Dialog von Christen und Juden, Die Furche Nr. 7

14.02.1979

Project Description

Die Furche Randbemerkungen eines engagierten Christen

ANDREAS MAISLINGER

Dialog von Christen und Juden

Der Autor ist Student der Politik-, Rechtswissenschaften und Sprachen, Mitarbeiter im Internationalen Rat der Christen und Juden und wohnt in St. Georgen an der Salzach

“Mit tiefstem Kummer müssen wir feststellen, daß in unserer polnischen Diözese, in der keine Spur von Ketzerei und Unglauben zu finden ist, sich allein das verachtungswürdige und gottverhaßte Judentum neben dem Katholizismus in den Städten zu behaupten vermag. Wohl wissen wir,daß man dieses ungläubige Geschlecht in anderen Provinzen des Reichessowie im Auslande duldet, doch bezweckt man hiermit nur die Bekehrung des Restes Israels, gleichwie man um der Pracht der Blume willen den sie tragenden Stengel gedeihen läßt. Es geschieht dies, damit die unter uns lebenden Juden uns an die Leiden Christi des Herrn gemahnen, sowie damit sich in der ihnen als unseren Sklaven beschiedenen Schmach und Not die göttliche Gerechtigkeit kundtue; ferner sollen sie, in der ganzen Welt verstreut, die unfreiwilligen Zeugen des Triumphes jenes Glaubens sein, der ihnen so sehr verhaßt ist.”

Diese Erklärung einer Kirchenversammlung in Plock im Jahre 1733 ist Geschichte. Gleichzeitig jedoch Ausdruck meiner Betroffenheit über dasVerhältnis der Christen zu den Juden. Ohne den völlig neuartigen Charakter des politischen Antisemitismus zu verkennen, ergeben sich für mich dochgerade jetzt vor der Sendung der Serie “Holocaust” Anfang März weitreichende Folgerungen. Der Gleichgültigkeit muß ein Angebot zum Dialog folgen; der unterschwelligen Verachtung durch Judenwitze das Bemühen um Verständnis des Judentums.

Die Forderungen des II. Vatikanums können uns dabei helfen. Unter anderem heißt es in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen: “Da also das Christen und Juden gemeinsame Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtungfördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowiedes brüderlichen Gespräches ist.”

Im weiteren verwirft die Kirche jegliche Form des Antisemitismus, wenn sie erklärt: “Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschenverwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Auftrag der religiösen Liebe des Evangeliums, alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationendes Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zueit und von irgend jemandemgegen die Juden gerichtet haben.”

Soweit die kirchlichen Erklärungen. Als Christen sollten wir sie ernstnehmen.Aufmerksamkeit gegenüber neuen Formen des Antisemitismus und Beschäftigung mit den Gemeinsamkeiten des Judentums ist jedoch nicht ausreichend. Unsere Pflicht ist umfassender: wir müssen eine Einladung um Verständigung aussprechen. Dies könnte in der Form von christlich-jüdischen Gesellschaften geschehen. Solche bestehen in der Bundesrepublik Deutschland in den großen Städten. Sie haben zu neuem Verständnis beigetragen und den Juden das Gefühl der missionarischen Bedrängung genommen.

Nicht das Bestreben der Missionierung darf uns antreiben, sondern das Bemühen um das Verstehen der Gemeinsamkeiten und Unterschiede. DieseAnstrengung soll die Verwirklichung des konziliarischen Auftrages mit derVerdammung des Antisemitismus bringen und zur Liebe, zum echten Dialog und Zusammenarbeit mit gleichen Rechten führen.

Im frühesten Kindesalter wurde uns eine Haltung eingeübt, die uns eine Dialogbereitschaft schwer machte. Dieses Vorverständnis macht auf unserer Seite das Studium des Judentums zur Notwendigkeit. Für einen ersten Kontakt empfehle ich das rowohlt-Taschenbuch “Das Judentum” von LeoTrepp. Er hat es als Jude für Christen geschrieben.

Project Details

  • Date 7. July 2016
  • Tags Pressearchiv 1979 - 1990

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