Alles fremd, Der Spiegel

03.07.1995

Projekt Beschreibung

Der Spiegel 27 / 3. Juli 1995

Alles fremd

Auf einem Treffen der ,,Schanghailänder“ gedachten deutsche und österreichische Juden ihrer Flucht vor den Nazis nach China.

Noch in der Zeit der schlimmsten Bedrängnis entstanden Witze, mit denen der jüdische Humor auf den mörderischen Naziterror reagierte. Einer hat Schanghai zum Thema:

Nach der Reichskristallnacht 1938 stellen sich in Berlin zwei jüdische Freunde um Reisepässe an. Der eine möchte nach Amerika. „Wo willst du hin?“ fragt er den anderen. „Nach Schanghai“, sagt der. „So weit?“ fragt der erste verwundert. „Weit von wo?“ entgegnet der Freund.

Die bittere Pointe beschreibt die Realität. Zwischen 1938 und 1941 flohen mindestens 17000 Juden aus Mitteleuropa nach Schanghai, knapp zwei Drittel von ihnen kamen aus Deutschland. Die meisten Staaten hatten da längst ihre Grenzen geschlossen für die Juden, denen in Nazideutschland der Tod drohte. Andere, wie die USA oder Australien, ließen nur wenige Auserkorene einreisen. Blieb als letzte Zuflucht Schanghai mit seinen ausländischen Enklaven auf chinesischem Territorium. Die Briten hatten der Handelsmetropole nach dem ersten Opiumkrieg 1842 internationale Konzessionen aufgezwungen; seither war Schanghai eine offene Stadt, die kein Einreisevisum verlangte.

Die Ankunft war für die deutschen Juden ein Schock. „Alles in Schanghai war uns völlig fremd, die Lebensart der Chinesen, ihre Schriftzeichen, ihre Sprache, ihr Essen und auch das Klima, das vor allem den Älteren schwer zu schaffen machte“, erinnert sich Herta Shriner, 75, geborene Lewin, die im April 1939 mit ihren Eltern aus Berlin floh. Die Fahrt auf einem alten deutschen Frachter dauerte drei Monate; die Besatzungsmitglieder waren allesamt SA-Mitglieder und Antisemiten.

Mit dem Schicksal der ,,Schanghailänder“, wie sich die jüdischen Flüchtlinge selber nannten, beschäftigte sich jetzt eine Tagung in Salzburg, veranstaltet von Mitarbeitern des österreichischen ,,Gedenkdienstes“, zu der über 30 Ehemalige kamen.

Die Überlebenden erzählen, daß sie bei der Ausreise nur zehn Reichsmark pro Kopf und ein paar Koffer mit den nötigsten Habseligkeiten mitnehmen durften. Nach der Ankunft wurden sie im Stadtteil Hongkou untergebracht, der im Chinesisch-Japanischen Krieg 1937 stark beschädigt worden war, weshalb es dort relativ billige, heruntergekommene Wohnungen gab.

Nur wenige konnten sich eigene Zimmer leisten. Die meisten wurden in Massenquartieren untergebracht; oft mußten 20 bis 30 Personen in einem Raum hausen, unter üblen hygienischen Bedingungen nicht einmal Kanalisation gab es in Hongkou. Viele starben bald nach der Ankunft an Typhus, Ruhr oder Entkräftung.

Als im Dezember 1941 der Krieg im Pazifik ausbrach, verschlechterte sich die Situation noch einmal dramatisch. Nun war an eine Weiterreise in die USA nicht mehr zu denken, und die Lieferungen der amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisation, die viele am Leben gehalten hatten, blieben abrupt aus.

Im Februar 1943 erklärten die japanischen Besatzer auf Drängen ihrer deutschen Verbündeten Teile Hongkous zur „Sperrzone“, in die sie die europäischen Flüchtlinge pferchten: ein Ghetto, ohne Mauern und Stacheldraht zwar, aus dem es aber ohne Passierschein der japanischen Militärbehörden kein Entkommen gab. Eine jüdische Hilfspolizei mußte Posten stellen.

Ein Viertel, in dem die deutschen Juden den Ton angaben, wurde „Klein-Berlin“ genannt; Geschäfte und Werkstätten wie in der alten Heimat entstanden, Metzgereien, Bäckereien und Schulen, Restaurants und sogar „echte Wiener Kaffeehäuser“ in denen Gugelhupf und frische Buchteln serviert wurden.

Herta Shriners Mutter eröffnete eine Krawattenreparaturstube, großartig „Krawattenklinik“ genannt. Ihre Kunst bestand darin, aus alten Schlipsen die schadhaften Stellen herauszuschneiden und die Teile wieder zusammenzunähen, wodurch ein Binder entstand, „fast wie neu, nur um einiges kürzer“.

In Schanghai gestrandete Schauspieler spielten Theater; Zeitungen wurden herausgegeben; deutsche, österreichische und tschechische Ärzte gründeten gemeinsame Praxen, die bald auch von Chinesen besucht wurden. Sonst hatten die beiden Welten kaum Kontakt.

Bis zum Kriegsende 1945 blieben die Juden interniert. Noch in der letzten Kriegsphase wurde Hongkou von amerikanischen Bomben getroffen. die einer japanischen Radiostation galten.

Viele Flüchtlinge konnten Schanghai erst lange nach Kriegsende verlassen, 1947 oder noch später. Herta Shriner mußte bis 1949 auf die Ausreise in die USA warten. Ihre Eltern kehrten nach Deutschland zurück. „Auch dann waren jüdische Flüchtlinge noch nicht überall erwünscht“, erinnert sie sich bitter.

Projekt Details

  • Datum 23. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1995

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