Oswiecim, Jüdische Rundschau, 26.11.1992

26.11.1992

Project Description

Oswiecim von Andreas Maislinger Wäre an dieser Stelle zu dieser Zeit nicht ein Kommentar über Osijek, Vinkovci oder Sarajevo angebrachter? Das sind auch slawische Ortsnamen, genauso wie das polnische Oswiecim, das bei uns fast nur bekannt ist unter der deutschen Bezeichnung Auschwitz. Obwohl so viel über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien geschrieben wurde und diese und andere Orte zum Synonym für Verbrechen geworden sind, ist bis heute kaum etwas erreicht worden. Die täglichen Berichte über das Morden lassen uns immer gleichgültiger werden. Fast scheint es, als ob es ein direktes Verhältnis zwischen der Intensität der Berichterstattung und unserem Wegschauen gäbe. Auch Auschwitz wurde zum Synonym. Der deutsche Name der polnischen Kleinstadt steht für die Shoa. In den vergangenen Jahrzehnten wurden unzählige Bücher über Auschwitz veröffentlicht. Auschwitz wurde dadurch zu einem der zentralen Begriffe zur Beschreibung des 20. Jahrhunderts. Ähnlich charakteristisch für unser Jahrhundert sind wahrscheinlich nur noch Hiroshima und Tschernobyl. Aber je mehr diese Orte zum Prinzip gemacht werden, desto größer ist die Gefahr, daß das konkrete Ereignis verblaßt. Auschwitz wurde für viele schon zum Mythos. b So wichtig es war, daß mit Auschwitz ein Bewußtsein für die Er mordung der Juden geschaffen wurde, so bedrohlich ist die damit verbundene Verallgemeinerung. Die “Auschwitz-Lüge” wurde dadurch erst möglich. Wäre Auschwitz von Anfang an ausschließlich als Ort von konkret feststellbaren und beweisbaren Verbrechen der Nationalsozialisten betrachtet worden, wäre die weite Verbreitung des “Auschwitz-Mythos” schwer denkbar. Symbole müssen beeindrucken. So ist die lange Aufrechterhaltung der Behauptung, im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wären über 4 Millionen Menschen ermordet worden, zu erklären. Der Ort der konkret feststellbaren und beweisbaren Verbrechen ist das Panstwowe Muzeum w Oswiecimiu, das staatliche Museum Auschwitz. Und hier ist ein Widerspruch festzustellen: Es gibt für diese Gedenkstätte erstaunlich wenig Aufmerksamkeit und Hilfe aus dem Ausland, verglichen mit der Fülle an Literatur über das “Prinzip Auschwitz”. Es ist unglaublich, daß diese Diskrepanz bis jetzt kaum bemerkt wurde. Während der letzten zwei Jahrzehnte gab es zwar ausländisches Engagement im Museum, dieses beschränkte sich jedoch vor allem auf die Präsentation der eigenen Unschuld. Die kommunistischen Staaten stellten den heroischen Widerstand dar, 1978 eröffnete die Republik Österreich ihren Pavillon. In der von der Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz gestalteten Ausstellung werden Österreicher ausschließlich als Opfer und Widerstandskämpfer dargestellt. Von der starken Beteiligung am Holocaust findet sich kein Wort. Die verschiedenen an der Finanzierung der Österreich-Ausstellung im Museum beteiligten Stellen kamen nicht auf die Idee, die Gedenkstätte als ganzes finanziell zu unterstützen. Der Ort des Gedenkens wurde benützt, anstatt daß man ihm genützt hätte. Aber die Demokratisierung Polens und die Auflösung des Ostblocks ermöglicht jetzt neue Ansätze im Umgang mit dem konkreten Ort des Verbrechens: Der Museumsführer ergeht sich nicht mehr in allge- meinen Formulierungen, ohne die Juden zu nennen, und das Gelände des Vernichtungslagers Birkenau wird stärker miteinbezogen. Zuletzt wurde es sogar möglich, daß ein Ausländer für ein Jahr im Archiv des Museums mitarbeitet. Nach Auskunft der Direktion der Gedenkstätte ist der österreichische Zivildiener Georg Mayer der erste ausländische Mitarbeiter. Georg Mayer arbeitet seit 1. September 1992 im Rahmen des Projekts Gedenkdienst in der Abteilung von Jan Parcer. Warum hat dieser erste Versuch einer Internationalisierung der Holocaust-Gedenkstätte so lange gedauert? Warum beschränkte sich der nach der Wende gegründete Internationale Rat der Gedenkstätte auf kurze Besuche und kam nicht auf die Idee, konkrete Hilfe zu leisten? Mit Kritik an der Vereinnahmung des Ortes durch Polen hielt man sich in den letzten Jahren zwar nicht mehr zurück, die Möglichkeiten der Erneuerung wurden aber kaum erkannt. Die Republik Polen hat, wie allgemein bekannt, finanzielle Probleme. Auch aus diesem Grund verweigert sich die Direktion des Museums ausländischen Einflüssen nicht mehr. 1990 habe ich in einem Kommentar vorgeschlagen, die Gedenkstätte dem Europarat zu unterstellen. Unter dem Titel Auschwitz “gehört” Europa erschien dieser Kommentar in mehreren Zeitungen und Zeitschriften. Diese Forderung stieß in Polen auf Ablehnung. Das war vor zwei Jahren. Obwohl diesen großen Schritt viele Polen noch immer als Bevor- mundung empfinden würden und empfinden müssen, möchte ich diesen Vorschlag erneuern. Oswiecim ist topographisch ein polnischer Ort. Auschwitz als Synonym für die Shoa, das “Prinzip Auschwitz”, ist an keinen Ort gebunden. Aber für die Gedenkstätte Auschwitz- Birkenau sollten alle europäischen Staaten Verantwortung übernehmen. Kurz nachdem der österreichische Zivildiener als erster ausländischer wissenschaftlicher Mitarbeiter in das Museum kam, wurde es auch einer jungen Deutschen ermöglicht, dort zu helfen. Das österreichische Wissenschaftsministerium hat darüber hinaus meinen Vorschlag akzeptiert, Stipendien für die Archivarbeit in Auschwitz zur Verfügung zu stellen. Warum sollte es bei diesen zwei ausländischen Mitarbeitern bleiben? Dr. Andreas Maislinger, Politikwissenschaftler in Innsbruck, Leiter des Projektes Gedenkdienst und der Braunauer Zeitgeschichte-Tage

Project Details

  • Date 8. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1992

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