|

|
Braunau
1999
|
Der
Verein für Zeitgeschichte, der seine Aufgabe in der
Förderung des Geschichtsbewußtseins sieht, veranstaltete
heuer wieder die seit 1992 alljährlich stattfindenden
Zeitgeschichte-Tage in Braunau. Die Tagungen der letzten
Jahre beschäftigten sich meist mit einem Thema der
Nationalsozialistischen Vergangenheit. Nicht etwa braune
Burschenschaften und Exponenten der Auschwitz-Lüge,
wie manch einer voreilig schließen mag, traten bei
diesen Veranstaltungen zusammen, um alte Zeiten hochleben
zu lassen. - Nein, die Stadt Braunau - belastet durch das
Faktum, Geburtsstadt Adolf Hitlers zu sein - hat sich zum
Ziel gesetzt, durch aktives Wirken einen kleinen Beitrag
zur Aufarbeitung der österreichischen Geschichte zu
leisten.
Das
Thema der diesjährigen Veranstaltung unterschied sich
etwas von den der bisherigen Braunauer Zeitgeschichte-Tagen.
Nicht eine Vergangenheit, die bereits über 50 Jahre
zurückliegt, sollte Schwerpunkt sein, sondern die seit
10 Jahren am Balkan stattfindenden Vertreibungen und Morde,
die trotz internationaler Hilfe kein Ende zu nehmen scheinen.
Bei den "Notwendigen Begegnungen" waren Albaner, Bosnier,
Kroaten und Serben eingeladen, um miteinander zu reden und
zu diskutieren. Die noble Intention der Veranstaltung war
es, einen kleinen bescheidenen Beitrag zu leisten, um eine
Versöhnung denkbar zu machen. Wie schwierig so eine
Versöhnung jedoch ist, wurde im Laufe der Tagung immer
deutlicher.
Mitveranstalter
der Zeitgeschichte-Tage war der Verein für Dienste
im Ausland. Der Gründer und Obmann des Vereins für
Dienste im Ausland (und Beirat im Vorstand des Vereins für
Zeitgeschichte), Dr. Andreas Maislinger, übernahm die
wissenschaftliche Leitung und die Moderation. Die Zeitgeschichte-Tage
waren gekoppelt mit einem Seminar des Vereins für Dienste
im Ausland, dessen Besuch Pflicht für alle Auslandsdienst-Kandidaten
war.
|
Eröffnung
Eröffnet
wurden die 8. Braunauer Zeitgeschichte-Tage durch eine Rede
von Gerhard Skiba, dem Bürgermeister der Stadt
Braunau am Inn, und von Mag. Florian Kotanko, dem
Obmann des Vereins für Zeitgeschichte. Dem Bürgermeister,
als Vertreter des Hauptsponsors der Veranstaltung, war es
ein Anliegen, dass die Zeitgeschichte-Tage gerade in Braunau
stattfinden, und die Stadt Braunau so einen kleinen Beitrag
zu einem friedvolleren Zusammenleben der Völker leisten
könne. Mit Bedauern wurde erwähnt, dass der serbische
Botschafter die Einladung zu den Zeitgeschichte-Tagen mit
der Begründung, Braunau sei als Stadt historisch zu
belastet, abgelehnt hat.
Mag.
Kotanko lobte die Flexibilität des Vereins fürs
Zeitgeschichte. Das ursprünglich geplante Thema "Versteinerte
Ideologien" wurde abgesagt, und aus aktuellem Anlass sollte
ein Thema, das die Berichterstattung der Medien die letzten
Monate dominiert hat, näher beleuchtet werden.
|
"Flucht
und Vertreibung im 20. Jh."
Mit
einem Referat über "Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert"
bot Tilman Zülch eine interessante Einführung
in die Thematik an. Tilman Zülch ist Gründer und
Leiter der Gesellschaft für bedrohte Völker. Als
Menschenrechtsaktivist ist er ständig mit den Schicksalen
der Opfer von Vertreibung und Genozid konfrontiert. Er erfährt
die Berichte der grauenhaftesten Verbrechen sozusagen aus
erster Hand.
Tilman
Zülch versucht Verbrechen unabhängig von politischen
Ideologien zu sehen. Die deutsche "Linke" kritisierte er,
weil sie nur dann aufschreie, wenn Opfer der eigenen Seite
zu beklagen sind. Objektiv zählte er Verbrechen der
einen, sowie jeweils der anderen Partei auf. Zwar muss man
klar zwischen Opfer und Täter unterscheiden, doch kann
"das Opfer von gestern schnell zum Täter von morgen
werden." In diesem Kontext führte er die Vertreibung
der Volksangehörigen der Roma, Ashkali und der Serben
aus dem Kosovo an.
