Wien
12/1999
Die Interessenten
des Vereins für Dienste im Ausland trafen sich dieses Jahr
in ausgesuchten Lokalitäten des achtzehnten Wiener Gemeindebezirks
– im Café Gentz und dem Kolpinghaus –, um dem spätherbstlichen
Organisations- und Orientierungsseminar beizuwohnen, dessen Ziel
es war, die vereinsinterne Zusammenarbeit neu und abschließend
zu gestalten und die Auswahl von Kandidaten zu treffen.
Freitag
abend und plangemäß um 19 Uhr begann das Seminar in den
heimeligen Gefilden des Café Gentz, unweit des Kolping-Hauses.
Die Organisatoren des Seminars - Ingo Derschmidt, Mario Böhm
und Clemens Hlauschek - eröffneten die Veranstaltung mit der
Vorstellung des Programms und der anwesenden Referenten; sie überprüften
die Anwesenheit der Interessenten und konnten dann zur Freude vieler
von uns bekannt geben, dass der Verein nunmehr die größte
österreichische Trägerorganisation von Auslandsdiensten
geworden ist – mit zwölf Gedenk-, sieben Sozial-, zwei Friedensdienststellen
und bereits 32 Personen im Ausland. Nach Vorstellung des 4-Phasen-Programms
("Leitfaden"), der nunmehr nach rein linguistischen Merkmalen ausgerichteten
Organisation der Ansprechpartner, der Infrastrukturpauschale (vormals
"Homepage-Beitrag") und des Stufenschemas (Interessent – Kandidat
– ausgewählter Kandidat), wurde den Anwesenden schließlich
die Möglichkeit gegeben, sich auf informeller Basis mit den
anderen bekannt zu machen – und in engagierter Stimmung wurden Namen
genannt, Hände geschüttelt, Unklarheiten ausgeräumt;
es setzte eine Wanderung ein, von einem Ansprechpartner zum nächsten,
und in gelöster Stimmung klang dieser späte Abend langsam
aus.
Der
Samstag begann mit einem frühmorgendlichen
Sesselrücken, um den großzügigen Seminarraum des
Kolping-Hauses vereinsfit zu machen, was dem niederösterreichischen
Landesreferat binnen kurzem auch gelang. Nach kreislaufförderndem
Teein- und Koffeingenuß durch die Interessenten konnte sodann
der eben eingetroffene Vereinsvorsitzende Dr. Maislinger den zweiten
Tag des Seminars eröffnen.
Nach
Vorstellung seiner Person und seines Engagements für hochbegabte
Kinder gab der Vorsitzende einen Abriss der Geschichte und des großen
Nutzens des Auslandsdienstes, er erzählte von den Beweggründen
seines Einsatzes für den Gedenkdienst und der Ausweitung auf
Sozial- und Friedensdienste, deren Kombination ungeahnte und fruchtbare
Synergieeffekte ergebe. Auch juristische Details wurden angesprochen:
Auslandsdiener seien keine Zivildiener, sondern Zivildienstpflichtige,
und ein Vertrag, der einem Kandidaten die Chance gibt, ins Ausland
zu gehen, sei stets zwischen dem Auslandsdiener und dem Verein,
nicht jedoch zwischen ersterem und dem BMI.
Auch
auf ein mit dem Jahrgangssprecher 1999, Peter Mangel, akkordiertes
Vorgehen in Bezug auf neue Gedenkdienststellen in den USA wurde
hingewiesen. In Zukunft werden keine derartigen Stellen auf dem
nordamerikanischen Kontinent mehr beantragt; stattdessen sollen
nunmehr in Ost- und Ost-Mitteleuropa Partnerinstitutionen zur Ableistung
eines Gedenkdienstes beantragt werden.
Ein
besonders wichtiges Anliegen war es Dr. Maislinger, den Interessenten
klar zu machen, was von Auslandsdienern erwartet wird. Ein Zivildienstersatz
liegt im Interesse der Republik Österreich – nachlässiges
Auftreten des Auslandsdieners könne dem Ansehen Österreichs
daher ungemein schaden. Zuhören sei wichtig und danach ein
Hineinwachsen in seine ausgesuchte Stelle; Höflichkeit und
Respekt muss absolut gewährleistet sein, fremde Kulturen sollten
wir nicht unüberlegt und unvorbereitet besuchen, jegliches
eurozentristische Verhalten sei strikt abzulehnen. Ein Auslandsdiener
soll die Kultur und Geschichte seines ausgewählten Landes kennen
– aber auch jene Österreichs, um Blamagen zu vermeiden.
