An die

Österreichische Botschaft

6a Avenida 20-25 Zona 10, Edif. Plaza Marítima

Guatemala City

 

 

mit der Bitte um Weiterleitung an das Bundesministerium für Inneres:

 

 

Tätigkeitsbericht von Ewald Natter

österreichischer Sozialdiener an der 

Casa Hogar estudiantil ASOL

10a Calle 2-25 Santa Rosita, Zona 16, Guatemala City

 

Berichtszeitraum: 1. August – 30. November 2001

 

Dienstantritt: 1. August 2001

Dienstende: 30. September 2001

Trägerorganisation: Verein für Dienste im Ausland nach § 12b Zivildienstgesetz


Laut Vertrag und Stellenbeschreibung fallen mir als Sozialdiener an der Casa Hogar estudiantil ASOL folgende Tätigkeiten zu:

·         Lernhilfe für die Kinder

·         Freizeitgestaltung

·         Aufbau eines Computerraumes und Abhalten von Computerkursen

Auf den folgenden Seiten werde ich nun auf die einzelnen Tätigkeitsbereiche näher eingehen und die vergangenen vier Monate zusammenfassend schildern, wie sich mein Wirkungs­bereich gestaltet hat.

 

Lernhilfe für die Kinder

Vor allem dadurch, dass die Casa Hogar seit letztem Schuljahr fünf "neue" Kinder (aus Joyabaj, Quiche) betreut, ergibt sich in der Funktion als Nachhilfelehrer enormes Tätigkeitspotential. Das erste Schuljahr ist bekanntlich das schwerste, deshalb muss ihnen schulisch unterstützend unter die Arme gegriffen werden, was sich auf fast alle Fächer ausdehnt. Meine Bemühungen indes waren, Erklärungen zu geben, wo der Schulstoff auf Unverständnis gestoßen ist, Vokabeln abzufragen, Hausaufgaben zu kontrollieren, zusätzliche Übungsaufgaben zusammenzustellen und – ganz wichtig – dabei ständig die Motivation aufrecht zu erhalten. Die Bemühungen tragen Früchte, schließlich ist vorhandener Lernwille Bedingung für die Aufnahme und die Kinder begreifen schnell, bekommen sie die richtigen Erklärungen. Leider besteht der Lehrinhalt an ihrer Schule des öfteren aus purem Auswendiglernen, was bei logischen Fächern nicht wirklich zielführend ist. Wo der Lehrplan des guatemaltekischen Schulsystems jedoch versagt, versuche ich, mit europäischem Wissen auszugleichen.

Seit Ferienbeginn (Ende Oktober) hat sich das Tätigkeitsfeld in diesem Bereich nun etwas verändert. In den zwei schulfreien Monaten sind 7 Wochen Unterricht nach fixem Stundenplan in der Casa Hogar vorgesehen. Einerseits, um den Schwächeren eine Chance zur Aufholung zu geben. Andererseits, um den drei Neuaufnahmen dieses Jahres eine Basisvorbereitung zu geben, damit ihnen der Einstieg mit Beginn des kommenden Schuljahres leichter fällt. So  unterrichte ich jetzt mehrere Stunden täglich Mathematik und Geographie/Biologie, verteile Hausübungen, korrigiere Diktate, bereite meinen Unterricht vor und beobachte ihr Lernverhalten, ihre Konzentrationsfähigkeit, versuche, ihre Schwächen herauszufinden um meinen Unterricht noch gezielter gestalten zu können.


Freizeitgestaltung

Da wir Zivildiener die einzigen Aufsichtspersonen für die Kinder sind und diese natürlich nicht die ganze Zeit in der Schule verbringen, kommt diesem Bereich ebenfalls große Bedeutung zu. Kinder im Hauptschulalter wollen und ergo dessen MÜSSEN ständig beschäftigt sein/werden und es ist uns ein besonderes Anliegen, dass sie ihre Freizeit sinnvoll nützen. Regelmäßig verplanen wir deshalb freie Nachmittage, Abende und Wochenenden. So gebe ich  Schwimmunterricht, organisiere kostenlose Theater- und Museumseintritte, organisiere Spielabende, gebe Klavierunterricht und richte gerade eine kleine Bücherei ein. Es gibt weder einen Fernseher noch haben wir Computer in der Casa Hogar.


