Anne Frank, Jüdische Rundschau, 12.08.1993

12.08.1993

Projekt Beschreibung

Anne Frank

von Andreas Maislinger Die Süddeutsche Zeitung stellte in der Wochenendausgabe vom 31. Juli schon wieder ein neues Buch über Anne Frank vor. Erneut geht es darum, „mit dem Herzen zu lernen“, denn die Bedeutung des Tagebuches, so die Rezensentin, besteht darin, „daß junge Leser sich mit diesem Mädchen identifizieren, mit ihm mitleiden, sich vorstellen können, an seiner Stelle zu sein. Für Generationen von Jugendlichen wurde Anne Franks Schicksal zum Anstoß, sich Zeitgeschichte anzueignen – nicht als abstrakten Begriff, als zu bewältigenden Lernstoff, sondern als sie persönlich berührende Geschichte.“ Da dieses von der Anne Frank Stiftung herausgegebene, 64 Seiten umfassende Buch auch reich bebildert ist, wird es sicher viele junge Leser finden. Die Ermordung von Anne Frank wird also weiter in der seit Jahrzehnten üblichen Art als Schicksal dargestellt. Der Duden definiert Schicksal als „höhere Macht, die in einer nicht zu beeinflussenden Weise das Leben bestimmt und lenkt.“ War jedoch das „Schicksal“ Anne Franks tatsächlich nicht zu beeinflussen? Gab es tatsächlich keine andere Möglichkeit, als in einem Amsterdamer Hinterhaus darauf zu hoffen, nicht entdeckt zu werden? Ich bin mir natürlich bewußt, daß ich mich mit dieser Frage der Gefahr aussetze, mißverstanden zu werden. Anne Franks Leben ist zu einem Topos, ihr Bild zu einer Ikone geworden. Wahrscheinlich haben auch die von Revisionisten vorgebrachten Fälschungsanschuldigungen dazu beigetragen, jede kritische Auseinandersetzung zu unterbinden. Dabei hat ein international sehr bekannter Kinderpsychologe die aus meiner Sicht überfälligen Fragen bereits vor mehr als drei Jahrzehnten gestellt. Bruno Bettelheim schrieb nämlich in Harper’s Magazine, November 1960: „Doch was Anne Frank erlebte, war weder ein unausweichliches noch heldenhaftes, sondern ein ebenso schreckliches wie sinnloses Schicksal. Anne Frank hatte – wie viele andere jüdische Kinder in Holland – eine gute Überlebenschance. Freilich hätte sie ihre Eltern verlassen und zu einer nichtjüdischen holländischen Familie ziehen müssen, die das Mädchen als ihre eigene Tochter ausgegeben hätte. Das aber hätten ihre Eltern in die Wege leiten müssen. (…) Das soll keine Kritik am Verhalten der Familie Frank sein, die keine solchen Pläne faßte. Jede Familie hat das Recht, ihr Leben so einzurichten, wie es ihr behagt, und die damit verbundenen Risiken einzugehen. Mir geht es hier nicht darum, die Art und Weise, wie die Franks verfuhren, kritisch unter die Lupe zu nehmen, sondern um die allgemeine Bewunderung, die man der Art, wie sie sich mit ihrem Problem auseinandersetzten bzw. nicht auseindersetzten, gezollt hat.“ Obwohl der Aufsatz Anne Frank – eine verpaßte Lektion in mehreren Auflagen, zuletzt 1992, im dtv-Taschenbuch Erziehung zum Überleben erschienen ist, blieb Bruno Bettelheims Einschätzung weitestgehend unberücksichtigt. Der 1990 verstorbene Bruno Bettelheim hat mit seinen Büchern große Beachtung gefunden, trotzdem beeinflußte er, soweit mir bekannt ist, die weltweite Anne Frank Rezeption nicht. Es paßt in dieses Bild, daß die Erinnerungen von Marga Minco, Bitter Herbs nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Das damals etwa gleichaltrige Mädchen überlebte, weil seine Eltern den Plan gefaßt hatten, daß der Vater die Polizei, wenn sie käme, so lange aufhalten würde, bis die Mutter mit der Tochter durch die Hintertüre geflüchtet wären. Bettelheim berichtet, daß es zwar nicht planmäßig verlief, weil beide Eltern bei diesem Widerstand getötet worden sind. Das Mädchen konnte jedoch tatsächlich fliehen und überlebte bei einer niederländischen Familie. An dieser Stelle muß ich mich gegen eine naheliegende Mißinterpretation meiner Einwände gegen die einseitige Rezeption der Geschichte Anne Franks wehren: Es kann nicht darum gehen, ins Gegenteil zu verfallen und nur noch heldenhafte Widerstandsgeschichten zu erzählen. Das Tagebuch der Anne Frank bleibt natürlich ein einmaliges, berührendes Dokument, als Lehrstück (besonders für Jugendliche) sollte es jedoch die von Bettelheim aufgezeigte Überlebenschance auch aufzeigen. Wäre es nicht denkbar, den nächsten Auflagen des Tagebuchs der Anne Frank Bruno Bettelheims „Verpaßte Lektion“ als Anhang hinzuzufügen? Wie berechtigt die Sorge ist, mit derartigen kritischen Anmerkungen mißverstanden zu werden, haben die Reaktionen auf meinen Kommentar in der Jüdischen Rundschau vom 25. Mai 1993 über den oberösterreichischen Bauern Franz Jägerstätter gezeigt. Die Frage nach dem Verhältnis des am 9. August 1943 hingerichteten Kriegsdienstverweigerers zu den Juden darf offensichtlich nicht gestellt werden. Nachdem dieser Kommentar in der Zeitschrift des Christlichen Lehrervereins für Oberösterreich nachgedruckt worden war und über die Austria Presse-Agentur Eingang in die Tagespresse gefunden hatte, wurde ich als Nestbeschmutzer behandelt. Mit dem Einwand, Jägerstätter hätte nichts über die Verfolgung der Juden gewußt, wurde meine Kritik als haltlos und diffamierend zurückgewiesen. Umso erstaunter war ich, als ich anläßlich der Gedenkveranstaltungen zum 50. Todestag Jägerstätters in seinem Heimatort St. Radegund das Theaterstück „Das Vermächtnis“ sah. Dieses Theaterstück nimmt für sich in Anspruch, das Leben Jägerstätters zu dokumentieren. Und siehe da, jetzt hat er plötzlich doch von der Judenverfolgung gewußt. In einer Szene wurde nämlich dargestellt, wie er sich weigert, einer Vertreterin der NS-Frauenschaft Kleiderstoffe abzukaufen, nachdem die Nationalsozialistin erwähnt hat, daß diese Stoffe von einem arisierten Geschäft eines vertriebenen Juden stammen. So wird weiter daran gearbeitet, Jägerstätters ohnehin ungewöhnliche Einsichten zu überhöhen. Bruno Bettelheim, Erziehung zum Überleben Zur Psychologie der Extremsituation Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1992

Projekt Details

  • Datum 24. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1993

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