Zivi als Sozialdiener in Buenos Aires, Oberkärntner Nachrichten

09.06.2000

Projekt Beschreibung

Oberkärntner Nachrichten (Spittal/Drau) 9. Juni 2000

Zivi als Sozialdiener in Buenos Aires

Nicht nur im Sinne des Gedenkdienstes – im Gedenken an Opfer des Holocaustes – ist es möglich einen Zivildienst im Ausland zu verrichten. Auch in den Sparten Sozialdienst und Friedensdienst ist diese Art des Präsenzdienstersatzes laut § 12b des Zivildienstgesetzes seit mehreren Jahren anerkannt. Der kärntner Absolvent der technischen Chemie DI Werner Weissmann leistet seit Februar seinen Dienst in Buenos Aires (Argentinien) und berichtet von seiner Arbeit mit den Strassenkindern:

Geschätzte 5.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 18 Jahren leben in Buenos Aires ständig oder teilweise auf der Strasse. Das C.A.I.N.A. (Centro de la Atenciòn Integral a la Niñez y Adolescencia) ist eine von mehreren Institutionen der Stadt, die den Strassenkindern die Möglichkeit bietet ihre Zeit sinnvoll zu gestalten, aber auch Rat und Hilfe zu suchen. Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr können in die Betreuungsstätte kommen, wo sich ein junges Team von Psychologen, Sozialarbeitern und Freiwilligen um sie kümmert. Neben der psychologischen Betreuung bei familiären und/oder Drogenproblemen gibt es Mahlzeiten, medizinische Versorgung, Hilfestellung bei Behördenwegen, die Möglichkeit zu spielen und an diversen Workshops teilzunehmen.

Das Klischee vom Strassenkind, das schmutzig und unter Drogen in einem Hauseingang oder auf dem Gehsteig schläft, trifft leider in vielen Fällen zu. Ein grosser Teil dieser Kinder lebt wortwörtlich auf der Strasse. Besonders bei diesen ist der Drogenkonsum ein grosses Problem. Unter den Jüngeren, im Alter von 6 bis 12 Jahren ist der Missbrauch von Klebstoff sehr verbreitet, ebenso wie der Konsum von Canabis und Tabak.

Die Gründe, warum diese jungen Menschen auf der Strasse landen sind weit gestreut und von Fall zu Fall verschieden. Fast alle kommen aus grossen Familien (8 und mehr Geschwister von mehreren Vätern sind die Regel). Viele wurden zu Hause misshandelt, auch Fälle von sexuellen Missbrauch gibt es. Andere werden von der Familie ausgestossen, weil weder der Platz noch das Geld für alle reicht. Wieder andere gehen freiwillig von zuhause weg, weil sie es vorziehen auf der Strasse zu leben. Was auch immer der Grund sein mag, letztlich spielt immer die Armut eine entscheidende Rolle.

Am Anfang hat man Schwierigkeiten mit der neuen Situation umzugehen, ist man doch mit der unbekannten und harten Realität der Strassenkinderszene konfrontiert. Viele Kinder kommen sehr schmutzig, manche stehen unter dem Einfluss von Drogen. Die Umgangsformen sind rauh und aggressiv und man selbst muss da schon auch einiges einstecken können, ohne sich gleich persönlich angegriffen zu fühlen. Es dauert eine Zeit, bis man als Betreuer von den Kids akzeptiert wird. Als Ausländer hat man es da vielleicht sogar noch etwas schwieriger, weil man oft nicht alles gleich versteht und die Kinder sehr schnell die Geduld verlieren. Am schwierigsten ist es die Grenze zwischen „laissez-faire“ und Autorität zu ziehen. Die Kinder können frei entscheiden, was sie tun möchten, solange sie einige Grundregeln befolgen: keine Drogen, keine Gewalt, Respekt gegenüber den Betreuern und den anderen Kindern, Teilnahme an den Workshops. Natürlich kommt es immer wieder zu Verstössen, die, als Konsequenz, den Verweis aus der Betreuungsstätte für einen bestimmten Zeitraum nach sich ziehen.

Es ist unumgänglich, dass sich bei manchen Konflikten die Gemüter – auch die der Betreuer – erhitzen, denn alle Srassenkinder haben eines gemeinsam: Respektlosigkeit. Es ist wohl ihre Art von Stolz und irgendwie auch verständlich, denn: Wer respektiert sie?

Persönlich entwickelt man unweigerlich Präferenzen. Einige Kinder sind sympathischer und umgänglicher als andere. Trotzdem versuche ich immer alle gleich zu behandeln. Die „Halbstarken“, die 12 bis 14jährigen, machen am meisten Ärger und können einen richtig nerven. Trotzdem sitze ich beim Essen meistens mit gerade diesen am Tisch. Es ist ein Herausforderung für mich mit ihnen umzugehen, obwohl ich mir an manchen Tagen wünsche endlich einmal in Ruhe Mittag essen zu können.

Ein Kollege vom Verein für Dienst im Ausland hat mich unlängst gefragt, ob man nicht frustriert ist, weil man nicht mehr helfen kann. Man gewöhnt sich ziemlich schnell an den Anblick des Elends, mit anderen Worten man stumpft ab, ist nicht mehr schockiert.

Letztendlich schaffen es nur wenige von der Strasse und den Drogen wegzukommen, die Schule fertig zu machen und Arbeit zu finden. Doch die Wenigen sind doch die Mühe wert.

Der Verein für Dienste im Ausland (www.auslandsdienst.at) ist eine anerkannte Trägerorganisation, welche es jungen ÖsterreicherInnen ermöglicht eine Zivildienstersatz überall auf der Welt abzuleisten.

Projekt Details

  • Datum 2. Juli 2016
  • Tags Pressearchiv 2000

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