An die
Österreichische
Botschaft
6a Avenida
20-25 Zona 10, Edif. Plaza Marítima
Guatemala
City
österreichischer
Sozialdiener an der
Casa Hogar estudiantil ASOL
10a Calle 2-25 Santa Rosita, Zona 16, Guatemala City
Berichtszeitraum:
1. Oktober 2001 – 31. Januar 2002
Dienstantritt:
1. Oktober 2001
Dienstende:
30. November 2002
Trägerorganisation:
Verein für Dienste im Ausland nach § 12b
Zivildienstgesetz
Mein
Aufgabenbereich als Zivildiener in der Casa
Hogar estudiantil ASOL gestaltet
sich sehr umfangreich und ist mit großer Verantwortung verbunden. Auf den
folgenden Seiten werde ich versuchen, die vielfältigen Aufgaben in folgende,
mit dem Vertrag und der Stellenbeschreibung übereinstimmende, Punkte zu
unterteilen.
1. Lernhilfe und schulische
Begleitung
Schon das von der Präsidentin Brigitte Klisch-Mueller aufgestellte Motto: "Bildung als Hilfe
zur Selbsthilfe", stellt diesen Punkt in den Vordergrund. Meine zentrale
Aufgabe ist es daher, den Kindern bestmöglich bei schulischen Problemen zu
helfen. Um das zu können, verbringe ich viel Zeit mit den Kindern, um jedem
einzelnen bei seinen täglichen Hausübungen zu helfen und diese zu
kontrollieren. Durch den oftmals späten Schuleinstieg und die Tatsache, dass
für fast alle Kinder Spanisch nur die Zweitsprache ist, ist der Bedarf an
individueller Nachhilfe groß. Daher habe ich in Zusammenarbeit mit meinem
Kollegen Ewald Natter in den Ferien von November bis Anfang Januar sogenannte "Intensivwochen" eingerichtet, in
denen die Kinder von uns in Englisch, Mathematik, Spanisch und
Naturwissenschaften unterrichtet wurden. Um das durch die "Intensivwochen"
gewonnene Wissen zu erhalten, sehe ich es als meine Aufgabe, fixe Lernzeiten
einzurichten. Zusätzlich biete ich Hilfe beim Erlernen des - im
Internetzeitalter ungemein hilfreichen - Maschinschreibens an.
Um die
Wirksamkeit meiner Arbeit mit den Kindern zu eruieren, bin ich in regem Kontakt
mit Schulen und Lehrern der Kinder. Zu diesem Zweck besuche ich
Informationsabende, Elternsprechtage und Sprechstunden. Als besonders wichtig
erachte ich das Anlegen von Akten über jedes Kind. Diese aufwendige Arbeit
ermöglicht, eine ungemein hilfreiche Übersicht über die Laufbahn jedes
einzelnen Kindes zu erlangen und bei einem etwaigen Leistungsabfall sofort
einzugreifen. Durch diese Maßnahme funktioniert der Kontakt zu den Eltern, der
durch die Tatsache, dass selbige ihre Kinder für Monate nicht sehen,
außerordentlich wichtig ist, viel besser und beide Seiten sind zufrieden.
Ein
weiterer Tätigkeitsbereich hat sich durch den Schulanfang ergeben. Viele der
Kinder benötigten neue Uniformen und zahlreiche Materialien. Meine Aufgabe
dabei war die Koordination und Ausführung des Einkaufs, sowie die Kontrolle
über die benötigten Geldmittel.
2. Soziale Betreuung
Dieser
Punkt ist mir enorm wichtig. Er ergibt sich durch das täglich Zusammenleben mit
den Kindern quasi von selbst. Das physische und psychische Wohlbefinden und die
Entwicklung eines Bewusstseins über den eigenen Körper und Geist stehen dabei
im Vordergrund. Zu diesem Zweck organisiere ich regelmäßige
Gesundheitskontrollen bei einem uns freundlich gesinnten Arzt und bringe die
Kinder bei Beschwerden persönlich zu ihm.