So es sich bei der Casa Hogar um ein Kinderinternat handelt, in dem sowohl Betreuer als auch Kinder einen 24-Stunden-Tag verbringen, bestehen meine alltäglichen Aufgaben auch und vor allem darin, einen geregelten Tagesablauf zu gewährleisten. Ich trage dafür Sorge, dass dreimal am Tag gemeinsam zu Tisch gegessen wird, dass die Kinder rechtzeitig aufstehen und zu Bett gehen - und dass jeder seine ihm zugeteilten Aufgaben erledigt. Dazu werden zum Beispiel von mir Putzpläne aufgestellt sowie Aufräumarbeiten angeordnet, deren Einhaltung natürlich auch ständig überprüft werden muss, schließlich muss jeder seinen Teil dazu beitragen, damit die Casa ein angenehmer Ort zum Leben und Lernen ist und bleibt.

Da ich Kinder unterschiedlichsten Alters, unterschiedlichster Herkunft und mit unterschied­lich­sten Interessen betreue, ist es ganz natürlich, dass es manchmal Auseinandersetzungen und Konfrontationen zwischen verschiedenen Meinungen, Auffassungen oder Grundsätze gibt. In solchen Fällen trete ich als Streitschlichter, Aufklärer und Zuredner auf, wobei es meistens gilt, kühlen Kopf zu bewahren, Kompromisse zu finden und Geduld zu bewahren. Es ist oft nicht einfach, das menschliche Zusammenleben im Gleichgewicht zu halten. Wir Betreuer bilden hierin aber die neutrale Partei, Anlaufstelle bei Problemen und oberste Instanz bei Entscheidungen.

 

Selbstverständlich lässt sich bei einem 24-Stunden-Job wie diesem - und was die Freizeit der Kinder angeht - nicht genau differenzieren, was sich für meinen Teil als "Arbeit" definieren lässt und was nicht. Gemäß meiner Erfahrung, wonach es immer etwa zu tun gibt, solange man sich in den Mauern das Casa Hogar aufhält, beläuft sich jedoch mein Einsatz für die Kinder des Projekts bestimmt auf weit mehr als 40 Stunden pro Woche. Man kommt her, man lebt mit ihnen, man isst mit ihnen, man schläft bei ihnen - und es dauert nicht lange und man begreift: Die Casa Hogar ist nicht dein Job. Sie ist dein Leben.

Aufbau eines Computerraumes und Abhaltung von Kursen

Wie ich bereits erwähnt habe, verfügt die Casa Hogar weder über Computer noch über einen eigenen Anschluss ans Internet, was jedoch für Unterrichtszwecke überaus nützlich wäre, sollen die Kinder den modernen Umgang mit Information erlernen - was auch in Guatemala langsam aber sicher zur Voraussetzung für ein erfolgreiches Berufsleben werden wird. Da ich über eine entsprechende Ausbildung verfüge und einiges an Wissen diesbezüglich nach Zentralamerika mitgebracht habe, bin ich für diesen Bereich ins Auge gefasst worden. Die Anforderungen sehen so aus, dass in den vorhandenen Räumlichkeiten ein kleiner EDV-Raum aufgebaut werden sollte, möglichst ohne dem Projekt zusätzliche Kosten zu verursachen.


Ich habe diesbezüglich Kontakt mit meiner alten Schule in Vorarlberg aufgenommen, die bereit war, uns zwei Geräte plus Zubehör zu überlassen, sollten wir das Problem mit dem Transport lösen können. Eine für Anfang Dezember vorgesehene Containerfracht für die Österreichische Schule kam mir da gerade richtig und so werden die Geräte inklusive eines modernen Druckers (Dank meiner Eltern) Ende Januar oder etwas später bei uns einlangen – ohne Kosten für die Casa Hogar. Zusätzlich besteht die Chance, dass wir ein paar alte und ausgemusterte Geräte des IAG erhalten werden. Dies wird aber weitere Bemühungen meinerseits erfordern.