Kritik
übte Tilman Zülch auch an der Politik der westlichen
Demokratien. Oft tragen sie Mitschuld an den Verbrechen
diktatorischer Regime. So wurde die Vertreibung der Kurden
durch Waffenlieferungen (z.B. der Deutschen) an die Türkei
jahrelang unterstützt, und ebenso wurden bei der Invasion
Indonesiens in Osttimor (1975) westliche Waffen verwendet,
um über ein Viertel der Bevölkerung, 200 000 Osttimoresen,
auszurotten. - Beides Konflikte, die an Aktualität
nicht verloren haben.
Auch
mit Kritik an der Flüchtlingspolitik Europas hielt
sich Tilman Zülch nicht zurück. Es sei typisch
für die politische Lösung von Flüchtlingsfragen
in Europa, dass man das Problem mit dem Zurückschicken
der Flüchtlinge in ihre Heimat als gelöst betrachte.
- Eine Haltung, die Tilman Zülch für unsinnig
hält.
Für
eine Versöhnung sind - so Tilman Zülch - das Bewußtmachen
und Eingestehen der eigenen Schuld wichtigste Voraussetzung.
Bevor nicht Kriegsverbrecher wie Slobodan Milosevic, Radovan
Karadzic und Ratko Mladic für ihre Taten bestraft wurden,
sei eine Versöhnung am Balkan schwer möglich.
|
"Notwendige
Begegnungen"
Den
Kern der Braunauer Zeitgeschichte-Tage sollten die Begegnungen
zwischen Angehörigen der sich bekriegenden Volksgruppen
bilden. Begegnungen, die eine Notwendigkeit darstellen -
so Dr. Andreas Maislinger.
Gäste
waren die Mitarbeiter des Radiosenders "Radio Nachbar in
Not" Skender Gashi, Radovan Grahovac, Vladislav
Marjanovic und Ute von Maurnböck, sowie
Quasim Berisha von der Albanischen Gemeinschaft in
Wien, Vera Majanovic und Milorad Mateovic vom
Serbischen Zentrum Wien, und Fadila Memisovic von
der Gesellschaft für bedrohte Völker, Sarajevo.
Der
Radiosender Nachbar in Not will Service und Information
für Betroffene anbieten. Durch eine groß angelegte
Radiospendeaktion sollte der Empfang nahezu überall
in den Krisengebieten möglich werden. Das ethnisch
gemischte Redaktionsteam bietet die Sendungen in mehreren
Sprachen an - in Albanisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch,
Deutsch und Englisch. Täglich 5 Stunden - von 20:00
bis 1:00 Uhr - können Betroffene und Interessierte
Radio Nachbar in Not auf den Frequenzen 1476 kHz MW und
5945 kHz KW empfangen.
Das
eine Versöhnung am Balkan in absehbarer Zeit möglich
ist, daran zweifeln die Mitarbeiter von Radio Nachbar in
Not. Zuerst müsse das verbrecherische serbische Regime
durch eine Demokratie ersetzt werden, und selbst dann werde
es noch Jahre dauern.
Zu versöhnlichen
Gesten waren die Vertreter des Serbischen Zentrums und der
Albanischen Gemeinschaft in Wien bereit. Beide beharrten
jedoch auf ihren politischen Standpunkten. "Ein Problem,
das die Diskussion behinderte, stellte die Tatsache dar,
das hier klare Standpunkte von Organisationen vertreten
werden mussten", bemerkte Dr. Martin Stieger vom Heimkehrerverband.
Die
Vertreter des Serbischen Zentrum Wiens wehrten sich gegen
die Schwarzweißmalerei von Täter und Opferrollen:
Alle Beteiligten tragen Schuld an den Verbrechen. Deutlich
gegen diese Meinung sprachen sich Tilman Zülch und
Dr. Andreas Maislinger aus. Genauso wie ein Kind nie Mitschuld
an einer sexuellen Mißhandlung trägt, gäbe
es auch am Balkan eine klare Unterscheidung zwischen Tätern
und Opfern. Verbrecher wie Karadzic seien eindeutig als
reine Täter zu charakterisieren.
Für
Milorad Mateovic vom Serbischen Zentrum Wien war Voraussetzung
für eine Versöhnung der serbischen und albanischen
Volksgruppen, dass der Kosovo Teil Jugoslawiens bleibe.
Militant wiederholte er, dass der Boden des Kosovos immer
jugoslawisch sein wird - unabhängig davon, ob Serben
dort leben oder von den Albanern gänzlich vertrieben
werden.
Quasim
Berisha von der Albanischen Gemeinschaft in Wien will eine
Versöhnung jedoch nur zwischen benachbarten Staaten.
Der Kosovo könne nach diesem Krieg nicht mehr Teil
Jugoslawiens bleiben. Berisha betrachtet die Kosovaren und
die NATO als klaren Sieger des Krieges. Serbien solle doch
seinen Verliererstatus eingestehen, und wie nach jedem Krieg
- so Berisha - sollten die Verlierer Reparationen leisten.
