Burschenschaftern und Deutschnationalen ist mit Argumenten besser beizukommen als mit Kriminalisierung Überzeugen statt niederbüllen, südtirol profil, 31.10.1994

31.10.1994

Project Description

Andreas Maislinger

Burschenschaftern und Deutschnationalen ist mit Argumenten besser beizukommen als mit Kriminalisierung

Überzeugen statt niederbüllen

Der Organisator der Demonstration gegen den “Gesamttiroler Freiheitskommers” der Burschenschaften in Innsbruck am 22. Oktober nimmt für sich in Anspruch, einen Sieg errungen zu haben. Als Gründe nennt er vor allem, daß er es den Burschenschaften unmöglich gemacht hat, den öffentlichen Raum zu nützen, und vor allem ÖVP-Politiker wegen seiner Aktion deutlicher auf Distanz zu den Deutschnationalen gegangen sind. Dazu ist festzuhalten, daß beide Behauptungen zu relativieren sind, da am vergangenen Samstag auch die nichtdemonstrierenden Innsbrucker mit wenigen Ausnahmen die Innenstadt aus Angst gemieden haben, sie also auch den “öffentlichen Raum” nicht nützen konnten oder aus Vorsicht nicht nützen wollten, und weil der ehemalige ÖVP-Abgeordnete Felix Ermarcora trotz vorheriger Absage dann doch als Redner beim Festkommers aufgetreten ist. Grund genug, um endlich über diese Form von Großdemonstrationen mit Megaphonen und Polizeiaufgebot nachzudenken.

Gespräche mit Demonstranten haben gezeigt, daß (mit wenigen Ausnahmen) diese Form des öffentlichen Protestes als einzige Möglichkeit gesehen wird, auf den Rechtsextremismus der Burschenschaften aufmerksam zu machen und ihn zu verhindern. Diesem Denken entsprechend, gibt es nur die Alternative zwischen stiller Akzeptanz und lautem Protest, zwischen ignorieren und demonstrieren. Meist endeten die Gespräche nach meiner Frage, ob ein Megaphon tatsächlich das richtige Mittel sei, um die Innsbrucker über die Burschenschafter aufzuklären. Schnell wurde ich wegen dieser Fragen immer wieder als Anhänger Jörg Haiders bezeichnet, und das Gespräch wurde abgebrochen. “Mit dem hat es doch keinen Sinn zu reden!” Auch mein Hinweis auf den von mir nach über zehn Jahren durchgesetzten Gedenkdienst in Holocaust-Gedenkstätten konnte an der strikten Ablehnung nichts ändern. Viele Demonstranten schienen der Meinung zu sein, wer ihre Mittel nicht akzeptiere, sei gegen sie – und damit für die anderen. Ein Denken, das dem von Sektenmitgliedern nicht unähnlich ist.

Hinter dieser Verweigerung des Gespräches steckt ein Menschenbild, das nicht an die Lernfähigkeit glaubt. Einmal Nazi, immer Nazi. “Aus Wölfen werden keine Lämmer” stand auf einem der Transparente. Bei der FPÖ heißt das “Lebenslang muß lebenslang bleiben!” Es gibt keine Chance für Resozialisierung. Einige laute Schreier gingen noch ein Stück weiter und erklärten den Nationalsozialismus zu einer Krankheit. “Nieder mit der Nazipest!” Da der “Vorschreier” dieses dummen Spruches in einem Kleinbus saß, konnte ich ihn nicht darauf aufmerksam machen, wie sehr er sich dem biologistischen Gedankengut der Nationalsozialisten ange- nähert hatte. Jetzt fehlte nur noch, den Gegnern das Menschsein abzusprechen, um sie ausgrenzen und vernichten zu können. Die ebenfalls lautstark vorgetragene Forderung “Wir wollen keine Nazischweine!” kam dem sehr nahe.

Einmal abgesehen davon, daß diese Gegendemonstration auch vermummten gewaltbereiten “Autonomen”, österreichischen Altstalinisten und italienischen Neofaschisten ein Forum bot und der Innsbrucker Burschenschaft “Brixia” eine Bedeutung beimaß, die ihr schon von der Größe her nicht zukommt, haben die letzten Tage gezeigt, daß sich diese Form des Antifaschismus überlebt hat udn den Herausforderungen der 90er Jahre nicht gerecht wird. Bei einer nüchternen Betrachtung muß man zur Erkenntnis kommen, daß der Nutzen dieser Großveranstaltung gering, der Schaden jedoch relativ groß ist. Und kein einziger Burschenschafter ist deshalb abgesprungen oder hat auch nur in Ansätzen angefangen umzudenken. Im Gegenteil, die Ereignisse haben zu einer Verhärtung der Positionen geführt.