Um Krankheiten präventiv entgegenzuwirken, überprüfe ich die
Körperhygiene der Kinder und die Sauberhaltung ihrer Zimmer. Ich versuche, den
Kindern klarzumachen, wie wichtig das regelmäßige Duschen, Zähneputzen und das
Wechseln der Kleidung ist. Im Bedarfsfall organisiere ich auch die Beschaffung
neuer Kleidungsstücke.
Um das
Reinlichkeitsbewusstsein der Kinder zu fördern, habe ich einen Putzplan mit
verschiedenen Reinigungstätigkeiten in unserem Haus gestaltet und sehe mich
verantwortlich, auf dessen Einhaltung zu achten. Um einen kleinen Beitrag zur
Vorbereitung auf das selbstständige Leben zu leisten, mache ich
Aufklärungsabende mit den verschiedenen Altersstufen. Bei persönlichen
Problemen stehe ich natürlich immer gerne als Gesprächspartner zur Verfügung
und bin oft schon sehr überrascht und berührt worden vom Vertrauen der Kinder
in mich.
3. Freizeitgestaltung
Zu einer
erfüllten Kindheit gehört natürlich auch das Spielen und der Spaß. Um das zu
ermöglichen, engagiere ich mich sehr, ein möglichst breit gefächertes
Freizeitprogramm zu schaffen. Dazu gehört die hauseigene "Spielothek", die diverse Brettspiele und Puzzles
beinhaltet. Um den Verschleiß so niedrig wie möglich zu halten, führen meine
Kollegen und ich ein eigenes Buch zur Kontrolle, durch das wir auch die
Interessen der Kinder besser verfolgen können. Ein weiteres Freizeitangebot ist
die durchaus vielfältige Bibliothek, die sowohl Bücher in Spanisch, Englisch
als auch in Deutsch enthält. Das Vorhandensein mehrer Musikinstrumente
ermöglicht es uns, die musikalische Ader der Kinder zu fördern. Daher
organisiere ich auch mit Hilfe meiner Kollegen das sogenannte
"Café Literario", bei dem die Kinder
singen, tanzen und selbstgeschriebene Gedichte
vortragen können.
Um den
Kindern die Möglichkeit zu bieten, ihren Bewegungsdrang auszuleben, gehe ich
mit ihnen regelmäßig in das nahegelegene Instituto Austriaco Guatemalteco, wo sie die weitläufige Sportanlage inklusive
Schwimmbecken nutzen können. Ein weiteres großes Anliegen ist es, den Kindern
ein gewisses kulturelles Verständnis zu vermitteln. Daher organisiere ich
Museum-, Theater- und Kinobesuche. Damit sie auch an der guatemaltekischen
Kultur teilhaben können, besuche ich oft lokale Feste mit ihnen.
Als
besonders wichtig erscheinen mir weiters unsere Bemühungen, Ausflüge in weiter entferntere Gebiete zu organisieren. Dazu gehört zum
Beispiel das sogenannte "Tortugario",
in dem Meeresschildkröten geschützt werden. Weiter Ausflüge sind geplant, so
zum Beispiel an den Rio Dulce, wo die Kinder die
Möglichkeit erhalten werden, einen Naturpark zu besichtigen.
4. Verwaltung und aktive Betreuung
der Casa
Durch den
äußerst bedauernswerten Umstand, dass unsere Präsidentin Brigitte Klisch-Mueller durch einen Krankheitsfall ihres Mannes
Fritz zurück nach Österreich musste, ergaben sich weitreichende Aufgaben im
Bereich der Verwaltung der Casa Hogar. Um einen
bestmöglichen Austausch von Informationen unter den Mitgliedern der Leitung zu
gewährleisten, werden jede Woche Teambesprechungen mit allen Verantwortlichen
organisiert. Bei diesen Besprechungen wird über abgeschlossene Arbeiten, über
etwaige Probleme mit Kindern und über die Pläne für die nahe Zukunft
gesprochen. Unsere Aufgabe ist es auch, einen genauen Arbeitsplan der
Zivildiener und allen anderen Arbeitnehmern aufzustellen und auf dessen
Einhaltung zu achten.
