„Antisemitismus ist leider jederzeit abrufbar“, Tiroler Tageszeitung

09.08.2014

Projekt Beschreibung

„Antisemitismus ist leider jederzeit abrufbar“
Die israelitische Kultusgemeinde in Tirol und Vorarlberg zählt 130 Personen. Der Krieg im Gazastreifen lässt alte Vorurteile aufleben.
Innsbruck – Für den Leiter des Österreichischen Auslandsdienstes, Andreas Maislinger, war der 19. Juli ein schwarzer Tag für die Juden in Tirol. Rund 1000 Demonstranten, darunter viele mit türkischem Migrationshintergrund, fanden sich in Innsbruck zu einer Kundgebung gegen den Krieg im Gazastreifen zusammen (die TT berichtete). Eine Frau, die eine israelische Fahne in der Hand hielt, wurde verletzt. „Schon im Vorfeld haben die Organisatoren auf Face­book klargemacht, dass es ihnen um Hetze gegen die Juden geht“, erklärt Maislinger. Der Verfassungsschutz ermittelt nun gegen Teilnehmer der Demo. Auch die Organisatoren, die in Kontakt mit der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) stehen, geraten ins Visier der Polizei. Maislinger ist empört darüber, dass seitens von Politik und Kirche keine Verurteilung erfolgt ist. „Ich bin ein Verfechter der wehrhaften Demokratie. Wir müssen diesen Menschen klarmachen, dass wir Hetze gegen Juden nicht hinnehmen.“ Thomas Lipschütz, ehrenamtliches Mitglied des Auslandsdienstes und Bildungsreferent der israelitischen Kultusgemeinde, macht keinen ängstlichen Eindruck. Er sagt aber, dass die 130 Juden der Kultusgemeinde in Tirol und Vorarlberg alarmiert seien: „Es herrscht die Meinung vor, dass dieser importierte Antisemitismus den Juden wesentlich gefährlicher werden könnte als die Neonazis.“ Er fürchte, dass es zu einem Tabubruch kommen werde und dumpfe Gefühle von längst aufgearbeitet geglaubtem Antisemitismus aufbrechen. „Die Juden werden im aktuellen Konflikt als Kindermörder dargestellt, das hat leider eine lange Tradition.“ Politologe Reinhold Gärtner erklärt, dass der Antisemitismus in Tirol in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen habe. Das sei vor allem dem verstorbenen Bischof Reinhold Stecher zu verdanken, der die Ritualmordlegende um das Anderl von Rinn abgeschafft hat. „Es ist aber leider so, dass Antisemitismus jederzeit abrufbar ist“, sagt Gärtner. Der grüne Gemeinderat Mesut Onay lehnt das Vorgehen der islamistischen Türken ganz klar ab. Er ist aber auch der Meinung, dass man nicht nur reagieren, sondern auch agieren müsse. Deshalb ist er Mitorganisator von Initiativen eines breiten Bündnisses. „Wir haben zwei Wochen später eine Friedensdemo organisiert. Weitere Friedensinitiativen sind geplant. Dabei ist ganz klar, dass wir jede Form von Antisemitismus ablehnen, gleichzeitig aber alle verurteilen, die Gewalt anwenden. Kritik an der Politik des Staates Israel muss weiter erlaubt sein“, so Onay.
„Israel wird immer noch als Ausnahmestaat wahrgenommen“, erklärt die Pädagogin Irmi Bibermann, die Bildungsprogramme in Israel begleitet. Sie beobachtet in der Gesellschaft eine Form von Antizionismus, also Vorbehalte gegenüber israelischer Politik. Doch dahinter verstecke sich oft auch Antisemitismus.
Innsbruck ist ein geprägtes Pflaster. Vor 1938 lebten 400 bis 500 Juden in Tirol, 90 Prozent in Innsbruck, 1939 waren es noch 38 Personen. Die Übergriffe der Nazis in der Pogromnacht im November 1938 forderten vier Todesopfer. „Innsbruck war einer der blutigsten Schauplätze“, sagt Autor Christoph W. Bauer, der die Geschichte der jüdischen Familie Graubart aufgezeichnet hat. Natürlich habe Wissenschaft und Bevölkerung die Geschichte aufgearbeitet. Bauer: „Was wieder kommt, ist eine Art Straßenantisemitismus.“

Projekt Details

  • Datum 20. Oktober 2016
  • Tags Pressearchiv 2014

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