Wer in Ruhe überlegt, kann höchstens zum Ergebnis kommen, daß es nur die von den Gegendemonstranten belächelte oder völlig abgelehnte Möglichkeit des Gespräches gibt. Konsequent weitergedacht, bleibt nämlich nach der erfolglosen Demonstration für die Gegner der deutschnationalen schlagenden Burschenschafter nur die Alternative, sie alle einzusperren oder zu vesuchen, sie zu überzeugen: internieren oder diskutieren, da sie zu ignorieren indiskutabel ist und gegen sie zu demonstrieren offensichtlich nicht zielführernd. Die immer wieder geäußerte Forderung “Nazis raus!” ist keine Antwort, denn keiner der Rufer sagt uns, wohin wir sie bringen sollen. Vielleicht auf die Osterinseln? Oder nach Madagaskar? Wohl oder übel werden wir weiter mit diesen anders (und vielfach äußerst gefährlich) denkenden Menschen leben müssen. Dies gilt auch für den (österreichischen Gerichten sei Dank) zu elf Jahren Haft verurteilten Neonazi Gottfried Küssel. Auch bei ihm müssen wir die Hoffnung beibehalten, daß er der Resozialisierung zugänglich ist und seinen politischen Irrtum einsieht. Wer darauf nicht seine Hoffnung setzt, müßte ihn, logisch zu Ende gedacht, lebenslänglich einsperren oder auf eine Insel verbannen.

Natürlich gibt es für die Gespräche mit Rechtsradikalen und Rechtsextremisten keine Erfolgsgarantie. Eine am Dienstag vor dem “Freiheitskommers” im ZDF ausgestrahlte Dokumentation über die mühsame Sozialarbeit mit Ostberliner Neonazis hat dies bestätigt. Es wäre auch ein Wunder, wenn ein überzeugter Nationalsozialist nach einer Woche oder sogar bereits nach einem Gespräch “bekehrt” weggehen würde. Eine gewisse Nachdenklichkeit über die eigene Dummheit war den in der Dokumentation gezeigten Jugendlichen jedoch anzumerken. Es liegt jetzt an uns, diese Erfahrungen zu vergleichen und Sozialarbeiter zu ermutigen, weiter mit diesen rechtsradikalen Jugendlichen zu arbeiten. Meist bleibt jedoch nicht nur die Ermutigung aus, sondern diese Sozialarbeiter setzen sich immer wieder der Gefahr aus, als Unterstützer der “Faschos” diffamiert zu werden. Ähnlich ist es mir in den letzten Jahren in Österreich ergangen. Ich habe immer wieder versucht, mit verschiedenen rechten und rechtsextremen Personen und Organisationen ins Gespräch zu kommen. Im neuen Buch von Wolfgang Purtscheller wird mir wegen eines Gespräches mti den “Brixen” ein Naheverhältnis zum Rechtsextremismus unterstellt. Das ist Unsinn. Aber jenen, die Gespräche mit einem politischen Gegner ablehnen, ist jedes Mittel recht, diese zu diffamieren.

Da ein Ergebnis dieser Gesprächsverweigerung jedoch eine weitere Radikalisierung der “rechten Szene” ist, werde ich die Angriffe von Purtscheller und dem Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes in Kauf nehmen müssen. Selbst unter der Gefahr, im nächsten “Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus” aufzuscheinen, werde ich mit Franz Watschinger und anderen Burschenschaftern über Antisemitismus udn ihr Verhältnis zum Judentum diskutieren. Ohne Illusionen erzeugen zu wollen, habe ich von Watschinger und den anderen “Brixen” den Eindruck gewonnen, daß sie Argumenten zugänglich sind.

Andreas Maislinger lebt in Innsbruck und ist Politikwissenschafter und Publizist (regelmäßige Kommentare in der Innsbrucker Zeitung “tip” und der Basler “Jüdischen Rundschau”) sowie Leiter des Projektes Gedenkdienst und der Braunauer Zeitgeschichte-Tage.

Project Details

  • Date 24. August 2016
  • Tags Pressearchiv 1994

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