Eine
ungemein wichtige Aufgabe ist die Verwaltung der Geldmittel in der Heimkassa.
Daher wird von meinen Kollegen und mir auch genauestens über jede Ausgabe Buch
geführt. Monatlich wird eine exakte Abrechnung an die Präsidentin geschickt, um
den Geldfluss für unsere Spender zu dokumentieren. In diesem Zusammenhang ist
es nun auch unsere Aufgabe, uns nach möglichen neuen Spendern umzusehen, was
ein kompetentes Auftreten erfordert.
Als neuer
Arbeitsbereich ist uns auch die Abwicklung von Reparaturarbeiten zugefallen. So
habe ich mich um Kostenvoranschläge betreffend Reparatur des undichten Dachs
gekümmert. Weiters steht die Reparatur der defekten Wasserpumpen unserer
hauseigenen Brunnen an. Die Kontrolle über den Wasserverbrauch obliegt auch der
Verantwortung der Zivildiener. Eine weitere Reparaturarbeit, an der ich aktiv
mitgewirkt habe, ist der Bau einer Zufahrtsstraße, die den großen Wassermengen
der jährlichen Regenzeit standhalten soll.
Ein - wenn
nicht der wichtigste - Punkt der Öffentlichkeitsarbeit der Casa Hogar ist die Erstellung einer Homepage, bei der ich die
Übersetzung ins Spanische übernommen habe. Mit diesem Projekt erhoffen wir uns
neue Spender und einen größeren Bekanntheitsgrad, der unsere Arbeit in vielen
Fällen erleichtern würde.
Über all
meine Tätigkeiten führe ich genauestens Bericht. In wöchentlichen Aussendungen
informiere ich meine Arbeitgeber über die Vorgänge in der Casa Hogar.
Da meine Tätigkeiten zum Teil auch mit viel Spaß verbunden
sind, kann ich nicht genau sagen, was sich genau als Arbeit definieren lässt
und was nicht. Gemäß meiner Erfahrung gibt es aber immer etwas zu tun, solange
man sich in der Casa Hogar befindet und daher bin ich
mir sicher, dass sich meine Arbeitszeit auf weit mehr als 40 Stunden pro Woche
beläuft.
Zum
Abschluss möchte ich noch ein wenig meine persönlichen Eindrücke schildern. Man könnte meinen, dass
es schwer fällt, seine Familie und seine Freunde für 14 Monate zu verlassen.
Wenn ich jemals Gefühle solcher Art hatte, dann sind sie innerhalb der ersten
Tage hier in der Casa Hogar verflogen. Ich habe hier
meine Familie nicht für mehr als ein Jahr verloren, nein, im Gegenteil, ich habe
hier eine zweite Familie gefunden. Ich kann nicht sagen, vom wem ich mehr
profitieren könnte als von diesen Kindern, die mir jeden Tag aufs neue die
Augen öffnen. Ich, als Neunzehnjähriger, hätte nie gedacht, wie unheimlich viel
es mir gibt, wenn mich diese Kinder oft als Vater und Mutter, oft als Freund
und Spielgefährten ansehen. Ich habe sie alle tief in mein Herz geschlossen und
will ihnen daher möglichst viel von mir mitgeben. Das Verständnis von ethischen
Werten, vom Umgang mit ihren Mitmenschen und den Respekt selbiger. Ich habe mir
fest vorgenommen, die Kinder in der Zeit, in der ich hier bin, so gut wie
möglich auf das Leben vorzubereiten. Ein Leben in einer Welt, in der sie, die
Nachkommen der Mayas, ungerecht behandelt werden und auch zu Zeiten des
Friedens immer noch unter der Repression der Oberschicht, der sogenannten Ladinos, leiden!
Manuel Melzer