Gegen das Vergessen, Bussi – Das schwule Gratismagazin, Mai 1997

Mai 1997

Project Description

Gegen das Vergessen

Ein Jahr Berlin, New York, Warschau oder Paris. Das klingt spannend. Wer seinen Zivildienst noch vor sich hat kann sich den Traum vielleicht erfüllen, für ein Jahr im Ausland zu arbeiten.

Martin Mayr war selbst ein Jahr in Polen. Im Museum von Auschwitz hat er Schulklassen und Gruppen durch die Ausstellung geführt, übersetzt und in der Forschung gearbeitet. Nach seinem Coming Out versucht er nun, auch Schwule vom Auslandsdienst zu überzeugen. Entstanden ist der Verein für Dienste im Ausland auf Initiative des Innsbruckers Andreas Maislinger nach deutschem Vorbild. Wie die Aktion Sühnezeichen sollen bei Gedenk-, Sozial- und Friedensdiensten Österreicher zum einen die braune Vergangenheit Österreichs während der NS-Zeit aufarbeiten, zum anderen tätige Entwicklungshilfe leisten können. Wer sich frühzeitig schlau macht, kann dabei einen interessanten Arbeitsplatz ergattern, der nicht mit einem normalen Zivildienst vergleichbar ist. Für Lesben und Schwule gibt es auf den ersten Blick keine zwingenden Gründe an diesem Projekt teilzunehmen, wurden doch beide Bevölkerungsgruppen von den Nazis verfolgt, eingesperrt und ermordet. Die Tatsache jedoch, daß viele ältere Lesben und Schwule bis in die heutige Zeit verfolgt werden und kaum Schadensersatzansprüche haben, sollte gerade dei Gay Community für das damals geschehene Unrecht sensibi- lisieren. Der Gedenkdienst soll in den Dokumentationsstellen ehemaliger KZs oder bei den Holocaust-Gedenkstätten in Europa oder den USA die Erinnerung an die Greuel der Nationalsozialisten aufrechterhalten. Die Chance für einen Auslandsaufenthalt ist da, aber anders als in einem Reisebüro in dem man sein Last Minute-Angebot aussuchen kann, erarbeiten sich die Interessenten vereinsintern ihre Stelle. Sie stellen selber die Weichen, wohin sie arbeiten gehen wollen. Der Verein liefert die Infrastruktur und Unterstützung. Das Innenministerium segnet die Projekte schließlich ab. Derzeit sind die Grenzen für neue Projekte, die als Zivildienst anerkannt werden, eng gesteckt. Direkt mit dem Holocaust und der Verfolgung durch die Nazis müssen die Projekte etwas zu tun haben. Die großen US-amerikanischen Holocaust-Gedenkstätten haben oft schon eine Abteilung, die sich mit der Verfolgung und Ermordung von Schwulen und Lesben auseinandersetzt – ein hierzulande noch zu wenig erforschtes Gebiet. Diese Dienste werden mit einem minimalen Gehalt unterstützt, ungefähr dem Salär der Zivildiener entsprechend. Aber anders als für reguläre Zivildiener gibt es manchmal noch zusätzliches Geld aus diversen Sponsorentöpfen. Und ein Jahr im Ausland gearbeitet zu haben, macht sich in jedem Bewerbungsschreiben gut. Infos zum Verein für Dienste im Ausland gibt es im Internet unter www.auslandsdienst.at. Dort kann man auch mit Martin Mayr Kontakt aufnehmen.

Project Details

  • Date 25. September 2016
  • Tags Pressearchiv 1999

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