Am Anfang steht die Entschuldigung, Salzburger Nachrichten

09.11.1995

Projekt Beschreibung

Salzburger Nachrichten 9. November 1995

Am Anfang steht die Entschuldigung

Der NS-Opfer-Fonds wird demnächst die ersten Zahlungen zuerkennen: Für die Mitarbeiter ein Wettlauf mit der Zeit, „weil wir 50 Jahre zu spät sind“.

Von Wilhelm Ortmayr Bereits zwei Monate, nachdem die Geschäftsstelle des österreichischen NS-Opfer-Fonds ihre Arbeit aufgenommen hat, werden kommende Woche erstmals Nazi-Opfern Zahlungen zuerkannt. Die Überweisung der jeweils 70.000 S dürfte schon einige Tage später erfolgen. Unter den ersten Beziehern werden sich ausschließlich sehr alte, kranke, oder extrem bedürftige Menschen befinden. Die Mitarbeiter des Fonds verfügen mittlerweile über 15.000 Adressen mutmaßlicher NS-Opfer aus Österreich. Mit bis zu 20.000 Interessenten wird gerechnet. Jeder von ihnen muß in einem Fragebogen kurz über sein Schicksal berichten, um so die Anspruchsberechtigung nachzuweisen. „Derzeit verschicken wir pro Tag 600 bis 700 Fragebögen in alle Welt“, berichtet Hannah Lessing-Askapa, die Geschäftsführerin des Fonds, im Gespräch mit den SN. Auch hier gelte die Reihenfolge: ältere und kranke Personen zuerst. Österreich habe so lange nichts getan, „nun befinden wir uns im Wettlauf mit der Zeit“. Daher seien Nacht- und Wochenendschichten für sie, ihre hauptamtlichen Mitarbeiter und die Werkstudenten vom „Gedenkdienst“ normal, meint Lessing- Askapa. Viel schlimmer wiege, „daß wir fünfzig Jahre zu spät kommen. Wir spüren das ständig, und wir wissen, daß wir uns bei den Opfern im vorhinein entschuldigen müssen.“   Persönliche Gespräche sind unerläßlich Vor allem bei jenen täglich etwa 30 Menschen, die persönlich in das Büro des Fonds kommen. Nicht nur Österreicher – bisweilen nützen auch Personen, die heute in Übersee leben, einen Österreich-Aufenthalt, um ihren Antrag zu stellen. „Manche wollten sich ursprünglich gar nicht melden“, berichtet die Geschäftsführerin. „Freunde überreden sie dann, und sagen ihnen, daß wir kein unpersönliches Amt sind.“ Beim Ausfüllen der Fragebögen zum eigenen Schicksal bleiben manche fast stumm. Viele wollen gleich wieder gehen, beginnen dann aber doch zu erzählen. „Mit der Erinnerung an Verfolgung und Leid brechen oft Dämme“, weiß Lessing-Askapa. So entwickeln sich viele lange Gespräche und die Mitarbeiter des Opferfonds nehmen sich Zeit. „Eine Schale Kaffee, ein offenes Ohr, ein herzliches Wort – das ist unsere einzige Möglichkeit, die Bitte um Verzeihung auszudrücken.“   Wenn aus Akten Schicksale werden So ergießt sich vor den Mitarbeitern des Fonds in diesen Wochen die ganze Fülle des Grauens des NS-Terrors. Tausende Schicksale, von Zeugen berichtet, das ist auch eine unwiderbringliche Quelle für Zeitgeschichtler. Lessing-Askapa und ihr Team versuchen, möglichst viele Erzählungen zumindest in Stichworten festzuhalten, um sie später zu publizieren – auf Wunsch der Betroffenen ohne Nennung ihrer Namen. Auch vor den TV-Kameras, die vergangene Woche das Büro des Fonds besuchten, zeigten sich die Opfer des Nazi-Regimes verschlossen. Man hat wohl gelernt, wie schnell in Österreich aus Opfern Schuldige gemacht werden.

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1995

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