Auslandsdienst für Frauen / Was es bedeutet als Österreicherin geboren worden zu sein

„Frauen im Auslandsdienst? Ich dachte das dürfen nur Männer machen, wegen Zivildienst und so.“

Das war einmal! Ab sofort können auch Frauen und nicht-zivildienstpflichtige Männer einen Auslandsdienst beim Österreichischen Auslandsdienst absolvieren. Und zwar mit gleichem Anspruch auf finanzielle Förderung von der Republik. Damit erfüllt sich uns ein lang ersehnter Wunsch. Endlich können Frauen wie Männer gleichberechtigt einen Gedenk-, Sozial-, oder Friedensdienst an unseren weltweiten Einsatzstellen ableisten. Dass die Auslandsdienste dabei absolut nicht reine Männersache sind, erzählt Flora Brandl im Interview auf Radio Auslandsdienst. Flora leistete 2014 einen damals noch selbstfinanzierten freiwilligen Dienst an der Bibliothèque et archives de l’Alliance Israelite Universelle in Paris.

Paris – Liebe und Kultur

„Ich habe mich nach meiner Matura entschlossen ein Gap Year zu machen und hab mich also nach sinnvollen Dingen umgeschaut,“ erzählt die Salzburgerin von der Zeit bevor sie zum Österreichischen Auslandsdienst kam. Dabei hat sie beschlossen ihr Jahr zu teilen und in der ersten Hälfte eine selbstorganisierte Freiwilligenarbeit in Kenia und Tansania zu leisten. „Für die zweite Hälfte hab ich dann quasi den Auslandsdienst entdeckt, wie genau weiß gar nicht mehr“. Jedenfalls war es für Flora das richtige in diesem Jahr.

Paris war faszinierend, beeindruckend und hat Flora in den drei Monaten, die sie dort verbrachte sprichwörtlich aufgesaugt. „Ich glaube ich hab in dieser kurzen Zeit die Museen auswendig gelernt“, lacht sie. Denn besonders die Pariser Kultur wird ihr für immer in Erinnerung bleiben. Doch Flora ist es wichtig nicht zu pauschalisieren, wenn sie über die sogenannte französische Kultur spricht. Denn eine solche gäbe es ganz einfach nicht. An ihrer Einsatzstelle hatte sie viel mit der französisch-jüdischen Kultur zu tun. „Das ist wieder ganz anders. Man kann nicht wirklich von einer französischen Kultur sprechen. Vielmehr sind es viele verschiedene“. Letztlich sind sich aber die europäischen Kulturen sehr nahe, diesen Vergleich kann Flora nach ihrem Aufenthalt in Tansania und Kenia mit Sicherheit ziehen.

Die Vorbereitung auf ihre Stelle war Flora sehr wichtig. Und das obwohl sie in der Zeit bereits in Kenia war, und das mit nicht immer sicherer Internetverbindung. „Aber da sind mir meine Kollegen oft sehr entgegen gekommen“, erinnert sich die Alumna. Und hat sich dann eher auf das Lesen von empfohlenen Büchern konzentriert, ganz offline.

Floras Zuständigkeit vor Ort war in erster Linie Arbeit in der Bibliothek, in der sich über Stockwerke alte wie neue Literatur zum Judentum türmt. Dort, insbesondere durch ihre jüdischen KollegInnen, erhielt Flora einen umfangreichen Einblick in jüdische Kultur und Lebensrealitäten. „Judentum heißt nicht bloß ganz streng koscher essen“, berichtet die Gedenkdienerin, „da gibt es, wie im Christentum auch, ganz viele unterschiedliche Facetten und Auslegungen“. Vor ihrem Auslandsdienst war Flora in Österreich kaum mit dem Judentum in Kontakt gekommen, vielleicht war es gerade deshalb umso prägender für sie. „Für mich waren es vor allem die strengen Gebote die Feiertage einzuhalten, die mich fasziniert aber auch zuerst verwundert haben“. So hatte Flora Freitags beispielsweise nur bis 12 Uhr Dienst, denn im Anschluss galt es sich auf den Sabbat vorzubereiten.

Im Rückblick war es für die Gedenkdienst-Alumna vor allem der Umgang mit der Religion im Alltag, der sie berührt hat. „Religion im Alltag heißt nicht gleich radikalen oder fundamentalistischen Auslegungen anzuhängen, sondern ist etwas ganz normales. Bei uns steht bei den meisten Menschen der Glaube, das Christentum, eher im Hintergrund. Dabei kann Religion ja auch sehr viel Gutes bewirken.“

Für Flora Brandl war ihr Gap Year genau das Richtige. Ihre Geschichten zeigen, wie bereichernd es sein kann aus den vorgefertigten Ausbildungsbahnen auszubrechen. Der Auslandsdienst eröffnete Flora die Möglichkeit sich mit ihr selbst auseinander zu setzen, und zu ergründen, was es bedeutet als Österreicherin geboren zu sein.

Wer Lust bekommen hat mehr von Floras Gedenkdienst an der Bibliothèque et archives de l’Alliance Israelite Universelle, Geschichten aus Paris und über das Judentum zu hören, für den gibt es das gesamte Interview hier zum nachhören.

Interview mit Flora Brandl