Nach
einer kurzen Pause lud Dr. Maislinger die Interessenten des Gedenkdienstes
zu sich, um über ihre Gründe, ins Ausland gehen zu wollen,
zu sprechen. Die inhaltliche Vorbereitung der angehenden Gedenkdiener
stand hierbei im Mittelpunkt, wobei insbesondere die gelesene Literatur,
spezifische Filme und Veranstaltungen das Interesse des Vereins-Vorsitzenden
erregten. Gegen Ende dieses Gesprächs einigte sich die Runde
auf ein Mindestmaß an inhaltlicher Vorbereitung: vor Dienstantritt
muss nachgewiesen werden, dass zumindest zehn Veranstaltungen besucht
wurden – diese sind neben der Bewerbung und dem Lebenslauf abzugeben.
Die Richtigkeit der Angaben soll vom Landesreferenten laufend bestätigt
werden.
Dem
Mittagessen im Café Gentz folgte gegen 14 Uhr die Vorstellung
des inhaltlichen Seminarthemas durch Ingo Derschmidt. Anhand der
Sonntagsrede Martin Walsers anlässlich der Verleihung des Friedenspreises
des Deutschen Buchhandels und der großen Kontroverse, die
diese Rede insbesondere in der jüdischen Gemeinde auslösen
sollte, wurde es den Interessenten zur Aufgabe gemacht, Martin Walsers
Rede im Kontext der Stellungnahme anderer Intellektueller und anderer
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu analysieren.
Die Frage, die wir beantworten sollten, lautete: "Wie soll erinnert
werden?"
Anschließend
an diese Aufgabenvergabe wurden den Gedenkdienst-Interessenten die
Möglichkeit gegeben, an einem Vortrag des ehemaligen Auslandsdieners
Martin Mayr teilzunehmen, während die Sozial- und Friedensdiener
bereits an der von Ingo Derschmidt gestellten Aufgabe arbeiteten.
Martin
Mayr, der vor einigen Jahren einen 14monatigen Dienst in Auschwitz
geleistet hatte, erzählte von seinen reichen Erfahrungen und
Eindrücken aus der polnischen Kleinstadt und dem nahen Krakau.
Seine Freude mit den Menschen und der harten Arbeit, das Lernen
einer neuen Sprache, die Probleme eines Homosexuellen in einer traditionellen
katholischen Gesellschaft, und seine Berichte von Ausflügen
mit den neugefundenen polnischen Freunden rundeten das Bild eines
durchwegs erfahrenen und mutigen jungen Mannes ab, dessen Courage
und Engagement jedem von uns angehenden Auslandsdienern ein leuchtendes
Beispiel sein mag.
Nach
der Klärung weniger noch unentschiedener Details in einem Gespräch
aller Referenten mit Herrn Dr. Maislinger wurde schließlich
gegen 19.30 Uhr das gemeinsame Abendessen im Café Gentz eingenommen.
Der
Sonntag begann um 10 Uhr mit
der Auswahl der nächsten Kandidaten für Gedenkdienststellen
im Ausland. Jene, die bereits vor dem nächsten Seminar im März
ihren Dienst im Ausland antreten werden, wurden vom Vorsitzenden
verabschiedet. Ab 12.50 Uhr wurde schließlich die Abschlussrunde
eingeleitet. Letzte inhaltliche und noch offene Fragen wurden im
Plenum geklärt: Fragen zur Homepage, zum Vertrag oder möglichen
Aufschub wurden von kompetenter Seite beantwortet.
Den
Abschluss bildete ein Vortrag des Landesreferats Steiermark, dessen
inhaltliche Leistungen allen anderen Landesreferaten als Beispiel
dienen sollte. Landesreferent Franz Kainz und sein designierter
Nachfolger Alex Baldele erzählten von ihren Kontakten zum JVP-Obmann
Amon, zum Grazer Bürgermeister Stingl und zum erst unlängst
kontaktierten Arnold Schwarzenegger. Die vom Landesreferat Steiermark
besuchten Veranstaltungen zu Themen wie "Vom jüdischen Leben
in Graz" und "Wiederaufbau der Grazer Synagoge" wurden vorgestellt.
Ein neuer Folder und ein vom Landesreferat Steiermark entworfener
Poster wurden dem Plenum schließlich zur Diskussion vorgelegt,
wobei jedoch noch keine endgültige Entscheidung getroffen worden
ist.
Nach
Applaus und anerkennenden Worten durch Ingo Derschmidt und Mario
Böhm ging das Organisations-Seminar planmäßig um
14 Uhr zu Ende. Ein gemeinschaftliches Sesselrücken setzte
ein, bevor sich die Seminarteilnehmer schließlich zu Bim,
U-Bahn oder Auto begaben und den Heimweg antraten.
Ein
Dankeschön an die Organisatoren!
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