicher Arbeitsbereich im Zentrum für Jüdische Kultur befindet sich im Empfangssaal, wo ich Besucher aus der ganzen Welt im Namen des Zentrums empfange und ihnen mehr über das jüdische Leben und die Geschichte dieser einzigartigen jüdischen Gemeinschaft und deren furchtbaren Ende durch die Okkupation des Dritten Reiches erzähle. Von Zeit zu Zeit führe ich auch Gruppen durch den jüdischen Stadtteil, das ehem. nationalsozialistische Ghetto und durch das daran anschliessende Gelände des ehem. Konzentrationslager Plaszow, welches die Weltöffentlichkeit wohl eher durch den berühmten Film Schindlers Liste kennt. Wie „Schindlers Liste“ Darüber hinaus helfe ich auch bei der Organisation verschiedener Veranstaltungen, wie Vorlesungen, Filmvorführungen, Diskussionsrunden, Gedenkfeiern und Konzerte. Oft werde ich im Rahmen meiner Tätigkeiten mit dem ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau unmittelbar konfrontiert. Der Eindruck dieser Stätte des Grauens, wo Millionen Menschen ermordet wurden, kann mit Worten nicht beschrieben werden. Der interessanteste Teil meines Gedenkdienstes hier in Polen ist ohne Zweifel die enge Zusammenarbeit mit den noch hier in Krakau lebenden Holocaust Zeitzeugen, Bernard Offen und Mike Staner. Bernard Offen überlebte mehrere Konzentrationslager, darunter Auschwitz-Birkenau (Tätowierung B-7815), Mauthausen, Dachau-Landsberg und Plaszow in Krakau. Bernard Offen emigrierte nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten und kehrte Anfang der 90er Jahre wieder in seine Geburtsstadt zurück. Hier gründete er im letzten Jahr eine Organisation um seine Geschichte der Welt weiterzuerzählen. Mike Staner emigrierte 1945 zuerst nach Israel und später nach Australien. Nach dem Fall des Kommunismus in Polen entschied auch er sich, wieder in seine Heimatstadt zurückzukehren um dort Vorträge über seine unfassbare Geschichte zu halten. Beide haben einen sehr engen Österreich-Besuch, so hat Offens Vater im Ersten Weltkrieg in der österreichischen Armee gedient und wurde dann im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet. Mike Staner wurde vom Konzentrationslager Plaszow direkt nach Österreich deportiert, dort internierten ihn die Nazis in Mauthausen, später wurde er in das Nebenlager Linz III gebracht, wo er bis zum Ende des Krieges als Zwangsarbeiter in den Hermann Göring Werken festgehalten wurde. Die Zusammenarbeit mit diesen beiden Zeitzeugen ermöglicht mir eine intensive Auseinandersetzung mit dieser Thematik, womit mir das Begreifen dieser schrecklichen Verbrechen leichter möglich wird. Sehr oft ergeben sich vertrauliche Gespräche, wo ich Gelegenheit habe, detailliertere Informationen zu ihrem damaligen Leben vor, während und nach dem Holocaust zu bekommen. Ich bin sehr froh, die Möglichkeit bekommen zu haben, meinen Präsenzdienst in Form eines Gedenkdienstes hier im Ausland ableisten zu können. Ich denke, dass es gerade in Europa und in unserer heutigen Gesellschaft unumgänglich ist, ehrlich die Vergangenheit aufzuarbeiten und dem Vergessen dieser furchtbaren Ereignisse entgegen zu wirken. Damit wir aus unseren Fehlern lernen und gemeinsam eine friedliche Zukunft für uns alle gestalten können. Richard Schlager Über den Verein für Dienste im Ausland kann der Zivildienst in Form eines 14monatigen Auslandsdienstes bei einer der zahlreichen Partnerorganisationen geleistet werden. Es gibt drei verschiedene Arten des Auslandsdienstes: Gedenkdienst befasst sich mit den Opfern des Nationalsozialismus. Gedenkdiener arbeiten in Holocaust-Gedenkstätten, Museen, sowie Forschungs- und Bildungseinrichtungen. Im Rahmen des Sozialdienstes unterstützen Sozialdiener die wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Dazu gehören z.B. die Arbeit mit Strassenkinder oder Projekte zur Verbesserung der Trinkwasserversorgung in Ländern der Dritten Welt. Im dritten Projekt, dem Friedensdienst, helfen österreichische Friedensdiener bei Vorhaben, die der Erreichung oder Sicherung des Friedens im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten dienen. Friedensdiener arbeiten zur Zeit in NGOs in Israel, wo sie die Menschenrechtslage analysieren und Workshops bzw. gemeinsame Initiativen der Konfliktparteien organisieren. www.auslandsdienst.at

Projekt Details

  • Datum 16. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2002

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