"In
Braunau wird kein Tribunal gegen irgend jemanden stattfinden",
schrieb Dr. Andreas Maislinger. Und doch schien sich die
Veranstaltung kurz in diese Richtung zu entwickeln, als
das Publikum Herrn Milorad Mateovic aufforderte, bezüglich
Milosevic Stellung zu nehmen. Milorad Mateovic hingegen,
der nach seinem letzten Fernsehauftritt mit Qausim Berisha
mit Drohungen konfrontiert wurde, wollte es unterlassen,
sich über das Regime Jugoslawiens zu äußern
und distanzierte sich auch nicht von beim Internationalen
Gerichtshof in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagten
Persönlichkeiten.
|
"Der
Serbische Mythos"
Den
- zumindest emotionalen - Höhepunkt der Veranstaltung
verursachte Malte Olschewski mit seinem Referat.
Der vor allem vom ORF bekannte Referent Olschewski erklärte
zunächst einmal, wie er durch die zusätzliche
Einbindung von neuartigen, unkonventionellen Informationsquellen
bei seinen Recherchen einen höheren Grad an Objektivität
erreichen könne. Schon bald war jedoch ein Großteil
der Anwesenden davon überzeugt, dass ihm die Objektivität
und journalistische Distanz weitgehend fehlten.
In den
Medien werde das serbische Volk immer zu Unrecht dämonisiert,
kritisierte Olschewski. Zur Untermauerung dieser Aussage
führte er einen Beispielfall an, in dem die Medien
unrichtiger Weise den Serben ein Massaker in Bosnien verantwortlich
gemacht hätten. Verbrechen am Balkan hätten von
jeder Seite in gleichem Ausmaß stattgefunden. In der
Geschichte hätten die Serben jedoch durchgehend seit
der Schlacht am Amselfeld 1389, bei der sie von den Europäern
verraten wurden, die Rolle des Opfers inne. Dies mache die
Rache der Serben verständlich.
Der
Vortrag von Olschewski verursachte heftige Emotionsausbrüche
bei dem Menschenrechtsaktivisten Tilman Zülch: Durch
eine vollkommene Verdrehung der Geschichte versuche Olschewski
serbische Verbrechen zu relativieren und zu rechtfertigen.
Den Film, den Olschewski am Ende seines Vortrages gezeigt
hat, erinnere stark an NS-Propaganda Filme. Besonders dieser
Film, in dem Kriegsverbrecher als Helden dargestellt wurden,
und Kommentare wie "das serbische Volk ist das Volk in Europa,
das am meisten gelitten hat" stießen auch im Publikum
auf heftige Kritik.
Empört
darüber, dass Olschewski nach Braunau eingeladen wurde,
verließ Tilman Zülch den Tagungsraum.
|
"Versöhnungsmechanismen"
Anhand
dem Beispiel Deutschland - Sowjetunion/Rußland diskutierten
Werner Falk von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
und Dr. Martin Stieger vom Österreichischen
Heimkehrerverband über Mechanismen, die hinter einer
Versöhnung stehen.
Ähnlich
wie der Verein für Dienste im Ausland Gedenkdiener
ins Ausland entsendet, ermöglicht Aktion Sühnezeichen
Friedensdienste in Deutschland jungen Menschen die Ableistung
von Freiwilligendiensten. Denn man dürfe von Versöhnung
nicht nur reden, sondern müsse auch etwas dafür
tun. "Versöhnung kann geschehen, wenn der Schuldige
seine Schuld bekennt und denjenigen, an dem er schuldig
geworden ist, um Vergebung bittet - und dieser ihm vergibt."
Dr.
Martin Stieger, ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener,
wies auf das Problem der Haftung ohne Schuld hin - die Verantwortung
für etwas, dass man nicht persönlich verschuldet
hat. Auch Tilman Zülch entgegnete, dass junge Menschen
heute keine Schuld tragen an Verbrechen, die vor über
50 Jahren begangen wurden.
Dr.
Martin Stieger ist die Abklärung der Terminologie als
Grundlage für eine sachliche Diskussion wichtig: Mit
Versöhnung ist nicht Verbrüderung gemeint, auch
nicht die Herrstellung eines Idylls, sondern das Herbeiführen
eines Friedenszustandes. Wegen der sprachlichen Schwierigkeiten,
auch bedingt dadurch, dass die Muttersprache vieler Teilnehmer
der Zeitgeschichte-Tage nicht Deutsch ist, könnte es
hier zu Verständigungsproblemen gekommen sein.
Die
Sprache sei es auch, die oft zum Scheitern einer Versöhnung
führe. Oft sei die eine Partei "taub", das heißt
sie ist nicht fähig, dem anderen zuzuhören, und
die andere Partei "stumm", also nicht fähig, in einer
Sprache zu sprechen, die der andere versteht. Voraussetzung
für eine Versöhnung ist, mit dem anderen in einen
Dialog zu kommen.
Wie
schwer jedoch so ein Dialog sein kann, wenn derart starke
Emotionen, wie sie die Erfahrung von Leid und Grausamkeiten
verursachen, eine Rolle spielen, wurde bereits am Vortag
an den Reaktionen zu Malte Olschewskis pro-serbischer Haltung
vielen Anwesenden bewußt.
|
|
|