Sollte alles glatt gehen, so werde ich spätestens im Februar 2002 beginnen können, unseren eigenen EDV-Raum (Netzwerk) einzurichten um entsprechendes Wissen an die Kinder weitervermitteln zu können. Natürlich werden bis dahin auch meine Bemühungen weiterlaufen, eine günstige Internetanbindung zu erlangen damit wir in Zukunft diesen Bereich der Unterrichtspalette ebenfalls abdecken können.

In diesem Zusammenhang steht auch das Vorhaben für die Erstellung einer Homepage für die Casa Hogar. Die Vorbereitungen dazu haben bereits begonnen (digitalisierte Fotos, Konzept für Inhalt). Es ist dies für die Zukunft des Projekts sicher sehr wichtig, da auf diese Weise noch mehr Leute erreicht werden können. Vielleicht wird es uns dadurch gelingen, in Zukunft das Geld für Schule, Kleidung und Nahrung durch noch mehr Patenschaften aufbringen zu können. Gleichzeitig könnten Paten, Spender und Unterstützer noch besser und schneller über den Lauf der Dinge informiert werden.

 

Sonstige Tätigkeiten und Aufgaben


Schlussendlich ergaben sich noch eine Reihe weiterer Beschäftigungen, Dienste und Arbeiten, die weder im Vertrag mit dem Verein für Dienste im Ausland festgesetzt wurden noch anderswie vorhersehbar gewesen wären.


Dadurch, dass Brigitte Müller-Klisch (Präsidentin von ASOL) und ihr Mann Fritz bis vor kurzem eine sehr engagierte Projektleitung bildeten und sich vieler Dinge in Zusammenhang mit der Casa Hogar angenommen haben, so bin ich umso mehr unglücklich darüber, dass beide aufgrund gesundheitlicher Probleme von Fritz Klisch nach Österreich zurückkehren mussten. Nicht nur, dass ihr gezeigter Einsatz und Aufwand ihresgleichen (wahrscheinlich vergeblich) suchen wird – für mich als Zivildiener hat sich das Aufgabenfeld dadurch noch weiter ausgedehnt: Reparaturen müssen wir nun selber durchführen bzw. uns um die Durchführung kümmern, indem wir begutachten, Kostenvoranschläge einholen und dann entscheiden. Ebenfalls versuche ich mit Hilfe meiner Kollegen, Spender und Unterstützer hier in Guatemala zu finden, schließlich kommen Geldspenden bisher fast ausschließlich aus Österreich. So ist es uns bereits gelungen, eine Patenschaft für eines unserer Kinder zu "verkaufen". Weiters habe ich einen Teil der Buchhaltung übernommen, um die sich zuvor ebenfalls Fritz Klisch gekümmert hat.

 

Auch körperlicher Einsatz ist manchmal vonnöten. So haben wir zum Beispiel kürzlich die Zufahrtsstraße zur Casa Hogar neu befestigen müssen, damit sie die nächste Regenzeit überstehen wird – und dazu in mühevoller Weise passende Steine aus einem naheliegenden Bach geschleppt. Es wurden Bretter geschliffen und lackiert, um neue Küchen- und Bücherregale (für die Bücherei) zu bekommen.

 

Weiteres habe ich einen "Tag der offenen Tür" mitorganisiert und ein Café Literario mitveranstaltet. Bei Letzterem handelt es sich um einen Auftrittsabend, an dem jedes der Kinder alleine oder in einer Gruppe vor eingeladenem Publikum (hauptsächlich Freunde und Bekannte) ein Gedicht, ein Lied oder etwa einen Tanz präsentiert. Solche Talentproben sind mir oftmals Beweis dafür, dass Zeit und Unterricht in der Casa Hogar Früchte tragen und die Kinder alle das Zeug haben, aus sich herauszuwachsen. Der Applaus des Publikums hat mir rechtgegeben.

 

Ende des Berichts