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Noodnik - Informationsblatt der Vereinigung jüdischer
Hochschüler in Österreich Heft 4 - Juni 1986 |
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AUSCHWITZ Gedenkfahrt der "Gesellschaft für politische Aufklärung" Wer sich, in welcher Form auch immer, mit dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich befaßt, stößt nicht nur in Zusammenhang mit der Bundespräsidentenwahl wiederholt auf den Hinweis, man solle die Vergangenheit doch endlich ruhen lassen. Informationsmaterial gibt es ja auch tatsächlich zu Genüge. Kann es also einen Grund geben nach Auschwitz zu fahren? Müssen wir uns noch genauer anschauen, wie viel erfinderische Energie Menschen darauf verwenden, andere Menschen zu Tode zu quälen? Zum dritten Mal bot die Gesellschaft für politische Aufklärung in der Karwoche dieses Jahres eine Fahrt nach Auschwitz an. Andreas Maislinger und Reinhold Gärtner haben durch ihre Gestaltung dieser Fahrt bewiesen, daß Information über Naziverbrechen nicht bei moralischen Entsetzen, dem hilflosen "Nie mehr wieder!" und der vagen Aufforderung zu Toleranz und Zivilcourage stehenbleiben muß. Wer kritisches, demokratisches Denken, Solidarität mit Benachteiligten und Toleranz gegenüber andersdenkenden oder andersartigen Menschen als sichersten Schutz gegen Diktatur und Machtmißbrauch empfiehlt, übersieht dabei leider oft, daß es sich hier um Verhaltensweisen handelt, die erlernt und geübt werden müssen. Politische Bildung kann daher nicht auf Aufklärung über politische Zusammenhänge beschränkt bleiben, sondern muß die Verbindung zwischen privatem Alltag und politischem Handeln vermitteln. Die Frage nach den Grenzen der eigenen Toleranz, die angesichts von Auschwitz ein besonderes Gewicht erhält, dürfte sich in dieser Woche wohl jeder Teilnehmer einmal gestellt haben. Sicher haben aber auch viele erlebt, wie sich solche Grenzen durch Zuhören und Nachfragen, wenn schon nicht aufheben, so doch wenigstens ein Stück öffnen lassen. Ich möchte hier nicht ein weiteres Mal das Entsetzen beschreiben, das die Begegnung mit Auschwitz auch heute noch auslöst. Wichtiger scheint mir die Erfahrung, daß nur die gemeinsam erlebte Fassungslosigkeit vor dem Abstumpfen angesichts des Schrecklichen schützt. Das haben die Organisatoren offensichtlich schon bei der Vorbereitung ihrer Fahrt berücksichtigt und ein Klima geschaffen, daß es jedem ermöglichte, sein Entsetzen und seine Betroffenheit auf diesem größten Friedhof der Welt ohne Scham zu erleben. Zwei ehemalige KZ-Häftlinge begleiteten uns, und auch sie halfen den nicht direkt Beteiligten, zu persönlicher Betroffenheit zu finden. Geschützt durchdieAnteilnahme der Jüngeren, traten sie ihrem Auschwitzerlebnis zum ersten Mal nach mehr als vierzig Jahren gegenüber. In den Erzählungen derer, die damals noch Kinder waren und zum Teil erst jetzt über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Dritten Reich sprachen, gewann der Begriff "unbewältigte Vergangenheit" konkrete Konturen. Die abschließende Gedenkfeier am Mahnmal von Birkenau war auch eine symbolische Geste - und gerade deshalb wichtig: es ist nicht das gleiche, ob man die Gedenkstätte besichtigt oder ob man zusätzlich noch am Mahnmal gemeinsam mit anderen Blumen niederlegt. Auch wenn das Leben nachher wieder "normal"weitergeht, es hat sich etwas verändert - für manchen vielleicht nur ganz wenig - aber anders ist es: durch den rituellen Akt hat man sich einmal zu der Tradition der Opfer und des Widerstandes bekannt. Ich denke, daß ein solches Bekenntnis nicht ohne Konsequenzen für die Zukunft bleibt.Wer sich in einer Krisensituation dann doch entscheidet, wieder zu dulden und zu schweigen, wird gezwungen sein, das ein Stück bewußter zu tun, nach dem er hier gesehen hat, wohin die schweigende Duldung von Terror und Gewalt führen kann. Godele von der Decken, Graz |