Tiroler in Costa Rica: Die Zukunft aus Bambusholz, Tiroler Tageszeitung

19.05.2018

Projekt Beschreibung

COSTA RICA

Tiroler in Costa Rica: Die Zukunft aus Bambusholz

Brütende Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit und wilde Natur: Der Tiroler Bernhard Ungerer ging mit 24 Jahren nach Costa Rica, um einem Dorf zu neuem Leben zu verhelfen.

Mit Bambus und Axt zur Baustelle: Bernhard Ungerer baut im Süden Costa Ricas ein Begegnungszentrum aus natürlichen Rohstoffen.

© Bernhard Ungerer

Mit Bambus und Axt zur Baustelle: Bernhard Ungerer baut im Süden Costa Ricas ein Begegnungszentrum aus natürlichen Rohstoffen.

Von Philipp Schwartze

Finca Sonador — In Costa Rica klingelt Bernhard Ungerers Wecker. Es ist fünf Uhr, ein neuer Tag bricht im Dorf Finca Sonador an. Dort leben Flüchtlinge aus El Salvador, Guatemala und indigene Familien. Es mangelt an Perspektiven und Mitteln. Der österreichische Auslandsdienst entsendet jedes Jahr einen Sozialdiener in das Dorf.

Dieses Jahr ist es Ungerer, ein 24-jähriger Holzbaustudent aus Rum. Er errichtet ein Begegnungszentrum aus Lehm und Bambusholz. „Aufgrund der drückenden Sonne beginnt der Arbeitstag früher als bei uns in Österreich“, erklärt er. Seit September gewöhnt er sich daran. „Der erste Eindruck, den ich bei der Ankunft an der Bushaltestelle am unteren Dorfende hatte, war: ?Oha! Da brennt die Sonn aber anders oa als dahoam.'“

Mit Helfern aus dem Dorf wird Holz gesammelt.
Mit Helfern aus dem Dorf wird Holz gesammelt.
Bernhard Ungerer

Statt für den Zivil- oder Heeresdienst hat er sich für den Weg nach Mittelamerika entschieden. „Das schien mir die sinnvollste Variante, um Teile meines Studiums der Holz- und Naturfasertechnologie praktisch anwenden zu können.“ Eine Dorfgruppe hatte schon lange einen Begegnungsraum geplant, doch es mangelte an Wissen und Geld. Ungerer füllt nun diese Lücken, sein Bauprojekt fördert das Land Tirol mit 6000 Euro.

Oft wacht er mit Muskelkater auf. Dann folgen Guten-Morgen-Übungen. „Nach dem Frühstück, das dank einsetzender Mango-Saison fruchtiger wird, beginnt der Arbeitstag mit Arbeitern aus dem Dorf gegen halb sieben an der Baustelle“, schildert er.

Die Dorfbewohner sind erst skeptisch. „Wenn es sich bei den Tätigkeiten der Freiwilligen nicht um etwas handelt, wodurch den Familien am Ende des Tages ein direkter Nutzen entsteht, etwa Mithilfe bei Kaffee- oder Zuckerrohrernte, wird man zunächst mit Zurückhaltung bedacht.“

Doch Ungerer überzeugt einige, findet Mitstreiter und verschönert mit ihnen das Dorf. „Über das Holzbauprojekt hält sich aber hartnäckig das Gerücht, dass ich mir hier selbst eine gemütliche Unterkunft organisieren möchte“, meint Ungerer amüsiert. Am 30. Juni geht es für ihn aber zurück nach Österreich. Dann sollen Fundament, Wände und Dachaufbau fertig sein. „Mein Nachfolger hat sich zur Fertigstellung bereit erklärt“, freut sich der 24-Jährige. Gearbeitet wird je nach Witterung. „Da wir noch kein Dach haben, bestimmt meist der Regen, wie lange gearbeitet wird. Um eins oder zwei ist meist Schluss.“

Die Dorfjugend bemalt Ungerers neue Schilder.
Die Dorfjugend bemalt Ungerers neue Schilder.
Bernhard Ungerer

Großen Gefallen findet der Rumer an der anschließenden Siesta. „Eine ausgezeichnete Erfindung, die man sich bei uns ruhig abschauen könnte.“ Er nutzt die Mittagspause für Telefonate mit Freunden und Familie. Wenn das Internet funktioniert auch für E-Mails.

Nachmittags gibt er Nachhilfe in Englisch und Mathe oder feilscht im Sägewerk um Holzpreise. Daneben schreibt er seine Erlebnisse auf, arbeitet an der Diplomarbeit für den Abschluss in Wien sowie Bewerbungen für die Zeit nach Costa Rica. „Längeres Arbeiten am Laptop zu später Stunde stellt sich aber als recht anspruchsvoll heraus, da sich dermaßen viele fliegende Insekten um mich scharen, dass es am Bildschirm nur so wuselt.“ Die lokale Flora und Fauna erkundet er seit Tag eins. „Das Eintauchen in die neue Kultur durfte ich wörtlich nehmen.“ Gleich nachdem das Gepäck in seinem Zimmer, das er noch ausmalen musste, verstaut war, wurde ihm der Dorfbach vorgestellt. „Im September, mitten in der Regenzeit, führte er reichlich Wasser und ist an natürlichen Becken auch zum Schwimmen geeignet.“ Vor jedem Käfer oder Tropenbaum stünde er aufgeregt „wie ein kleines Kind“.

Sein persönliches Highlight ist aber etwas anderes: die zum Jahreswechsel erfolgte erfolgreiche Spendenaktion in Tirol für ein an Leukämie erkranktes Kind. „Wenn ich Viviana und ihren Papa heut im kleinen Supermarkt um die Ecke begegne, dann sehe ich einen fröhlichen Vater und ein gesundes, gschamiges Kind, dem man die Chemotherapie nicht ansieht“, freut er sich.

Wenn er dann heimfliegt, hat er viele Erinnerungen im Gepäck. „Ich habe Menschen kennen gelernt, die aus Mangel an Ressourcen eine Kreativität entwickelt haben, die jeden Tag aufs Neue simple, aber geniale Lösungen entstehen lässt. Alleinerziehende Mütter, die zufrieden und auch ein wenig stolz in ihrem selbst geschaffenen, bescheidenen Zuhause leben.“ Ungerer hofft, dass es nicht sein letztes Bauprojekt in einem fernen Land war.

Weitere Infos zum Auslandienst unter www.auslandsdienst.at

Projekt Details

  • Datum 20. Mai 2018
  • Tags Pressearchiv 2018
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